Die "Drei Fragezeichen"

Verschwörungstheorien um verschollene Serien-"Bibel"

Wie unser Autor selbst zum Fall der "Drei Fragezeichen" wurde.

Frederik Jötten
17 Min
Die Sprecher der "Drei Fragezeichen" Oliver Rohrbeck (Justus Jonas), Andreas Fröhlich (Bob Andrews) und Jens Wawrczeck (Peter Shaw) sind seit 1979 die gleichen.

Die Sprecher der "Drei Fragezeichen" Oliver Rohrbeck (Justus Jonas), Andreas Fröhlich (Bob Andrews) und Jens Wawrczeck (Peter Shaw) sind seit 1979 die gleichen.

© picture alliance/dpa

Als Kind wollte unser Autor sein wie die drei Detektive Justus, Peter und Bob. Später reiste er nach Kalifornien, um deren Heimat Rocky Beach zu finden. Heute sind ihm Fans auf den Fersen. Denn er hat das wichtigste Dokument der Seren-Geschichte. Das führt zu wilden Spekulationen.

An einem wolkenlosen Tag an der kalifornischen Küste wurde ich vom Fan der „Drei Fragezeichen“ zum Akteur in einem spezialgelagerten Sonderfall, wie die drei legendären Kinder-Detektive aus Rocky Beach wohl sagen würden. Es war der 18. September 2006, ich steuerte einen untermotorisierten Riesenleihwagen, Fabrikat Chevrolet Impala, über die Küstenstraße in Richtung Santa Barbara, links von mir der Pazifik, rechts die Santa Monica Mountains. Ich fuhr also durch die Gegend, in der die „Drei Fragezeichen“ zu Hause waren. Über die Lautsprecher schallten die Stimmen von Justus, Peter und Bob oder besser gesagt, die der sie verkörpernden Hörspiel-Sprecher, die einen Großteil der Serie ausmachen. Zwischendrin die Musik, diese Melodie, die sich anhört wie gepfiffen, die sagt: Das Leben ist super, die Sonne scheint, und das nächste Abenteuer wartet. Ich gab mir das ultimative Flashback in meine Kindheit.

Etwa zwischen meinem neunten und dreizehnten Lebensjahr, genau in der Mitte der 80er-Jahre, waren die drei Detektive meine Helden. Die Jungs hatten immer Sommerferien, ihnen wurde nie etwas verboten, sie waren schlauer als alle Erwachsenen. Sie erkundeten Canyons, Höhlen und einsame Inseln, sie tauchten nach Wracks und Schätzen, sie gingen in den Filmstudios von Hollywood ein und aus. Kurz: Sie lebten den amerikanischen Traum eines Zwölfjährigen – einen, den nicht nur ich träumte und der bis heute weiter geträumt wird.

Mehr als 50 Millionen "Drei Fragezeichen"-Hörspiele verkauft

Gerade erscheint das 200. „Drei Fragezeichen“-Hörspiel, im Oktober feiert die Buchreihe ihren 50. Geburtstag. Mehr als 50 Millionen deutschsprachige Tonträger sind verkauft worden, seitdem die Hörspielserie 1979 an den Start ging. Die Bücher haben bereits Folge 204 erreicht und 17 Millionen Auflage. Und das obwohl „The Three Investigators“, wie sie im Original heißen, in den USA niemals als Hörspielserie umgesetzt und 1990 nach 55 Büchern eingestellt wurden.

Seitdem sind die drei Detektive ein rein deutschsprachiges Phänomen. In Deutschland, der Schweiz und Österreich erscheinen jedes Jahr sechs neue Bände, verlegt vom Stuttgarter Kosmos-Verlag, die das Audio-Label Europa jeweils ein Jahr später als Hörspiel veröffentlicht. Die Autoren der „Drei Fragezeichen“ sind heute allesamt deutsche Muttersprachler. Auch das ist einer der Gründe, warum ich in den spezialgelagerten Sonderfall geriet. Aber zunächst zurück zu jenem Tag in Santa Barbara vor 13 Jahren. Ich war nicht zufällig in der Region unterwegs, sondern auf Recherche. Mein Ziel war, das Vorbild für Rocky Beach zu finden, die fiktive Kleinstadt, in der die drei Detektive ihre Zentrale betrieben, versteckt auf einem Schrottplatz mit fünf geheimen Eingängen.


