Ausgangslage
Eigentlich ist die Situation für das deutsche Team relativ komfortabel. In das letzte Gruppenspiel gegen Südkorea geht man als klarer Favorit. Auch, wenn der Gruppenletzte personell solide ausgestattet ist. Die Endgeschwindigkeit von Heung-Min Son und einiger seiner Kollegen ist beachtlich. Insofern wird der Außenseiter auf Tempiwechsel und Kontersituationen setzen, während Kroos und Khedira eher kontrollierte Offensive anstreben dürfen. Ballbesitzfußball ist nach wie vor Löws Prämisse.
Erste Hälfte
Zäh geht es los aus deutscher Sicht. Die Südkoreaner laufen direkt früh an, Deutschland lässt den Ball laufen - und verlangsamt, verschleppt alsbald das Spiel. Viel geht über Kroos, dem Khedira den Rücken freihalten soll. Das gelingt, aber nicht, weil der Wahl-Turiner besonders auffällig wäre, sondern weil die Herren in Rot Madrids „Metronom“ gewähren lassen. Die hohe Ballbesitzquote bringt nichts. Nach der Ballannahme wenden sich die deutschen Offensivkräfte zumeist erst nach hinten, suchen fast flehend den nächsten freien Mann.
Alles wirkt krampfhaft kontrolliert. Das südkoreanische Pressing in Kombination mit deutscher Ideenlosigkeit - lediglich Werner geht mal ins eins gegen eins - ergeben eine maue erste Halbzeit. Und: Chancen haben die Südkoreaner. Einen Freistoß kann Neuer in der 18. Minute nach vorherigem Fangfehler gerade noch entschärfen. Einen Volley semmelt der agile Son in der 23. Minute aus 13 Metern drüber. Erst in der 39. Minute kommt Werner im rechten Sechzehnereck zum ersten ernst zu nehmenden Torschuss. Abgeblockt. Beim folgenden Eckball landet der Ball bei Hummels, der in Müller-Manier wühlt, sich dreht und das Spielgerät sanft in den Armen von Keeper Hyun-Woo Cho ablegt. Dann ist Pause.
Zweite Hälfte
In der 46. Minute schießt Jung aufs Tor. Neuer hält. Dann igeln sich die Südkoreaner ein und lauern auf Konter. Es folgt ein Kammerspiel rund um den Sechzehner. Chancen unterbrechen gelegentlich das Hinundhergeschiebe. Die erste hat Goretzka per Kopf (48. Minute). Es folgt eine Weltklasse-Parade von Hyun-Woo Cho. Zwei Minuten später: ein feine Kombination über Özil und Reus. Werner kann allerdings nicht einnetzen. Dann machen die Schweden das 1:0. Löw beginnt zu wechseln. Müller für Goretzka, Gomez für Khedira. Schweden macht das 1:0. Werner zieht nach 62 Minuten ab. Vorbei. Schweden macht das 2:0 und später das 3:0. Die Südkoreaner bleiben gefährlich. Oft scheitern sie am guten Hummels, der immer irgendwie ein Bein dazwischen bringt. Gomez' Kopfball in der 68. Minute hat der Keeper. Wenig später verpasst der Stuttgarter eine scharfe Hereingabe von rechts knapp.
Es folgen weitere Chancen. So fließt alles dahin. Dann kommt die zweite Minute der Nachspielzeit. Kroos will im eigenen Strafraum klären. Der Ball landet bei Kim. Der schiebt ein. 1:0. Für Südkorea. Die deutsche Mannschaft wirkt konsterniert, müht sich nach vorne. Wieder Chancen, wieder nichts. Neuer hält nichts mehr hinten. Gegenstoß der Südkoreaner. Son vor dem leeren Tor. Drin. Alles vorbei. Schiri Gieger pfeift nach 100 Minuten ab.
Analyse
Behäbig wirkte die Mannschaft, bemüht aber diszipliniert behäbig. Kreativität fehlte, ebenso wie die entscheidende Bereitschaft alles für den Sieg zu tun. Kroos wollte vor allem als Führungsspieler glänzen, wurde oft gesucht und gefunden. Mitgerissen hat er niemanden und leider den entscheidenden Pass gespielt - zum Gegner. Die ganze Mannschaft wirkte aber schon vorher verloren, müde und ängstlich. Abstimmungsfehler waren die logische Folge. Südkorea war besser, clever, engagierter. Und gewann völlig zurecht.
Der Berliner Anteil
Nicht existent. Plattenhardt saß wieder nur auf der Bank und drückte als guter Teamplayer die Daumen. Helfen hätte er ohnehin nicht können.
Die Erkenntnis
Deutschland ist raus. Erstmals nach der Gruppenphase bei einer WM. Das ist historisch. Und folgerichtig. Warnungen vor einer reinen „Komfortzone“ Nationalmannschaft wurden ignoriert. Schlechte Ergebnisse bei Testspielen blieben unbeachtet. Bierhoff sprach vor der Partie von der großer „Variabilität“ als Stärke des Kaders. Es war offensichtlich eine Schwäche. Die Verantwortlichen um Bierhoff und Löw scheinen lange, sehr lange in einer Welt jenseits der sportlichen Realitäten und Möglichkeiten dieses Teams gelebt zu haben. Sie waren unfähig zu reagieren.
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