Deutschlandradio-Intendant Ernst Elitz über die Zusammenlegung von SFB und ORB

"Die Ängste sind unbegründet"

Ralph Kotsch
5 Min

Ernst Elitz kennt sich mit Fusionen aus. In den 90er-Jahren formierte er aus Deutschlandfunk, Rias und DS-Kultur das Deutschlandradio. Wir sprachen mit ihm über die bevorstehende Zusammmenlegung von SFB und ORB.Erstaunt Sie das Tempo, mit der die Fusion jetzt durchgezogen wird, nachdem sie durch die Politik jahrelang verschleppt wurde?Wenn man in Fusionsangelegenheiten kein Tempo vorlegt, besteht die Gefahr, dass aus guten Ideen nichts wird. Insofern Kompliment für das Tempo.In den vergangenen Tagen protestierten die Personalräte von SFB und ORB und der ORB-Rundfunkrat gegen die Fusion. Können Sie die Kritiker verstehen? Es ist ja nicht das erste Mal, dass eine Fusion im öffentlich-rechtlichen Rundfunk stattfindet. Es gab die Fusion von Deutschlandfunk, DS Kultur, Rias Berlin und die Fusion der beiden großen Sender SDR und Südwestfunk zum SWR. Man vermeide deren Fehler und nutze deren Erfahrung. Und noch eine Empfehlung: Gewerkschaften und Geschäftsführung sollten nicht in einen öffentlichen Rednerwettstreit eintreten, sondern kooperativ zusammenwirken.An der Frage des Intendantensitzes drohte die ganze Fusion zu scheitern. Ist es wirklich so wichtig, wo der Intendant seinen Schreibtisch hat? Außerhalb von Berlin und Brandenburg hätte keiner verstanden, wenn die Fusion daran gescheitert wäre. Ich kann aus unseren Erfahrungen sagen, das der juristische Sitz oder der Sitz des Intendanten noch in keinem Punkt eine Rolle gespielt hat. Der Intendant muss an beiden Standorten, in unserem Falle also Köln und Berlin, präsent sein. Er muss das Gemeinsame vorleben, damit eine gemeinsame Identität zwischen unterschiedlichen Funkhäusern entsteht. Das ist beim Deutschlandradio gelungen. Ich muss das Flugzeug benutzen. Zwischen Potsdam und Berlin lässt sich das mit dem Auto auf der Avus oder mit einer Dauerkarte bei der Berliner S-Bahn erledigen. Ist diese Reiserei nicht hinderlich für den Intendanten?Man kann als Intendant zwei Standorte nicht von einem Schreibtisch aus zusammenführen und die Mitarbeiter des anderen Standortes zu sich zitieren. Der Intendant muss bei den Mitarbeitern sein. Ich verbringe 40 Prozent meiner Zeit in Köln, 30 Prozent in Berlin und die restlichen 30 Prozent in anderen Bundesländern. Wie integriert man die Belegschaft verschiedener Sender? Man muss die Mitarbeiter zur Mobilität ermuntern. Zehn Prozent der Deutschlandradio-Mitarbeiter in Köln sind ehemalige Berliner Mitarbeiter von Rias oder von DS Kultur. Im Deutschlandradio Berlin sind die Mitarbeiter von DS Kultur und Rias sehr schnell zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen. Wichtig war es für uns, nicht West- oder Ost-Redaktionen nebeneinander existieren zu lassen, sondern Redaktionen aus Mitarbeitern mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen zu bilden. Der Meinungsaustausch ist zu einem kreativen Faktor für das Programm geworden. Inzwischen sind wir ein Solitär in der Medienlandschaft: Wir haben gleich hohe Marktanteile in Ost und West. Gab es zwischen den Belegschaften mehr das Ost-West-Problem oder mehr das Berlin-Köln-Problem?Es gab am Anfang natürlich das Ost-West-Problem, vielleicht gar nicht immer politisch bedingt. Eines Tages standen 150 Mitarbeiter von DS Kultur mit ihren Umzugskartons im Rias-Gebäude am Hans-Rosenthal-Platz und mussten untergebracht werden. Natürlich gab es auch eine gewisse Skepsis von Rias-Mitarbeitern gegenüber den Mitarbeitern aus der Nalepastraße und umgekehrt. Das beste Rezept gegen solche Fremdelei ist, wenn man etwas Gemeinsames entwickeln muss. Das galt letztlich auch für Köln und Berlin. Wie weit muss ein Neuanfang im Programm gehen, wenn zwei Anstalten zusammengelegt werden?Der RBB muss entscheiden, welche Programme er sich finanziell leisten kann. Ein solcher Neubeginn ist zugleich auch die Chance, noch einmal alle Programme auf den Prüfstand zu stellen: Was kommt an beim Publikum, worauf kann man verzichten, und was muss neu entwickelt werden? Da bleiben vielleicht 80 Prozent, 20 Prozent kommen neu hinzu. Das geht nicht ohne Tränen.Sicher, manchmal hängen Mitarbeiter an ihren Programmen, aber wichtiger ist immer, dass die Hörer und Zuschauer begeistert sind. Sie zahlen schließlich dafür. Programme müssen ständig verbessert werden. Was vor zehn Jahren noch gut war, kann heute schon ein Museumsprogramm sein. Ist eine Kooperation des RBB mit dem Deutschlandradio vorstellbar?Zwischen dem Deutschlandradio, ORB und SFB gibt es schon gemeinsame Hörspiele, gemeinsame öffentliche Veranstaltungen. Das kann man sicher noch optimieren. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, Programme für diese fusionierte Anstalt zu machen. Natürlich können bestimmte Programmstrecken vom Deutschlandradio übernommen werden. Das spart Geld und deshalb machen es andere auch, zum Beispiel der Saarländische Rundfunk und Radio Bremen. Jetzt wird für den RBB erst mal ein neuer Intendant gesucht. Wie muss der idealerweise aussehen?Der Idealintendant ist einer, der Programmprofilierung betreibt und den Mitarbeitern als Identitätsstifter vorangeht. Und er muss sich auf eine breite Mehrheit in den Gremien stützen können. Insofern sehe ich in der erforderlichen Zweidrittelmehrheit für die Wahl des RBB-Intendanten keinen Nachteil. Ist nicht auch mehr Gelassenheit bei solch einer Fusion angebracht?Es muss natürlich erst einmal diese Phase der Aufregung geben, es muss sich alles durchschütteln. Dann wird sich herausstellen, dass viele Ängste unbegründet waren. Der Programmerfolg ist die beste Belohnung für den Anfangsärger.Das Gespräch führte Ralph Kotsch.Vorbildfunktion // Deutschlandradio ist 1994 aus Deutschlandfunk, DS Kultur und Rias hervorgegangen. Standorte sind Köln (Deutschlandfunk) und Berlin (Deutschlandradio).Die Fusion von SFB und ORB zum Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) ist beschlossene Sache. Gestritten wird noch über den Sitz des Senders. Kritik gibt es auch an Regelungen, die angeblich das Mitbestimmungsrecht der Mitarbeiter einschränken.BERLINER ZEITUNG/BENJAMIN PRITZKULEIT Das Funkhaus von Deutschlandradio Berlin. Elitz hat hier ebenso ein Büro wie in Köln, dem Hauptsitz des Senders.

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