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Der amerikanische Schriftsteller Robert Arthur, Erfinder der „Drei Fragezeichen“, hat sich die Kleinstadt ausgedacht – und zwar in den 60er-Jahren. Seitdem hat sich die Region sehr verändert. Rocky Beach soll etwa 20 Kilometer entfernt von Downtown Los Angeles sein. Aber L.A. hat sich heute so weit ausgebreitet, dass alle Städte in dieser Entfernung nun faktisch mit der größten kalifornischen Stadt verwachsen sind. Die Recherche war also schwierig. Trotzdem war es ein toller Trip. Denn ja, ich fühlte mich wie ein Detektiv. Ich recherchierte in der Stadtbücherei von Santa Monica, ich befragte einen Trödelhändler in Topanga Beach, ich schlich durch verlassene Häuser am Pazifik. Ich führte das fort, was ich mit zehn begonnen hatte – oder zumindest hatte beginnen wollen.

Denn als Kind gründete ich mit meinem zwei Jahre jüngeren Bruder und unserem gemeinsamen Freund Kai selbst eine Detektei. Leider wohnten wir in einem Dorf mit 500 Einwohnern, und mysteriöse Kriminalfälle wollten einfach nicht auftauchen. Einmal vermuteten wir, dass das einzige Industrie-Unternehmen im Ort fiese Abwässer in den Fluss leiten würde. Dann verdächtigten wir eine Autowerkstatt, Altöl im Boden versickern zu lassen. Keine Ahnung, wie wir zu diesen Vermutungen kamen. Jedenfalls beauftragte uns niemand, wir recherchierten nicht. Und so blieb unklar, ob es diese Fälle überhaupt jemals hätte geben können. Das einzige, was wir taten – wir stellten uns Detektivausweise aus, meinen habe ich noch heute. Darauf steht mit Füller geschrieben: Codename Kirederf (mein Vorname rückwärts), weiterhin eine 34-stellige Geheimnummer (sehr sicher, weil ich sie mir selbst nicht merken konnte) sowie ein Geheimzeichen, dessen Sinn sich mir heute nicht mehr erschließt.

Alle wollten Justus sein

Wir waren nicht alleine mit unserer Begeisterung für die „Drei Fragezeichen“. Auch im Freundeskreis meines vier Jahre älteren Bruders gab es drei Detektive. Anders als wir, wollten sie die Serie aber originalgetreu nachspielen. Aber schon bei der Verteilung der Rollen gab es Probleme. Zur Auswahl standen: Justus, der pummelige erste Detektiv, der immer auf seiner Unterlippe herumkaute und unheimlich schlau war, Peter, zweiter Detektiv, nicht besonders helle, aber sportlich, und Bob, ein Typ, der seine Freizeit in Bibliotheken verbrachte. Alle wollten Justus sein. Als Paul und mein älterer Bruder ihren Freund Mila zwingen wollten, die Rolle von Peter zu übernehmen, stieg der aus. So endeten damals Detektiv-Karrieren, bevor sie begonnen hatten.

Als ich dann mit 31 in Kalifornien war, fühlte es sich so an, als würde ich den Kindheitstraum endlich leben – ein bisschen spät zwar, aber immerhin. Denn ich hatte trotz besagter Schwierigkeiten eine heiße Spur. Ich war verabredet mit Gayle Lynds, einer der letzten lebenden Autorinnen der Originalserie. Sie war zudem verheiratet gewesen mit Dennis Lynds alias William Arden, ebenfalls Verfasser von „Drei Fragezeichen“-Krimis und unter den Autoren der einzige, der den Erfinder Robert Arthur noch persönlich kennengelernt hatte. Wenn es also jemanden geben sollte, der mir würde helfen können, dann sie.

Gayle Lynds wollte mich zu Hause empfangen, wo sie mit ihrem Mann gelebt hatte. Ich rollte mit dem Auto durch ein Wohngebiet von Santa Barbara, mit üppigen Vorgärten. Vor ihrem Haus standen ein grüner Jaguar und ein hellblauer Volvo aus den 60ern. Ihre Assistentin öffnete die Tür, in der Diele hingen dicht gedrängt Bilder, abstrakte Kunst neben dem Aquarell eines wolkenbedeckten Himmels und einem Stillleben mit Apfel. Dann stand die Schriftstellerin vor mir, schwarze Leggins, darüber ein langes weißes Hemd, schulterlange blonde Haare. Bei den „Drei Fragezeichen“ gibt es in fast jeder Folge eine Szene, in der sie von Erwachsenen nicht ernst genommen werden. Genauso fühlte ich mich gegenüber Gayle Lynds, die nur vier Bücher über die drei Detektive geschrieben hatte, danach jedoch als Thriller-Autorin viel erfolgreicher geworden war.

