Das Lob für Pep Guardiola klang ein wenig zerknirscht und war auch noch mit einem kleinen Seitenhieb versehen. „Wenn du wochenlang hörst, du hast keinen Plan B“, grummelte Jürgen Klopp, „dann willst du natürlich zeigen, dass du doch einen Plan B hast.“ Bayern Münchens Trainer mochte die Theorie seines Dortmunder Kollegen, dass seine Spielweise bloß eine Antwort auf die harsche Kritik der letzten Zeit gewesen sei, natürlich nicht teilen.
Die Taktik habe rein rationale Gründe gehabt. „Mit Real Madrid spielt Dortmund die besten Konter der Welt“, sagte Guardiola, „diese Konter wollten wir kontrollieren.“ Doch ob bewusst oder nicht, der Katalane hat sich beim 2:0 des FC Bayern gegen den BVB im DFB-Pokalfinale als exzellenter Trainer erwiesen, der durchaus in der Lage ist, sein Konzept den Gegebenheiten anzupassen. Wenn er will! Was selten vorkommt.
Es gab mehrere Gründe dafür, dass Guardiola seinen ballbesitz- und kurzpassverliebten Kopf-durch-die-Wand-Fußball, den er aus Barcelona mitgebracht hatte, am Sonnabend modifizierte. Zum einen die bitteren Erfahrungen des 0:3 gegen die Dortmunder in der Liga und das 0:4 gegen Real Madrid in der Champions League, zum anderen die personelle Situation. „Ich hatte ja nur einen echten Mittelfeldspieler, Toni Kroos“, sagte er später.
Das Bemerkenswerte am neuen System war, dass es sogar noch funktionierte, als schon nach kurzer Zeit der zentrale Baustein wegbrach. Nach einem üblen Tritt von Nuri Sahin musste der in den Anfangsminuten omnipräsente Kapitän Philipp Lahm, diesmal wieder im Mittelfeld aufgeboten, mit einer Wadenverletzung vom Platz, die sich zur Beruhigung von Bundestrainer Joachim Löw wohl als nicht gravierend herausstellte.
„Wir haben gut mit dem Ball gespielt“, sagte Guardiola zwar, was durch die Ballbesitzquote von 66 Prozent bestätigt wurde, doch ansonsten hatte das Bayern-Spiel nicht viel mit klassischem Guardiola-Fußball zu tun, sondern erinnerte mehr an dessen alten Erzrivalen José Mourinho. Hinten postierte der Trainer zwar die gute alte Cruyff’sche Dreierkette mit dem überragenden Javi Martínez im Zentrum, doch davor agierte ein Fünfermittelfeld, das ziemlich tief stand und den Ball meist auf Höhe der Mittellinie zirkulieren ließ, während vorne Arjen Robben und Thomas Müller beständig auf Lücken lauerten und diese auch immer wieder fanden.
Selbst kontern, statt Konter fangen, hieß die Devise. Anstatt seinen gewohnten Fußball mit einem weit aufgerückten Mittelfeld und Kombinationen am gegnerischen Strafraum spielen zu lassen, verhinderte Guardiola lieber nachhaltig, dass Dortmund Borussen-Fußball spielte. Und obwohl die wesentlichen Grundzüge dieser Strategie schon in einer Boulevardzeitung gestanden hatten, was Guardiola ziemlich nervte, hatte Jürgen Klopp kein Mittel dagegen. Der BVB fand nie richtig Zugang zu diesem Match, der Bayern-Trainer hatte Klopp auf ganzer Linie ausmanövriert, was dessen fortgeschrittene Bärbeißigkeit erklärte.
"Wenn du nicht alles gewinnst, ist es nicht gut.“
Natürlich hätten die Bayern dieses Spiel trotz ihrer Dominanz und der besseren Torchancen verlieren können, vor allem wenn das Tor von Mats Hummels in der 64. Minute gegeben worden wäre, doch der Sieg nach Toren von Robben (107.) und Müller (120.+3) war redlich verdient.
Guardiola war dennoch weit davon entfernt, den Erfolg gegen den zuletzt trotz 19 Punkten Rückstand in der Liga doch wieder etwas triumphalistisch daherkommenden Kollegen allzu genüsslich auszukosten. Es war jedoch zu sehen, welche Genugtuung es ihm bereitete, alle wichtigen Partien gegen Dortmund gewonnen zu haben: den Supercup, das Liga-Hinspiel in Dortmund, ein Meilenstein auf dem Weg zur frühen Meisterschaft, und nun das Pokalfinale.
Gleichzeitig ließ er keinen Zweifel daran, dass sein Ausflug ins Mourinho-Reich eher ein Einzelfall bleiben wird und kommende Saison wieder Plan A greift. „Man muss reden und sehen, was ist das Beste für den Verein und für den Trainer“, sagte er etwas ominös, was aus dem Guardiolischen übersetzt in etwa heißt, dass der Klub ihm einige Wünsche erfüllen muss, wenn er auch künftig Bayern-Trainer sein soll.
Dass diese Saison trotz der beiden nationalen Titel für ihn eine sehr holprige war, gab Pep Guardiola freimütig zu. „Dies war das schwierigste Jahr meiner kurzen Karriere als Trainer“, sagte der 43-Jährige, „aber ich habe viel gelernt.“ Mit Jupp Heynckes hätte der FC Bayern ja vorher alles gewonnen, und „mein Deutsch war nicht gut genug, um die Spieler zu überzeugen. Sie haben gesagt, warum müssen wir etwas ändern, wenn es so gut funktioniert hat.“ Aber, so Guardiola, „ein Trainer muss etwas ändern.“ Der Sieg im europäischen Supercup gegen Chelsea hätte ihm Zeit gegeben, der in Dortmund sei einfach „fantastisch“ gewesen.
Am schnellsten hat Guardiola gelernt, was in München erwartet wird: „Du musst alles gewinnen. Wenn du nicht alles gewinnst, ist es nicht gut.“ Deshalb war dieser Pokal so immens wichtig für Pep Guardiola, der glaubt, dass er nach einer Saison FC Bayern als Trainer „ein bisschen, bisschen besser“ sei. Am Sonnabend hat gegen diese These wenig gesprochen.
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