Die Wege zur Kommunikation, die dem um Zeitgenossenschaft bemühten Menschen heutzutage offenstehen, lassen sich anschaulich machen im Bild des Parcours, in dem ein Springpferd seine Runden dreht. Angesichts der schieren Vielzahl von Möglichkeiten, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten (unter anderem Instant Messaging, SMS, E-Mail, Brief, Internet-Telefonie, Handyanruf, Festnetztelefonat), tritt mitunter ein Zustand der Überforderung ein: Der Mensch, dieser störrische Gaul, bockt oder reißt am Oxer seines angemessenen Kommunikationsverhaltens.Jedenfalls wählte ich unlängst offenbar den falschen Weg: Idealerweise hätte ich zum Telefon gegriffen oder eine E-Mail geschrieben, von G. aber - mit dem ich in einer speziellen, dennoch keineswegs unerfreulichen Angelegenheit Kontakt suchte - war lediglich die Anschrift bekannt. Ein Brief schien mir, angesichts des, so viel wusste ich, eher mittleren Alters von G. ein zu prätentiöser Akt zu sein in Zeiten, in denen Briefe kaum mehr geschrieben werden. Und da G. quasi um die Ecke wohnte, beschloss ich, einfach bei ihm vorbeizugehen. Auf das Klingeln hin meldete sich an der Gegensprechanlage des stolzen Mietshauses ein Kind, das um Türöffnung zu ersuchen ich der Glaubwürdigkeit meines ungeheuer seriöses Unterfangen wegen für zu unseriös hielt; man liest ja immer wieder von Geschichten, in denen Erwachsene Kinder per Telefon zu Sachen anstiften, die verheerend ausgehen.Ich bat also darum, einen Erziehungsberechtigten zu sprechen, der sich auch umgehend meldete. Da meine Anfrage, wie gesagt, durchaus speziell war, ging ich davon aus, ihrer ganzen Komplexität besser im persönlichen Gespräch Ausdruck verleihen zu können. An der Gegensprechanlage nannte ich artig meinen Namen (der G. nichts sagen konnte, und wenn ich der Kaiser von China gewesen wäre, hätte er es doch nicht geglaubt) und bat um Einlass mit der Begründung, eine Frage zu haben. Statt den Türöffner zu betätigen, antwortete G., Fragen brauche er nicht und legte auf.Was daraus zu lernen ist: Man geht nicht einfach so bei wildfremden Leuten vorbei. Man geht vermutlich noch nicht einmal einfach so bei Leuten vorbei, mit denen man bekannt ist. Von dem Dichter Peter Hacks weiß man, dass er DDR, Mauerfall und wiedervereinigtes Deutschland in der Stilisierung einer überkommen scheinenden Bürgerlichkeit erlebt hat. Gäste empfing Hacks nie vor dem frühen Abend, er legte Wert auf Pünktlichkeit, vor allem aber war ihm unangemeldeter Besuch verhasst. Die Diskrepanz zwischen Hacksens aristokratischem Selbstentwurf und der proletarisch geprägten DDR-Wirklichkeit legt die Vermutung nahe, dass es sich bei Formen gesitteten Umgangs um Grillen einer hoffnungslos veralteten Gesellschaftsauffassung handelt.Derart assoziiert man Manieren heute als den Selbstzweck von Menschen mit praxisfernen Namen, die sich selbst beweisen wollen, etwas Besseres zu sein, obwohl das Adelsprivileg lange abgeschafft ist. In diesem Sinne sind Manieren lässlich, weil Repräsentation des eigenen Standes in einer diversifizierten demokratischen Gesellschaft zweifellos anders funktioniert. Nützlich ist das, was man Manieren nennt in unseren Tagen allein als Konvention des Umgangs miteinander: also etwa um Missverständnisse wie das meinige an der Gegensprechanlage zu vermeiden.Der Mensch des bürgerlichen Zeitalters, der privates und öffentliches Leben unterscheidet, ist eine an sich atomisierte Existenz. Gesittetes Benehmen dient ihm lediglich als Möglichkeit, den schwierigen Ausgang aus seiner Einsamkeit erträglich zu gestalten - für sich und den anderen. Es geht folglich um das, worum es bei Facebook auch geht: um Kommunikation. Aus diesem Grund ist eine Festlegung auf ein für allemal verbindliche Manieren Unsinn, da jede Kommunikationssituation ja von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgeht. Das Berufen auf "den Knigge" oder das groß angelegte Umerziehungsprojekt des MDR, der seinen im Westen angekommenen Zuschauern jahrelang erklärte, in welcher Reihenfolge das Besteck anzuordnen