Rocky Beach ist Santa Monica

„Guten Tag, Mrs. Lynds“, hörte ich mich kleinlaut fragen, „ich bin auf der Suche nach Rocky Beach – können Sie mir weiterhelfen?“ „Rocky Beach“, sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht, Dennis und ich haben immer Santa Barbara als Vorbild genommen.“ Gayle Lynds lachte. „Aber ich finde es immer wieder toll, wie begeistert ihr Deutschen von den drei Detektiven seid. Auch ich habe die Jungs geliebt!“ Sie bat mich auf die Veranda.

„Ich müsste noch die Bibel haben“, sagte sie. „Die Bibel – was ist das?“ Eine Frage, so ahnungslos, wie sie nur der zweite Detektiv Peter Shaw hätte stellen können. „Das ist die Anleitung für die Autoren, die der Verlag mir gegeben hat, als ich in den 80er-Jahren begann, für die Serie zu schreiben. Da müsste auch genaueres über Rocky Beach drinstehen.“ Gayle durchsuchte Aktenordner um Aktenordner. Nach zehn Minuten hielt sie inne. „Moment, jetzt erinnere ich mich – ich habe die Bibel einem Ehepaar gegeben, das einen Fanclub hatte“, sagte sie. „Ich hatte keine Zeit, sie zu kopieren, und da habe ich ihnen das Original gegeben.“ Deren Namen fiel ihr nicht mehr ein. Die Sache schien hoffnungslos, doch als Gayle mir ein Exemplar ihres letzten Thrillers holte, brachte sie einen Stapel geklammerte Zettel. „Schau mal“, sagt sie. „Ich habe die Bibel doch noch gefunden!“ Sie gab sie mir. Ich bedankte mich, ging zum Auto, las und blätterte dort hastig. Auf Seite zwei in der Mitte fand ich, wonach ich suchte: „Santa Monica liegt östlich von Rocky Beach“ (und ist anscheinend der Prototyp für die Kleinstadt).

Die Serien-"Bibel" im Gepäck

Mit diesem Dokument im Gepäck reiste ich weiter durch Kalifornien und später wieder nach Hause. Es dauerte viele Jahre, bis ich begriff, wie wertvoll diese sieben maschinengeschrieben Seiten in der Welt der „Drei Fragezeichen“ waren.

„They have no interest in girls“: Seite eins der  „Serienbibel“.

„They have no interest in girls“: Seite eins der  „Serienbibel“.

© Frederik Jötten

2017 erreicht mich eine E-mail eines gewissen C. R. Rodenwald. Er arbeitete an einem Buch über die „Drei Fragezeichen“ und hatte Kontakt zu den Autoren der amerikanischen Serie aufgenommen. „Ich würde natürlich gerne einen Blick in die ominöse Serienbibel werfen. Gayle Lynds, die Sie anlässlich Ihrer Vor-Ort-Recherche trafen, schrieb mir, dass sie Ihnen damals ihr einziges Exemplar geschenkt hätte. Sie sind somit meine heißeste Spur ...“ Es zeigte sich bald, dass ich anscheinend weltweit die einzige Serienbibel hatte. „Sogar der amerikanische ,Drei ???‘-Freak Seth Smolinske, der von Random House fast das ganze Archiv geschenkt bekam, hat keine Bibel“, schrieb Rodenwald. Ich begann zu suchen, durchwühlte Schreibtisch, Regale, Ablagen – nichts. Dann war ich mir sicher, dass ich das Schriftstück eingescannt und an Paul, den einen Möchtegern-Detektiv aus der „Drei Fragezeichen“-Combo meines älteren Bruders verschickt hatte. Doch weder er noch ich fanden digitale Kopien.

