Seit Jahrzehnten will dieser in Kalifornien lebende Brite Wirklichkeit und Fiktion miteinander verschmelzen. Dafür durchkurvte er die Geschichte der Malerei wie einen Irrgarten. Er probierte Fauvismus, Fotorealismus und Pop-Art aus. Er experimentierte mit dem Kubismus und mit der Camera obscura. Er entdeckte für sich den Farbrausch von Matisse, ebenso die hellen, schmerzhaft leeren Bilder des späten van Gogh. Hockney malte abstrakt, um immer wieder bei der gegenständlichen, figürlichen Malerei anzukommen. Mit frappierendem Ergebnis benutzt er die Fotografie und will doch nichts Anderes sagen als: Fotos können die Malerei inspirieren und verändern, aber sie nicht entthronen. Hockneys Bilder, die jetzt in der Kunsthalle des Bundes in Bonn zu sehen sind, strafen das Gerede vom Tod der Malerei Lügen. Ein zutiefst Gläubiger hat die Panoramen vom fast gewalttätig grandiosen Grand Canyon gemalt, die sich über die Wände spannen. Das Bekenntnis des 64-Jährigen zur Einzigartigkeit der malerischen Weltaneignung ist inbrünstig hineingesprochen in Farbschichten, die die Landschaft in eine große Stille verwandeln - zu Altären für die Kunst und die Natur.Vorausgegangen ist den Panoramen eine - in Bonn ebenfalls ausgestellte - Fotocollage, deren Raumwirkung mit fotografischen Mitteln wohl kaum mehr zu steigern ist, aber Brüche in Kauf nehmen muss, weil das Gesamtformat gebogen und gestuft erscheint. Hockney nahm diese Arbeit als Vorlage für ein Panorama aus 60 Leinwänden. Diese malerische Umsetzung ermöglichte es ihm, 60 Fluchtpunkte zu kombinieren und die Landschaft dem Betrachter näher zu bringen, als es Fotografie, aber auch jede konventionell-einteilige malerische Darstellung erlauben würde. Kein Weg, keine Straße leitet den Besucher durch diese Landschaft. Man muss die Raumweite gleichsam virtuell durchqueren, von Fels zu Fels, von Schlucht zu Schlucht, von Fluchtpunkt zu Fluchtpunkt.Die Grand-Canyon-Gemälde bilden die Summe von Hockneys bisheriger Malerei. In ihnen bündelt er die Möglichkeiten, Raum und Zeit zu behandeln - ein Ziel, das er seit dreißig Jahren verfolgte. Er befasste sich mit der Zentralperspektive der Renaissance und mit Problemen des Gegenlichts. Er untersuchte die Aufsplitterung der Perspektive und probierte es mit der Verlagerung der Fluchtpunkte hinter den Betrachter. Hockney erweiterte sogar das Bild als reliefhafte Collage in den Raum hinein. "A Bigger Grand Canyon" und "A Closer Grand Canyon" von 1998 dürften das ultimative Ergebnis dieser Suche sein. Solche Bilder sind fern aller Gefallsucht, ihnen fehlt das effektvoll Kalkulierte, sie sind entwaffnend naiv. Und: Hockneys Malerei enthält immer etwas vom Hohelied der Liebe. Hätte es der Liebe nicht, könnte keins der Bilder entstehen.David Hockney tut etwas, was in der Malerei heute längst nicht mehr üblich ist: Er schildert sinnlich und distanziert zugleich, was er sieht. Er will Identifikation des Betrachters ermöglichen und dessen Anteilnahme am Bildgeschehen erreichen. "Ich liebe die stillen Bilder, weil sie im Gedächtnis bleiben", sagte er zur Eröffnung in Bonn - und wies auf sein Hörgerät. Seit er wegen seiner Ertaubung den Lärm der Stadt, das Donnergrollen, brechende Wellen und das Peitschen des Sturmes kaum noch hören könne, sich ihm auch die