BERLIN. Es war ein respektvoller Jubel, zurückhaltend, weil er gegen seine Freunde, gegen das Land seines Vaters getroffen hatte, mit diesem abgeklärten Linksschuss in der 78. Minute zum 2:0. Dieses 2:0 ist die Geschichte des EM-Qualifikationsspiels zwischen Deutschland und der Türkei: 2:0 durch Mesut Özil, dem Türken im deutschen Nationaltrikot, den deutschen Nationalspieler mit türkischen Wurzeln. Das 3:0 durch Miroslav Klose vier Minuten vor Schluss zum Endstand war da nur von minderem Interesse, es sei denn, man heißt Gerd Müller, hat 68 Tore für Deutschland erzielt und fürchtet, dass Klose (57 Länderspieltore) einen doch noch als Rekordtorschütze überflügelt.Welch Glück, dass am Freitagabend, Punkt 20.48 Uhr, Herr Howard Webb, der Schiedsrichter, mit einem harmlosen Pfiff aus einer handelsüblichen Trillerpfeife dieser mittlerweile doch arg nervigen Diskussion um die Integrationskraft des Fußballspiels zumindest eine Auszeit bereitete. Dass endlich nicht mehr nur geredet wurde, über das deutsch-türkische Verhältnis oder etwa über die symbolische Kraft des Mesut-Özil-Lebensweges, nein, juhu, dass endlich der Ball, die Beine und die Spielpläne der beiden Trainer im Mittelpunkt standen. Da der Bundestrainer Joachim Löw, der zur Überraschung der Experten, aber auch wohl zur Überraschung der WM-Stammkraft Jérôme Boateng den Kraftmeier Heiko Westermann als Linksverteidiger aufgeboten hatte. Der zudem - wie von den Experten und dem WM-Ersatzbänkler Toni Kroos erwartet - im zentralen Mittelfeld eben Kroos für den verletzten Bastian Schweinsteiger in die Anfangsformation stellte. Dort der türkische Nationaltrainer Guus Hiddink, der auf Spielmacher Arda Turan verzichten musste, dafür dem Doppelstaatsbürger Nuri Sahin einen Platz in der Startelf schenkte.Der Seh- und HörtestWer wo gegen wen spielt, war also nun geklärt, und nach einem ersten Seh- und Hörtest auch die Frage, für wen das hier ein Heimspiel wird. Die wunderliche Antwort: für die Gäste, weil die Anhänger in Rot etwa zwei Drittel des Stadionrunds füllten und die Anhänger in Schwarz und Weiß gleich um mehrere Phon überlautstärkten.Und doch ließen sich die deutschen Auswahlspieler von dieser etwas sonderbaren Atmosphäre zunächst nicht beeindrucken, so geschlossen ihr Kreis vor dem Anstoß, so homogen ihr Spiel von der ersten Minute an. Als verleihe ihnen dieses Trikot mit den Sternchen auf Brust besondere Kräfte, mit denen sich alle Bundesligaalltagsmüdigkeit überwinden lässt. Mit denen man die Struktur der Türken aufweichen kann, die unter Hiddink nicht mehr ganz so leidenschaftlich agieren, dafür aber besser organisiert sind. "Es war heute aufgrund der Atmosphäre nicht so einfach für uns, aber die Mannschaft hat heute einen unglaublichen Willen gezeigt", lobte Löw. Torchancen für Miroslav Klose nach einer Flanke von Philipp Lahm (8.), für Sami Khedira (11.) und für Mesut Özil nach Vorarbeit von Thomas Müller waren zunächst die Folge. Was Gelegenheit gibt, von den Pfiffen zu berichten, mit denen Özil von seinen türkischen Landsleuten eingedeckt wurde. Trommelfellschäden waren gar zu befürchten.Der Schwung war erst dahin, als in dem ein oder anderen Zweikampf Körper so heftig aufeinanderprallten, dass Behandlungspausen beziehungsweise sogar Auswechslungen notwendig wurden. So musste Hiddinks Erster Maschinist, der eingebürgerte Brasilianer Mehmet Aurelio, in der 25. Minute durch Tuncay