C. R. Rodenwald fragte, während er sein Buch schrieb, noch viermal nach der Bibel. Und ich fand es selbst einigermaßen unglaubwürdig, dass ich die Serienbibel nicht mehr fand, wenn ich ihm das immer wieder antwortete. War es nicht viel wahrscheinlicher, dass ich sie hatte und einfach nicht weitergeben wollte? Ich stellte mir vor, dass C. R. Rodenwald mir auflauern oder gleich bei mir einbrechen würde. Ich beruhigte mich damit, dass ich vielleicht einfach als Kind zu viele „Drei Fragezeichen“-Krimis gelesen hatte, wo so etwas garantiert passiert wäre. Aber C. R. Rodenwald hatte mehr gelesen – und das sollte sich bald zeigen. Er blieb höflich und bat mich, mich zu melden, falls die Bibel doch noch auftauchen sollte. Sein Buch „Die Welt der Drei Fragezeichen“ erschien Ende 2017 im Riva-Verlag, und ein paar Monate später meldete er sich wieder.

Wer verbirgt sich hinter Ben Nevis?

„SIE sind Ben Nevis, stimmt’s?“, schrieb er. „Wenn man sich mit der Materie ein bisschen beschäftigt, ist es geradezu offensichtlich.“ Ich musste erst mal googeln, wer Ben Nevis ist – nicht nur der höchste schottische Berg und ein Whiskey, sondern auch ein deutscher Autor der „Drei Fragezeichen“-Serie, der unter Pseudonym schreibt. Anscheinend rätseln die Fans seit Jahren, wer sich dahinter verbirgt. C. R. Rodenwald – übrigens auch ein Pseudonym, wie er zugab – glaubte nun, die Lösung gefunden zu haben und legte mir seine Indizien dar:

„Sie, Herr Jötten, waren damals bei Gayle Lynds zu Gast. Und Ben Nevis war auch einmal bei ihr in Santa Barbara. Das Treffen war vermutlich ein- und dasselbe. Es würde auch erklären, warum Gayle Lynds ein so kostbares Stück wie die Serienbibel einfach verschenkt hat. Und natürlich habe ich Sie mit meinen An- und Nachfragen dazu mit Sicherheit ordentlich gequält.“

Danach listete er weitere Erkenntnisse auf. Der Verlag habe verraten, dass Ben Nevis ein Journalist aus dem Rhein-Main-Gebiet sei – wie ich. Sein erster Fall sei „Die drei Fragezeichen und der Pistenteufel“ gewesen. Dass ich mich sehr fürs Skifahren interessiere, sehe er doch daran, dass ich oft darüber schriebe. Das Interview, das ich mal mit Lemmy von Motörhead geführt hatte, sei offensichtlich die Inspiration für den Band „Die drei Fragezeichen: Der letzte Song“. Langsam war ich nicht mehr gequält, sondern amüsiert. Dass jemand so viel Zeit investierte, um den vermeintlichen Ben Nevis zu jagen und ich ins Zentrum seiner Ermittlungen gerückt war, fand ich schön. Ich konnte mich zuerst nicht entschließen, Rodenwald zu antworten – ich wollte ihn nicht enttäuschen. Erst nach der zweiten E-Mail, in der er mir versicherte, er wolle mein Pseudonym nicht enttarnen, versicherte ich ihm, dass ich nicht Ben Nevis sei.

Nach einem Jahr passiert das Unerwartete

Etwa ein Jahr später passierte das Unerwartete – ich brauchte Platz und musste radikal ausmisten. Zwischen Schul- und Hochschulzeugnissen fand ich eine Klarsichtfolie – mit der Serienbibel! Zum ersten Mal seit zwölf Jahren las ich darin und war erstaunt über den ironischen Tonfall mit dem die „Drei Fragezeichen“ hier eingeführt werden. „Die Plots sind von vornherein ausgesprochen albern“, heißt es da, und: „Ihr Alter ist 13, aber sie haben die Freiheit von 16-Jährigen und die Interessen von 11-Jährigen. Sie rühren keine Zigarette und keinen Drink an, von Drogen ganz zu schweigen, und sie haben kein Interesse an Mädchen. Sie wären hoffnungslose Spießer, wenn sie nicht Action und Aufregung liebten [...].“ Über Justus heißt es, er sei „a pain in the neck“ .

Es war Zeit, C. R. Rodenwald mit den neuen Erkenntnissen zu versorgen. Ich schrieb ihm, dass ich eine Überraschung für ihn habe und ob wir uns treffen könnten. Er antwortete sofort, er habe drei Kinder und könne von daher schlecht weg, aber in seinem Wohnort Berlin könnten wir uns treffen. Ich war gespannt, was für ein Mensch sich als Erwachsener einer Kinderdetektiv-Serie und der Suche nach Ben Nevis verschrieben hatte.