hohen und tiefen Töne in Gesprächen und in der Musik verwehrten, sei sein Alltag "immer mehr eine Reise in die Stille" geworden. Aber er hat die Augen und die Fähigkeit, sich am Geschauten zu erfreuen. "Das Auge verschafft mir Entzücken", sagt er. "Das Auge ist die Pforte zum Bewusstsein, besser gesagt: Teil des Bewusstseins." Die Welt, wie er sie sehe, sei im Wesentlichen schön. Der Vorgang des Sehens ist für Hockney schön. Welch heilende Worte in Zeiten so sezierender wie hilfloser Kunstdiskurse. Die ganze Bonner Ausstellung "Exciting Times Are Ahead" scheint für diesen Satz gemacht, und eigentlich fragt man sich, wieso jemand, der solches mit innigster Überzeugung sagt, von der Kritik "Exzentriker des 20. Jahrhunderts" genannt wird.Überspanntes nämlich sucht der Betrachter in den Bildern des reifen Hockney vergebens. Der einstige Liebling der Londoner "Young Generation" in den Sechzigern, der damals ein wenig aussah wie Elton John, der den Wehrdienst verweigerte, was zu dieser Zeit als ungehörig und exzentrisch galt, und sich in seinen "Love Paintings" wie in den späteren intimen kalifornischen Swimmingpool-Bildern und Interieurs zur Homosexualität bekannte, wollte seine Bilder als Oden an die Lust und als illusionistisches Freilufttheater. Welch ein Skandal in den Jahren des Formalismus, in denen die Malerei kaum mehr galt als die Lösung einer langen Gleichung und Gegenständlichkeit gar als rettungslos überholt. Inzwischen will Hockney längst nicht mehr provozieren und auch nicht gefallen. Sein am häufigsten zitierter Satz: "Ich male, was ich mag, wann ich mag und wo ich mag", der ihn zum Vertreter einer Pop-Generation machte, die nur Spaß wollte - bekommt im Blick auf die neuen Bilder einen anderen Sinn. Schon damals hatte Hockney gesagt, die Leute sollten bloß nicht alles glauben, was Künstler so dahersagten. Seine ungeniert farbenfrohen Szenen des banalen Alltags werden in Bonn zu Fahrten durch die Alte und die Neue Welt. In den Neunzigern kehrte er erstmals nach Yorkshire, die Landschaft der Kindheit zurück. Er sah sie völlig neu. Der ausgeprägte Tiefenraum in der hügeligen Natur vermittelt den Eindruck, man bewege sich hinauf und hinab. Straßen spielen eine bemerkenswerte Rolle, sie gleichen in ihrem Blau sich schlängelnden Flüssen, und es sind nicht nur formale Elemente, die das Auge in den Bildraum hinein- und durch ihn hindurchführen. Für Hockney sind sie auch Zeichen für eine imaginäre Reise.Ein interessantes Pendant dazu bilden die kalifornischen Stadtlandschaften - so die kurvenreichen Straßen der Hollywood Hills. Er malt sie wie aus dem Auto gesehen, vom Aspekt der Mobilität her, die in Amerika zur Lebensphilosophie gehört. Diesen "Straßen" - denen von Yorkshire und denen von Kalifornien - zu folgen heißt, den Weg zu Hockneys Weltsicht zu finden. Zwar hat er die Amerikaner gemalt, "die ihr ganzes Leben im Pool und unter der Dusche verbringen". Er aber ist und bleibt der ewig Reisende.Bonn, Kunsthalle der Bundesrepublik, bis 23. 9. Di-Do 9-21, Fr-So 10-19 Uhr, Katalog im Seemann Verlag Leipzig 68 Mark.KATALOG "A Closer Grand Canyon" malte David Hockney 1998. Diesem und weiteren Panoramen der grandiosen Landschaft gingen Fotoexperimente voraus.
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