Die deutsche Ärzteschaft will dem Guten dienen. Wer den Nutzen davon hat, soll die Politik entscheiden

Ärztliche Ethik gegen politische Unmoral

Katja Tichomirowa
3 Min

Ausbeutung, Unterversorgung, Unmoral und Obstruktion - die Eröffnungsveranstaltung des 111. Deutschen Ärztetages beschwor den Untergang. Das Szenario, so entworfen von Jörg-Dietrich Hoppe,dem Präsidenten der Bundesärztekammer, beklagte ein kollabierendes Gesundheitswesen, in dem der sieche Patient auf eine finanziell unterversorgte, hilflose Ärzteschaft trifft - begleitet vom donnernden Applaus der Delegierten.Die Kampfansage gehört zur Tradition wie das musikalische Rahmenprogramm, die Totenehrung und das Intonieren der Nationalhymne. Sie gilt nicht eigentlich der Politik, sondern dem politisch Verantwortlichen, dem jeweils anwesenden Bundesminister für Gesundheit also. Zum mittlerweile achten Mal ist das Ulla Schmidt.Ärztliche Ethik steht gegen politische Unmoral, wenn Hoppe die chronische Unterfinanzierung des Gesundheitswesens beklagt, heimliche Rationierung medizinischer Leistungen und planwirtschaftlich verordnete Behandlungsprogramme. Die Staatsmedizin habe das Arzt-Patienten-Verhältnis nachhaltig ruiniert, sagt Hoppe.Es gehört mehr Geld ins Gesundheitssystem fordert er, der Staat müsse die Versorgungssicherheit gewährleisten. Wenn das nicht anders zu machen sei, müssten dafür auch die Beitragssätze der gesetzlichen Krankenkassen angehoben werden. Die Nicht-Finanzierbarkeit von Leistungen sei nichts anderes als eine Metapher für eine Beitragssatzstabilität. Die Versicherten aber hielten diese Stabilität gar nicht für so wichtig, behauptet Hoppe. Jedenfalls wollten sie dafür keine Leistungseinbußen in Kauf nehmen.So erklärt sich auch, warum Jörg-Dietrich Hoppe die gesetzliche Versicherten zu den Gewinnern der Gesundheitspolitik erklärt. Ihre Beiträge bleiben stabil. Patienten dürfen sie indes nicht werden, denn die hat der Präsident der Bundesärztekammer bereits zu den Verlierern des Systems erklärt.Wichtiger aber als die Finanzierbarkeit ist Hoppe die Frage, wer die Verantwortung für das übernimmt, was nicht mehr finanziert werden kann. Wenn der Staat die Versorgungssicherheit nicht gewährleisten kann, so soll er die Verantwortung für die Rationierung medizinischer Leistungen tragen und nicht an die Ärzteschaft delegieren, fordert er im Nahmen seines Berufsstandes.Wenn nun aber das Gesundheitsministerium Verantwortung übernehmen und die knapper werdenden finanziellen Mittel besser verwalten will, bäumt er sich abermals auf.Ulla Schmidt fordert eine noch konsequentere Kosten-Nutzen-Bewertung in der Gesundheitsversorgung. Kosten-Nutzen-Rechnungen aber widersprechen dem Selbstbild der Ärzteschaft. Der ärztliche Beruf ist kein Gewerbe, so steht es in Paragraf 1 der Bundesärzteordnung.Die Notwendigkeit einer "Versorgungsforschung" sei ja bereits Indikator für die Unterfinanzierung des Gesundheitssystems. Wäre alles in Ordnung, bräuchte man auch keine Versorgungsforschung.So bleibt die Rollenverteilung zwischen dem ärztlichen Berufsstand und der Politik gewahrt. "Den Arztberuf zu ergreifen, bedeutet, dem Guten zu dienen", erklärte Horst-Eberhard Richter, der vom 111. Deutschen Ärztetag mit der Paracelsus-Medaille geehrt wurde, in seiner Dankesrede. Wer die Wohltaten der modernen Medizin erhalten soll und zu welchem Preis, diese Fragen delegiert die deutsche Ärzteschaft in den Verantwortungsbereich der Politik.Dass ein erkennbar wohlsituiertes Publikum dem Vorwurf applaudierte, die Ärzteschaft werde von der Gesundheitspolitik gnadenlos ausgebeutet, irritiert wohl nur den Ahnungslosen.

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