Am Bahnsteig in Berlin-Spandau erwartet mich dann ein großer, hagerer Mann, Anfang 40. Er wirkt sehr ernst, kein Lächeln in seinem kurz gestutzten Vollbart, randlose Brille, Hemd. Er schlägt vor, in den Bierbrunnen zu gehen, eine echt Berliner Kneipe, Bänke mit Kunstlederbezug, Mittagstisch ab 5,50 Euro, Schultheiss-Bier für 3,10 Euro den halben Liter. Er bestellt eins.

„Ihr letztes Buch ,Das weiße Grab‘ fand ich super“, sagt Rodenwald. Jetzt lächelt er herausfordernd.

„Sie glauben wirklich immer noch, dass ich Ben Nevis bin?“

„Sie sind jetzt natürlich in einer komfortablen Lage – Sie müssen Ihr Pseudonym wahren und können deshalb guten Gewissens leugnen. Aber die Indizien sind erdrückend.“ Ich muss lachen, ein Lachen der Ohnmacht. So gesehen ist es unmöglich, ihm jemals klarzumachen, dass ich nicht Ben Nevis bin.

Also reden wir über sein Pseudonym. Es hat, erstaunlicherweise, nichts mit den „Drei Fragezeichen“ zu tun, sondern mit einer DDR-Jugendgrusel-Fernsehserie. Rodenwald hat einen guten Grund unter falschem Namen zu schreiben. Er arbeitet hinter den Kulissen des Berliner Politikbetriebs. In diesen Kreisen würde man ihn, wenn er sich öffentlich als Fan von Jugendbüchern outete, eventuell nicht mehr ernst nehmen – und bei den „Drei Fragezeichen“-Fans könnten ihn seine beruflichen Verbindungen als allzu ernsthaften Erwachsenen diskreditieren.

Die Hälfte der "Drei Fragezeichen"-Hörer sind Erwachsene

Wobei mindestens die Hälfte der Hörspiel-Hörer laut Label heute ohnehin Erwachsene sind. „Anfangs ging es in der Serie darum, dass Kinder Erwachsenen-Kriminalfälle lösten“, sagt Rodenwald. „Mittlerweile lösen Erwachsene Kinderfälle.“ Vielleicht ist es das wichtigste Erfolgsrezept der „Drei Fragezeichen“: Dass erwachsene Hörer und Leser mit ihnen in die heile Welt ihrer Kindheit reisen können. Ungemein erleichtert dadurch, dass die Serie einfach gut gemacht ist.

„Von Anfang an wurde in Qualität investiert“, sagt Rodenwald. „Außerdem haben die Verantwortlichen viele mutige Entscheidungen gefällt.“ Das fängt mit den Covern an. Die Umschläge der 2009 verstorbenen Grafikerin Aiga Rasch sind ikonisch – ein schwarzer Einband, mit den drei Fragezeichen in Weiß, Rot und Blau, darunter jeweils eine bunte Illustrationen, in reduziertem Design, die Raum lässt für eigene Assoziationen. „Der Verlag war zunächst entsetzt, weil er die Aufmachung nicht kindgerecht fand“, erzählt Rodenwald. „Aber dann hat man sich doch getraut, es mit dem Artwork zu versuchen – und die Kinder liebten es.“

Die Hörspielproduktion war von Anfang an aufwendig. „Europa engagierte bekannte Schauspieler und Sprecher wie Peter Pasetti – und besetze die Stimmen der Jungen perfekt.“ Mit der Komposition und Aufnahme der Originalmusik der Hörspiel-Serie beauftragte Europa den experimentierfreudigen Jazz- und Krautrock-Musiker Carsten Bohn, Mitgründer der Band Frumpy, der abgefahrene Synthesizer-Sounds und komplizierte Schlagzeug-Rhythmen verwendete. Seine Tracks – die leider wegen eines Rechtsstreits heute nicht mehr verwendet werden – sind zeitlos schön. Ein Freund sagte letztens zu mir, dass diese Musik bis heute in ihm ein tiefes Gefühl der Geborgenheit auslöse – mir geht es genauso. Wenn ich die Titelmelodie höre, fühle ich mich für einen Moment wie zehn, liege mit meinen Brüdern vor dem kleinen Grundig-Kassetten-Rekorder, trinke Malzbier und lausche den Hörspielen.