Sanli ersetzt werden. Bei Abwehrmann Servet Cetin wiederum musste der Mannschaftsarzt der Türken nach einem Clash mit Deutschlands Nummer eins, Manuel Neuer, gar mit Nadel und Faden zu Werke gehen.Da gibt es nun allerdings in der deutschen Mannschaft einen, der die Klasse hat, sich gegen alle Entwicklungen zu sträuben. Der sich so schwer verteidigen lässt, weil er mal da, mal dort auftaucht, mal das oder jenes macht, oder einfach etwas erfindet: Thomas Müller. Nach einem hohen Flankenball seines Münchner Teamkollegen Lahm legte er sich in die Luft, der Ball legte sich auf seinen Kopf, Thomas Müller nickte, der türkische Auswahlkeeper Volkan Demirel lenkte den Ball gegen die Querlatte, Miroslav Klose war zugegen und staubte zum 1:0 ab (42.). Da ist einer, der zur Verwunderung des FC Bayern nur noch Nationalmannschaft kann. Klose schießt im Nationaltrikot die Tore, wenn die Nationalmannschaft Tore am nötigsten hat.Das wiederum kann Halil Altintop nicht von sich behaupten. Der Frankfurter hat in 25 Länderspielen erst sechs Mal für sein Land getroffen. Wie das? Weil ihm das Denken sein Handeln beim Torschuss bestimmt, wie in der 53. Minute zu sehen war, als er freistehend an Neuer scheiterte. Dass die Türken bis zum Schlusspfiff zu keinen weiteren Möglichkeiten kamen, muss ihre Anhänger doch arg enttäuscht haben. Andererseits spricht das auch für die grundehrliche Abwehrarbeit der deutschen Elf.------------------------------Gegner ohne PunktKasachstan: Deutschlands nächster Gruppengegner steht in der EM-Qualifikation weiter ohne Punkt da. Die Mannschaft des deutschen Trainers Bernd Storck 0:2 (0:0) gegen Belgien. Marvin Ogunjimi erzielte in der 52. und 70. Minute nach zwei Torwartfehlern die Treffer für die Gäste, bei denen der Gladbacher Schlussmann Logan Bailly und Bayern-Verteidiger Daniel van Buyten in der Startelf standen. Die Kasachen, die am Dienstag (19 Uhr/ZDF live) in Astana auf das deutsche Nationalteam treffen, waren ab der 68. Minute nach der Gelb-Roten Karte gegen Alexander Kisslizin in Unterzahl.Österreich: Das Team aus der deutschen Gruppe A hat Aserbaidschan 3:0 bezwungen. Die Vorentscheidung war bereits in der dritten Minute gefallen. Nach einer Ecke von Junuzovic erzielte Prödl das 1:0 per Kopf. Im Anschluss ließen sich die Gastgeber ein wenig zurückfallen, Aserbaidschan kam besser ins Spiel. Doch mehr als ein Freistoß von Jawadow sprang nicht heraus. Österreichs Schlussmann Macho konnte klären. In der 40. Minute erzielte Maierhofer mit einem Flachschuss das 2:0. Aserbaidschan gab sich geschlagen. Arnautovic war kurz vor dem Ende mit dem 3:0 der Schlusspunkt vorbehalten.------------------------------Deutschland - Türkei 3:0 (1:0)Deutschland: Neuer - Lahm, Mertesacker, Badstuber, Westermann - Kroos, Khedira - Müller, Özil (90. Marin), Podolski (86. Träsch) - Klose (90. Cacau).Türkei: Volkan - Sabri, Servet, Ömer Erdogan, Özer Hurmaci - Hamit Altintop, Emre, Aurelio (25. Tuncay), Gökhan Gönül - Sahin (78. Yildirim) - Halil Altintop (63. Semih Sentürk)Tore: 1:0 Klose (42.), 2:0 Özil (79.), 3:0 Klose (87.)Schiedsrichter: Howard Webb (England) - Zuschauer: 74 244Gelbe Karten: - Servet Cetin------------------------------Foto: Wider die Wurzeln: Mesut Özil, von den türkischen Fans im Berliner Olympiastadion bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen, erzielt das 2:0.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de