Wie haben Menschen im alten China gelebt? Das zeigt das Chinesische Kulturzentrum Berlin aktuell in einer Sonderausstellung über die jungsteinzeitliche Liangzhu-Zivilisation.
Liangzhu bedeutet auf Chinesisch so viel wie die Insel in einem schönen Wasser. Vor 5000 Jahren lebten die Menschen dort am Unterlauf des Jangtse in Südostchina, bauten eine Stadt mit Palastbezirk, gewaltigen Stadtmauern und einem ausgeklügelten Kanalsystem, das riesige Reisfelder bewässerte. Das Wassersystem war von beeindruckender Größe: Der größte Damm maß fünf Kilometer in der Länge und 50 Meter in der Breite.
Als heiliges Material galt Jade, das grüne Halbedelgestein, aus dem sie kunstvolle Zeremonialobjekte schufen. Die bekanntesten sind die Cong-Röhre und die Bi-Scheibe, verziert mit Motiven von Göttern, Menschen und Tieren. Sie stehen für die Vorstellung vom runden Himmel und der quadratischen Erde und gelten als zentrale Symbole für Glauben und gesellschaftliche Ordnung einer der ältesten Kulturen Chinas.
Symbol einer versunkenen Welt: Dieser Jadevogel aus der Liangzhu-Kultur.
© Emmanuele Contini
Älter als die ägyptischen Pyramiden
Im Zentrum thronte ein Palastbezirk auf erhöhtem Gelände, mit Kornspeichern und 35 Hausfundamenten, darum eine von mächtigen Mauern umgebene Innenstadt mit Werkstätten, Gräbern und einem dichten Netz aus Kanälen, und schließlich eine weitläufige Außenstadt, die sich bis in die ehemaligen Flussläufe erstreckte. Allein das aufgeschüttete Baumaterial belief sich auf 7,17 Millionen Kubikmeter - genug, um den Berliner Hauptbahnhof fast 30 Mal zu füllen.
Neugierige Blicke: Besucher bei der Eröffnung der Ausstellung „Hallo, Liangzhu!“ in Berlin.
© Emmanuele Contini
Für viele Forscher ist Liangzhu der früheste Beleg dafür, dass sich in Ostasien ein organisierter Staat herausbildete, lange bevor irgendjemand darüber schrieb. Fast 1000 Jahre lang war die Stadt bewohnt, bis sie vermutlich durch massive Überschwemmungen des Jangtse unterging. Eine dünne Lehmschicht auf den Ruinen gilt als stiller Zeuge dieses abrupten Endes. 2019 nahm die Unesco die Ausgrabungsstätte nahe Hangzhou in die Welterbeliste auf und schloss damit eine lange Lücke für steinzeitliche Stätten in Ostasien.
Vergangenheit modern erleben
Damit die Zivilisation nicht nur in Büchern weiterlebt, setzt Liangzhu heute auf moderne Technik. Mit sogenannten KI-Smart-Brillen, die per Sprachbefehl die Geschichte erzählerisch begleiten und Fakten direkt ins Sichtfeld blenden, können Besucherinnen und Besucher das Leben der Liangzhu-Vorfahren erleben. Aufsetzen, Anweisungen an die Brille sagen, und plötzlich stehen Reisbauern vor einem, brodeln Opferrituale, wächst eine Stadt aus dem Wasser. Raum und Zeit verschwimmen.
Per Sprachbefehl in die Jungsteinzeit: Die Rokid KI-Brillen schildern Szenarien der Hochkultur und erklären archäologische Inhalte.
© Emmanuele Contini
Selbst wer mit moderner Technik wenig am Hut hat, wird sanft herangeführt: Gleich am Eingang stehen Betreuer bereit und erklären den Einstieg. Die Brille ist übrigens keine Unbekannte: Bundeskanzler Friedrich Merz trug sie bereits bei seiner letzten China-Reise, wie ein Organisator der Ausstellung der Berliner Zeitung erklärte.
Erstmals in Deutschland
Seit Montag kann man in die Welt der Liangzhu abtauchen, zum ersten Mal in Deutschland. Vizedirektor He Wenbo eröffnete den Abend mit einer Einladung an sein Publikum: „Ist es Wahrheit oder Mythos?“ Die Antwort liegt in der Ausstellung selbst, die auf mehreren Ebenen erlebbar macht, was vor 5000 Jahren am Jangtse entstand. „Vor fünftausend Jahren schufen die frühen Bewohner von Liangzhu eine glanzvolle Zivilisation“, sagte auch Shi Ling, Ehefrau des chinesischen Botschafters, in ihrer Eröffnungsrede. „Die Menschen dort lebten am Wasser, errichteten befestigte Städte und verliehen durch Jadeartefakte ihrer Vorstellung von Himmel und Erde Ausdruck.“
Shi Ling, Gattin des chinesischen Botschafters, durchschneidet das rote Band, begleitet von Abteilungsleiter des Ethnologischen Museums Maurice Mengel und Vizedirektor He Wenbo.
© Emmanuele Contini
Wer die Ausstellung betritt, begibt sich auf eine Reise, die zeigt: Diese Zivilisation ist kein Mythos, sondern eines der faszinierendsten Kapitel der Menschheitsgeschichte. Eine Kultur, die vor 5000 Jahren Städte baute, Dämme errichtete und aus Jade Kunstwerke schuf. Die KI-Smart-Brille macht daraus kein Museumsbesuch von gestern, sondern ein Erlebnis von übermorgen. Liangzhu ist nicht nur Geschichte. Es ist eine Einladung.