"Vietnam, Rassenunruhen, Watergate: nie passiert!"

Schon in der Serienbibel heisst es: „Die Detektive leben in einer Zeitschleife. Ihre Welt ist zum größten Teil eine der 50er – in einer sicheren, zum größten Teil weißen Mittelschicht-Stadt. Vietnam, Rassenunruhen und Watergate haben nie stattgefunden.“ Von Beginn an waren die „Drei Fragezeichen“ also eine Retro-Serie, und heute sind sie es noch viel mehr als in den 80ern. Auch wenn technische Neuerungen wie E-Mails, Mobiltelefone und GPS längst einbezogen werden, hat das Leben von Justus, Peter und Bob nichts mit dem Alltag von Kindern im Ballungsraum Los Angeles zu tun, wo allein im vergangenen Jahr 637 Menschen Opfer eines Kapitalverbrechens wurden und es schlicht unvorstellbar ist, dass Kinder bei Tag und Nacht alleine um die Häuser ziehen.

Auch in Details sind die „Drei Fragezeichen“ längst zu einer deutschen Serie geworden. Rodenwald zeigt eine E-Mail von einem 45-Jährigen, der ihm geschrieben hat – eine von Hunderten Zuschriften zu seinem Buch, welches mittlerweile in die fünfte Auflage gegangen ist. Der Mann wuchs als Sohn eines US-Soldaten in Deutschland auf – mit den „Drei Fragezeichen“. Es gebe, schreibt er, „dermaßen viele sachliche Fehler, die einem Amerika-Kenner wie mir direkt auffallen“. Fenster zum Aufklappen statt zum Aufschieben, falsche Nummernschilder oder Tante Mathilda, die beim Metzger mit einem 50-Dollar-Schein zahlt, wo es doch in den Staaten quasi keine Metzgereien mehr gebe und außerdem kaum mehr jemand bar bezahlt.

Muss die Geschichte der "Drei Fragezeichen" neu geschrieben werden?

Der Abend im Bierbrunnen neigt sich dem Ende zu. Ich greife in meine Tasche. „Ich habe die Serienbibel wiedergefunden, ich habe Ihnen eine Kopie mitgebracht!“ Rodenwald greift mit offenem Mund nach den Blättern, die datiert sind auf den 31.8.1987. „Das kann ich jetzt kaum glauben“, sagt er und beginnt sofort zu lesen. „Das ist Wahnsinn, weite Teile der ,Drei Fragezeichen‘-Geschichte müssen neu geschrieben werden.“

Der gelernte Historiker erbittet sich Zeit zur ausführlichen Studie der Quelle. Am nächsten Tag schreibt er: „Spannend finde ich vor allem die Sicht, die Random House selbst auf die Serie hat. (...) Schön ist auch, dass definitiv geklärt wird, wo das Wohnhaus von Jonas steht: nämlich gegenüber vom Schrottplatz und nicht auf diesem, wie es heute immer geschrieben steht. Alles in allem also sehr interessant – vor allem im Kontext und als ,offizielle‘ Sicht. (...) Mein Buch muss ich aber punktuell korrigieren. Denn in der Serienbibel steht schwarz auf weiß, dass Santa Monica das Vorbild von Rocky Beach ist – und eben nicht Santa Barbara!“

Am Abend im Bierbrunnen bestellt Rodenwald noch ein großes Bier. „Nichts ist so positiv besetzt, wie die ,Drei Fragezeichen‘, nicht mal Fußball“, sagt er. „Fußball kann den Fan extrem enttäuschen, bei den ,Drei Fragezeichen‘ geht dagegen immer alles gut aus – Sie als Fan des FSV Mainz 05 kennen Enttäuschungen ja auch.“

Ich protestiere: „Mein Verein ist der 1. FC Kaiserslautern!“ Doch das war ein Trick des cleveren Ermittlers. „Verdammt, Sie sind wirklich nicht Ben Nevis – er ist Mainz-Fan.“ Rodenwald wirkt enttäuscht – ich bin es auch. Die Zeit, in der ich als vermeintlicher „Drei Fragezeichen“-Autor ein Teil der Welt von Justus, Peter und Bob war, sie war schön, fast so schön wie damals, als ich noch selbst Detektiv werden wollte.

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