ist bei Abendessen, deren Umfang einen Teller geschmierter Stullen überschreitet, zeugen vor diesem Hintergrund von einem völlig falsch verstandenen Bewusstsein von "Benimm" - sie unterstreichen allein die Unsicherheit, die im Umgang miteinander offensichtlich herrscht.Um zur Situation an der Gegensprechanlage zurückzukehren: Der große Manieren-Beschreiber Asfa Wossen Asserate notierte kurz vor der Erfindung von Facebook zum "Antrittsbesuch" - den man sich vorstellen muss als eine Art der analogen Freundschaftsanfrage, die durch Überbringung der Visitenkarte bei Menschen, die einen auch schätzen könnten, absolviert wurde: "Inzwischen wäre niemandem mehr anzuraten, sonntags um zwölf unangemeldet irgendwo zu klingeln. Das Dienstmädchen, das einst sagen konnte, die Herrschaften seien nicht zu Hause, und nur die Karten entgegennahm - damit war der Besuch ,geleistet', und wenn ein so gearteter ,Gegenbesuch' erfolgte, war die gesellschaftliche Beziehung hergestellt -, gibt es nicht mehr, und die Herrschaften machen um diese Zeit grasse matinée und sind im Morgenrock."Ob der "Morgenrock" im einzelnen dieser Bezeichnung noch gerecht wird, sei dahingestellt. Aufschlussreich ist dagegen der Hinweis aufs Dienstpersonal - dessen Funktion hat in unseren Tagen der demokratischen Diversifikation die Gegensprechanlage übernommen. Dieser Fortschritt ist wie bei jeder Form der Automatisierung nicht ohne Kollateralschäden zu haben: Zwar steht zwischen Besucher und Besuchtem nach wie vor etwas - nämlich die vermittelnde Technik -, aber diese Technik, so ausgereift sie etwa durch Kamerabilder vom Hauseingang mittlerweile sein mag, verfügt nicht über das Wissen geschulten Personals, das für jede Situation die richtige Erklärung beziehungsweise falsche Ausrede parat hatte. Die Gegensprechanlage ist im Grunde bloß eine vom Telefon abgeschaute Verfeinerung der Klingelsituation: Wo ein Privatleben existiert - und damit der Respekt vor ihm -, da schaut niemand unangemeldet einfach so vorbei.Die Gegensprechanlage erweist ihre Funktionalität in der Vergewisserung dieser Umgangsform: Dass von ihr kein Gebrauch gemacht wird, weil der Besuchte durch SMS, Anruf oder E-Mail vom Kommen des Besuchers weiß, macht prinzipiell keinen Unterschied zu der Nachfrage ("Ja?"), die mit in der Bestätigung des Erwarteten ("Ich bin's!") erschöpfend beantwortet ist. Die einzigen Ausnahmen sind letztlich keine, weil man sowohl den Postboten ("Ein Päckchen für Frau Schmidt im 3. Obergeschoss - können Sie das entgegennehmen?") als auch den Flyer-Verteiler ("Werbung!") latent immer irgendwie erwartet. Und letzterem schließlich zögernd öffnet im Bewusstsein, dass am eigenen Briefkasten eine Warnung klebt ("Keine Werbung einwerfen"). Das Geschäft der Hausierer, so viel ist zumindest aus eigenen empirischen Erhebungen zu sagen, hat vor der dienenden Gegensprechanlage kapituliert.Die Tage der Kindheit ("Kommst du runter?") wie der späten DDR- und frühen Nachwendejahre, als das Einfach-so-Vorbeigehen als gängige Praxis zur Kontaktpflege galt und Kassenrollen samt Bleistift an Wohnungstüren die schriftbasierte Gestalt von Anrufbeantwortern waren, dementieren die Gewissheit, dass ein Besuch angemeldet sein sollte, keineswegs. Sie sind zu erklären durch Technikferne und den Mangel an ausreichend öffentlichen Orten zur Zusammenkunft - und bilden folglich allenfalls die kurze Pause von einer Konvention, die seit Erfindung der bürgerlichen Privatsphäre Gültigkeit beansprucht.Ich hätte G. also, so absurd das klingen mag, tatsächlich einen Brief schreiben sollen. Was ich später auch getan habe und was zu dem an sich erwarteten Ergebnis führte: Ich wurde freundlich zum Vorbeikommen eingeladen. Ob und was man in solchen Fällen mitbringt als Zeichen der Aufmerksamkeit, diskutieren wir beim nächsten Mal.------------------------------Foto: Wir sind gekommen, um Sie zu beehren. Nach Überwindung der Gegensprechanlage stehen unangemeldete Besucher allerdings oft vor weiteren Hürden.
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