Die halbherzige Rechtschreibreform ersetzt alte Ungereimtheiten durch moderne

"Belämmert" kommt gar nicht von Lamm

Jens Jessen
3 Min

Der zunehmende Widerstand gegen die Rechtschreibrefom hat ihre ursprünglich menschenfreundlichen Antriebe fast vergessen lassen. Sie gehen weit in die siebziger Jahre zurück und auf den Reformeifer fortschrittlicher Pädagogen, die den Arbeiterkindern das Schreibenlernen und damit den sozialen Aufstieg erleichtern wollten. Tatsächlich ist die deutsche Rechtschreibung mit ihrem haarspalterischen System von Groß- und Klein-, Zusammen- und Getrenntschreibung, den Kommaregeln, die subtile Grammatikkenntnisse voraussetzen, nicht leicht zu lernen.Das alte Regelwerk zielte darauf, Mehrdeutigkeiten zu vermeiden (frisch gebackene Brötchen, aber frischgebackene Ehepaare), und ist als solches kein System für Schüler, sondern für Leser. Dem leichteren Lesen dient auch die besonders umstrittene Großschreibung von Hauptwörtern und hauptwörtlichen Wendungen, die ursprünglich einmal ganz abgeschafft werden sollte, aber namentlich das Überfliegen von Texten stark erleichtert. Man hat darum gegen eine radikale Reform immer eingewandt, daß jeder Mensch im Laufe seines Lebens (auch ein Schriftsteller) unendlich viel mehr liest als schreibt.So magerten die Reformpläne im Laufe der Debatte immer weiter ab. Sie enthalten heute nur noch wenige Vereinfachungen (die dafür die früher gefürchteten Mehrdeutigkeiten wiederherstellen), sondern in erster Linie Systematisierungsversuche, die aus dem Dschungel der teils konkurrierenden, teils unlogischen Regeln herausführen sollen. Nun ist Sprache aber, wie jeder Linguist weiß, nicht logisch, und man kann manches richtig sprechen, was sich grammatikalisch nur mühsam erklären läßt. In dieses Dilemma gerät jede Rechtschreibung, die auf die Grammatik zurückgehen will.Das gilt für die alte Zeichensetzung, die anders als im Englischen etwa die Konstruktion der Sätze abbilden will, aber nicht wirklich abbildet. Das gilt aber ebenso für die Orthographie, die in der neuen Rechtschreibung die etymologischen (sprachgeschichtlichen) Wortzusammenhänge wiedergeben soll, aber nicht richtig wiedergibt. "Quäntchen" (früher Quentchen) kommt eben nicht von "Quantum", obwohl es von der Bedeutung her logisch wäre. Die tatsächliche Bedeutung eines Wortes ist überhaupt nicht von seiner etymologischen Verwandtschaft abhängig (durch sie oft nicht einmal erklärbar), sondern ausschließlich vom aktuellen Sprachgebrauch.Die vielbelachte Schwäche der Rechtschreibreform beruht darauf, daß sie Bedeutungszusammenhänge behandelt, als seien es Wortverwandtschaften, und dadurch sogenannte Volksetymologien herstellt, nämliche laienhafte Mißverständnisse der Sprachgeschichte. "Belämmert" (früher belemmert) kommt gar nicht von "Lamm"; und "Gämse" (früher Gemse) kommt zwar von "Gams", ist aber keine schlechte Schreibung, sondern eine ganz normale Lautverschiebung.Wenn man jeden Umlaut mit zwei Pünktchen schreiben wollte, müßte man auch "Ältern" (von alt, früher Eltern) schreiben, aber das will die neue Rechtschreibung auch wieder nicht. So verstrickt sie sich beim Versuch, Widersprüche zu tilgen, in neue Widersprüche und ist am Ende nicht systematischer als die alte Schreibung.Eine Rechtschreibreform, die nicht radikal ist, ersetzt nur tradierte Ungereimtheiten durch moderne. Ist sie aber radikal, dann vernichtet sie die letzten sprachgeschichtlichen Verweise und macht vor allem alles ältere Schrifttum für nachwachsende Generationen unbrauchbar, zumindest schwer lesbar.Aus diesem Grund ging auch die erste Rechtschreibreform von 1901 nicht aufs Ganze, sondern tilgte nur die bis dahin zahlreichen konkurrierenden Schreibweisen (Thür neben Tür, Hülfe neben Hilfe). Der vernünftigste Ansatz der heutigen Rechtschreibreform besteht deshalb darin, einen bedeutenden Teil von Schreibweisen einfach wieder freizugeben und bespielsweise auf die haarspalterischen Unterscheidungen von "in bezug auf" und "mit Bezug auf" zu verzichten.Der Münchener Linguist Werner Betz hat schon vor zwanzig Jahren darauf hingewiesen, daß man mit vier, fünf Regeln neunzig Prozent der Groß- und Kleinschreibungsfälle lösen und den Rest getrost freigeben könne. Diesen nicht radikalen, aber radikal pragmatischen Weg ist die jetzige Rechtschreibreform leider nicht gegangen.

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