Am Ende sind es doch die sportlichen Erfolge, die so ein Fußballtrikot unvergesslich machen. Wer im Internet stöbert, der stößt unweigerlich auf das weiße Baumwolltrikot mit weißer Kordel und schwarzem Bündchen, in dem die deutsche Mannschaft 1954 spielte. Rahn schoss damals aus dem Hintergrund, 3:2 gegen Ungarn, Deutschland war Weltmeister. Und wer nach Trikots der DDR sucht, der findet weiße Hemden und dunkelblaue Trainingsanzüge aus den 70ern, als der Mannschaft ein historischer Sieg bei der Weltmeisterschaft gelang. Sparwasser behielt 1974 den Überblick, 1:0 für die DDR, die Bundesrepublik war besiegt.
Nach WM-Trikot bei Soziologen gefragt
Jürgen Rank, der Designer des neuen WM-Trikots der Nationalmannschaft, hat seinen Vornamen einem zu verdanken, der 1974 dabei war. Sein Vater fand Jürgen Grabowski toll, deshalb nannte er seinen Sohn Jürgen. Fußball war in der Familie Rank eine große Sache, und wenn Jürgen Rank heute über sein Designstudium in London spricht, dann erzählt er schnell von den Fußballerlebnissen in der britischen Stadt.
Irgendwann kam er dann zu Adidas und vor zwei Jahren erhielt er den Auftrag, das neue Trikot für die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien zu gestalten. Er spannte Trendforscher ein, die sich um Modefarben kümmern sollten, er ließ Interviews mit Jugendlichen in Berlin, Hamburg und Bremen führen und reiste in die Hauptstadt, um mit dem Soziologen Christian von Scheve an der FU über „kollektive Emotionen“ und „nationale Identifikation“ zu diskutieren.
Denn so ein Trikot ist ja nicht nur ein funktionales Kleidungsstück für die Arbeit auf dem Fußballplatz, sondern auch eine nationale Angelegenheit, es wird während eines Großereignisses von ungefähr einer Million Menschen getragen, ist weltweit im Fernsehen zu sehen, und wenn es wichtig wird, zittert und jubelt auch die Kanzlerin auf der Tribüne.
Jetzt ist es offiziell: Das neue DFB-Trikot mit...
© Adidas Lizenz
... großen Streifen in drei Rot-Tönen auf der Brust.
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Auch auf den Stutzen prangt ein breiter Rot-Streifen.
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Mit diesem Outfit wollen Thomas Müller, Julian Draxler und Co. bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien den WM-Titel holen.
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Ganz neu für die DFB-Kicker ist die weiße Hose.
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Passt! Mesut Özil hat sich schon passende rote Schuhe besorgt.
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Das also ist bei der langen Planung herausgekommen: eine Art Hochzeitstrikot, der Mann trägt ein weißes Trikot, dazu eine weiße Hose und weiße Stutzen, weißer geht’s nicht. Rank sagt, der Entwurf entspreche dem modernen Deutschland-Bild, das die Welt nach der WM 2006 gewonnen habe. Deshalb weg mit der schwarzen Hose, das Land geht neue Wege, die Wahl der weißen Hose nennt Rank einen Traditionsbruch. Die Deutschen seien eben aufgeschlossen für Neues, sie ständen für Selbstbewusstsein (rotes Victory-V auf der Brust) und halten viel von Integration (verschiedenfarbige Linien stehen für verschiedene Lebensläufe und werden doch zu einem Symbol auf der Brust zusammengeführt).
Soweit die politische Botschaft, die zu dem passt, was zurzeit auch in der Werbung über das Land erzählt wird. Der Autohersteller Ford fragt unter der Überschrift „Typisch Deutschland?“ in doppelseitigen Zeitungsanzeigen, was die Menschen in diesem Land ausmache, die Antworten heißen „Perfektion“, „Ordnung“, „Genauigkeit“ und „Aufrichtigkeit“. In Kinospots steht die Lufthansa zu den Klischees über Deutsche. Ein Franzose findet den Perfektionismus der Teutonen auf dem Weg zum Flughafen eigentlich lästig – am Ende sagt er aber: „Fantastique.“
Bleiben die Aspekte Mode und Funktionalität. Fußballklamotten sind vor allem Arbeitskleidung, das vergessen viele bei dem Rummel um die Stars. Ein einheitliches Erscheinungsbild am Arbeitsplatz haben viele Betriebe von Fußballteams übernommen. Von Mannschaftsgeist und Unternehmensidentifikation durch Kleidung spricht Jahn Werner, der in Köln bei Bierbaum-Proenen, einem der führenden Berufsbekleidungsunternehmen Europas, fürs Marketing tätig ist. Designer Rank erwähnt, dass die Trikots extrem leicht, atmungsaktiv und mit Einsätzen für die Belüftung ausgestattet sind. Nicht unwichtig in Südamerika.
Armanis Wahrheit
Aber sehen sie auch gut aus? Das ist ja die entscheidende Frage. Die Generation „Schland“ ist sich da nicht einig, „Hemdschämen“ ist die schönste Formulierung, die den Kritikern im Netz eingefallen ist. Die Unentschlossenheit stört die meisten.
Gut, die Farbe Rot gilt wieder als modisch, die Farbtöne reichen vom satten Tomaten- bis zum dezenten Rotweinrot. Und ganz in Weiß traten zuletzt auch Königinnen des Pop wie Lady Gaga und Miley Cyrus auf. Auch ist ein dynamisches Spiel mit Farben und Mustern bei den Modenschauen in Paris für den Sommer des kommenden Jahres zu sehen gewesen – und doch: Giorgio Armani, der große, alte Mann der Modewelt, hatte einfach Recht, als er einmal sagte, dass Eleganz nicht heiße, ins Auge zu fallen, sondern im Gedächtnis zu bleiben.
Ein wenig mehr Bauhaus mit klarer Linienführung und weniger Gedöns wäre dem Weltereignis im kommenden Sommer angemessen gewesen. Und auch wenn grafische Elemente gerade angesagt sind, die Bedeutung des Zeichens auf der Brust erschließt sich dem Betrachter nicht – außer, wenn er seit vielen Jahren Fußball schaut. Dann erinnert er sich vielleicht an die WM 1990 in Italien, damals wurde die Mannschaft zum letzten Mal Weltmeister. Auf dem Trikot waren schwarz-rot-gelbe Streifen in Brusthöhe zu sehen.
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