Als Uli Meurer vor 25 Jahren anfing, sich bei der Aidshilfe zu engagieren, da sind ihm die Betroffenen "unter den Händen weggestorben". Eine grauslige Zeit sei das gewesen, erzählt der 56-Jährige. "Wir waren damals mehr auf Beerdigungen als auf Partys." Auch heute noch hört Meurer, ehrenamtliches Vorstandsmitglied der Berliner Aidshilfe, von zwei Menschen pro Woche, die an der Immunschwächekrankheit sterben. Der Tod sei aber nicht mehr in der Dimension sein Begleiter wie in den 1980er-Jahren.Tabu am Arbeitsplatz75 Menschen sind in Berlin im vergangenen Jahr an Aids gestorben, 11 200 leben mit dem HI-Virus. Die Berliner Aidshilfe, die gestern mit einem Festakt im Roten Rathaus ihr 25-jähriges Bestehen feierte, kümmert sich heute eher um die Lebenden als um die Sterbenden. Sie betreut und berät in ihren Räumlichkeiten oder zehn Stunden täglich am Telefon Menschen nach einem positiven HIV-Test, sie hilft ihnen beim Ausfüllen von Formularen, dient als Begegnungsstätte und oft auch als Familienersatz, wenn die biologische Familie oder das Umfeld den mit HIV Infizierten ausgrenzt.Gerade am Arbeitsplatz ist HIV nach wie vor ein Tabu-Thema, sagt Meurer. Er schätzt, dass 60 Prozent aller Infizierten einer geregelten Arbeit nachgehen. "Aber die Mehrheit ist nicht in der Lage, sich dort zu outen", sagt er. Und die, die sich doch trauten, würden oft aus dem Beruf gedrängt, weil ein HIV-positiver Kollege Ängste schüre und den Chefs die Ruhe im Betrieb oft wichtiger sei als das persönliche Schicksal des Betroffenen. So ist es kein Wunder, dass die größten Probleme von Infizierten heute materieller Art sind. "Viele leben von Grundsicherung, weil sie als chronisch Kranke keinen Job mehr finden, oder sie sind frühverrentet", sagt Meurer. Die Gesundheitsreform stelle für sie ein großes Problem dar, da Medikamente gegen die vielen Nebenwirkungen der HIV-Arzneimittel wie Durchfall nicht mehr von den Kassen bezahlt würden. "Da muss dann oft unser Hilfsfonds einspringen."Doch auch bei der Aidshilfe ist das Geld knapp. Sie finanziert sich zu 55 Prozent durch einen Zuschuss des Landes Berlin in Höhe von 600 000 Euro, der Betrag wurde in den vergangenen fünf Jahren um zehn Prozent gesenkt. Der Rest kommt aus Spenden. 1985 begann die Arbeit der Berliner Aidshilfe mit einem Förderbescheid des Landes über knapp 45 000 Mark in einer Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung in einem Hinterhaus am Bundesplatz. Inzwischen residiert der Verein in repräsentativeren Räumen im Vorderhaus an der Meinekestraße 12. 20 hauptamtliche und 240 ehrenamtliche Mitarbeiter führen im Jahr über 10 000 Beratungsgespräche.Sie gehen auch in die Schulen, um Jugendliche über Aids aufzuklären. Dort erleben die Mitarbeiter viel Unwissenheit. "Die Angst vor der Krankheit ist nicht mehr groß", sagt Meurer. Seit 1996 gibt es die Kombinationstherapie, mit der sich das Virus gut in Schach halten lässt und die es Infizierten ermöglicht, das Rentenalter zu erreichen. "Aber das sind keine Vitamintabletten, das ist eher mit einer Krebstherapie vergleichbar, die Nebenwirkungen sind groß und man muss die Medikamente ein Leben lang penibel einnehmen und welche Langzeitwirkungen sie haben, ist noch nicht bekannt", erklärt Meurer. Dazu komme die Ausgrenzung. "Das ist kein angenehmes Leben", sagt der Aktivist. Er sieht die Aufgabe der Aidshilfe weiterhin darin, über die tückische Krankheit aufzuklären. Und er will ein gesellschaftliches Umfeld schaffen, in dem Betroffene angst- und diskriminierungsfrei auf einem angemessenem Niveau leben können. "Davon sind wir noch weit entfernt."------------------------------Schon 3 372 ToteHIV-Infizierte: 2009 erhielten 441 Berliner die Diagnose, dass sie HIV-positiv sind. Im Vorjahr waren es 463. Seit 2000 wurden in der Hauptstadt 3 372 Neu-Infizierte gemeldet. Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass sich 2009 in Berlin 510 Personen neu infiziert haben.Betroffene Gruppen: Die größte Gruppe unter den HIV-Infizierten stellen Männer, die Geschlechtsverkehr mit Männern haben. Bei 313 war 2009 der HIV-Test positiv. Am zweithäufigsten sind Heterosexuelle betroffen (53). Durch verunreinigte Spritzen infizierten sich 2009 lediglich zwei Drogenkonsumenten. 24 der positiv Getesteten stammen aus Ländern, in denen das HI-Virus auch unter Heterosexuellen sehr stark verbreitet ist, wie zum Beispiel in Afrika. Insgesamt sind Männer viel stärker betroffen als Frauen, sie stellen bundesweit 82 Prozent der Infizierten.Aids-Kranke: Seit 1982 sind in Berlin 6 018 Personen an Aids erkrankt. 3 372 davon sind bereits verstorben, rund 2 500 Menschen leben mit der Krankheit. Auf 100 000 Einwohner kommen in Berlin 3,5 Aidskranke - so viele wie nirgends sonst in Deutschland.------------------------------Foto: Kampagnen zur Aidsaufklärung sind nach wie vor wichtig - mehr als 500 Berliner stecken sich jährlich an.
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