Deutschlands weiße Weste

Stephan Kaufmann
3 Min

Die Amerikaner sind schuld an der Krise. Mit dieser Diagnose scheint die Bundesregierung ihre Ursachenforschung in Sachen Finanzkrise zu einem für sie befriedigenden Ende gebracht zu haben. Schließlich hatte die Krise ihren Ausgangspunkt in den USA, dort lebte man jahrelang über seine Verhältnisse, pumpte die ganze Welt an und erfand windige Finanzprodukte, die in alle Welt verkauft wurden. Deutschlands Weste ist blütenweiß. Fragt sich nur, warum gerade die Bundesrepublik das Land ist, dessen Wirtschaft - nach Japan - am stärksten schrumpft und dessen Bankenrettungen - nach den USA - am teuersten waren.Die Antwort liegt im Geschäftsmodell, mit dem sich Deutschland in die Welt integriert hat: Export. Im vergangenen Boom konnten deutsche Unternehmen ihre Ausfuhren drastisch steigern. Dank niedriger und stagnierender Lohnkosten waren sie konkurrenzlos billig während der Boom am Normalverdiener vorbeiging. Ergebnis: Stagnierender privater Konsum und ein wachsender Leistungsbilanzüberschuss (also Exporte minus Importe), der 2007 über 260 Milliarden Dollar wuchs. Das wurde nur noch von Chinas 370 Milliarden Dollar getoppt. Deutlicher wird der Vorsprung Deutschlands noch, wenn man die Ausfuhren pro Einwohner vergleicht: Hier kommt jeder Deutsche auf 18 000 Dollar, der Chinese nicht mal auf 3 000 Dollar.Seit dem Jahr 2002 summieren sich die deutschen Exportüberschüsse auf 900 Milliarden Euro. Was geschah mit dem Geld? Ein großer Teil davon floss in Finanzanlagen. Kurz vor dem Platzen der Immobilienblase erreichten die deutschen Geldanlagen in Amerika einen Gipfel. So pumpte im Export verdientes Geld die Spekulationsblase auf - in den USA, aber auch in Spanien oder Großbritannien.Das war ein schlechtes Geschäft, wie sich heute zeigt. Besonders für die Deutschen. Denn während die Chinesen vor allem US-Staatsanleihen erwarben, kauften deutsche Banken haufenweise lukrativ erscheinende Schrottpapiere. Und stehen nun dumm da.US-Präsident Barack Obama fordert jetzt ein Umdenken der Exportchampions. "Wir können nicht in die Ära zurückkehren, in der die Chinesen und Deutschen oder andere Staaten uns einfach nur alles verkaufen", sagte er. Auch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück sieht das Problem - aber nicht in den deutschen Überschüssen: "Die Hauptprobleme bei den weltweiten Ungleichgewichten sind das amerikanische Leistungsbilanzdefizit, aber auch das amerikanische Staatsdefizit und das Defizit der amerikanischen Privatkunden", sagte er am Freitag auf dem G20-Gipfel. Dass Defizite eines Landes nur die Folge von Überschüssen anderswo sind, scheint ihn nicht zu stören.Die Bundesregierung setzt also unbekümmert weiter auf Export als Wachstumsstrategie. Diese ließe sich auch gut mit einer Erhöhung der Mehrwertsteuer kombinieren, denn das würde den hiesigen Konsum belasten und nicht Exportgüter verteuern. Die Deutsche Bank rechnet damit, dass 2010 der deutsche Leistungsbilanzüberschuss mit 4,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bereits wieder höher sein wird als der Chinas.------------------------------Grafik: Defizit der USA

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