Wut, Angst und Selbsthass

So waren die letzten Monate in der DDR

Das Land blutete aus, die Zeitungen schwiegen.

Birgit Walter
9 Min
Tag der Einschulung in Schwanebeck im September 1989. 

Tag der Einschulung in Schwanebeck im September 1989. 

© Herbert Schulze

Das Land blutet aus, die Zeitungen schweigen. Die letzten Monate in der DDR sind Monate des Wartens, der Wut, der Angst, des Selbsthasses. Autorin Birgit Walter erinnert sich an diese Zeit und die Einschulung ihrer Tochter.

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Unsere Tochter wird im September 1989 eingeschult. Seit Monaten fiebert sie diesem Tag entgegen, packt Mappe und Stifte ein und aus, übt Schreiben, will alle Verwandten dabei haben an diesem wichtigen Tag. Vermutlich haben wir Eltern ihr die Schwelgerei ziemlich vermasselt. 

Der Vater ist gerade ständig auf Reisen. Ich als Mutter, die das Kind nach der Arbeit in der Vorfreude hätte bestärken können, bin mit dem Niederringen von aufkommendem Hass beschäftigt.

Nie zuvor hat mir das Land, in dem ich lebe, so zugesetzt wie in den Monaten vor seinem plötzlichen Ende. Nun würde ich ihm also auch das Kind zur gefälligen Verbildung überlassen. Die befreundeten Nachbarn von gegenüber waren zwei Jahre zuvor ausgereist, hatten dem Staat ihr Doppelgrundstück mit dem schönen großen Haus für ein Trinkgeld überlassen – vor allem, um ihrem Sohn das Schulsystem zu ersparen. Und wir sind geblieben, halbherzig wie immer.

Zur Einschulung erscheine ich innerlich zur Faust geballt. Allein diese Schule in Schwanebeck. Eine Baracke für die Erst- und Zweitklässler neben einem überfüllten Neubau – so sieht er also aus, der Sozialismus in seinem Jubiläumsjahr. Jeden Abend fluten die Nachrichten mit Bildern von DDR-Flüchtlingen und ihren hoffnungsvollen Gesichtern unser Wohnzimmer. Hunderttausende sind es, gefühlt Millionen. Ist das Land unterdessen nicht leer genug, um jedem seine Wunschschule zu öffnen? Nein.

Ein besonnener Schuldirektor

Zur Einschulung erwarte ich die üblichen Floskeln darüber, wie sie aus den Kindern gestählte sozialistische Persönlichkeiten formen werden. Hat ja schon bei der Mutter leidlich geklappt. Damals ahne ich nicht, dass das stringente System wenigstens am Anfang auch seine guten Seiten hat – schon nach einem halben Jahr können Schüler damals lesen und schreiben, Rechtschreibung folgt.

Als ich viel später in der Redaktion aus ungezählten Texten von Praktikanten mit Abitur haarsträubende orthografische Fehler fische, überfällt mich mitunter eine späte unerwartete Dankbarkeit für die ersten Jahre DDR-Bildungssystem.

 

Der Schulbeginn 1989 in Schwanebeck fällt anders aus als befürchtet. Es erscheint ein besonnener Direktor mit Gehstock, der in seiner Rede auf Allgemeinplätze verzichtet und stattdessen den Eltern ins Gewissen redet. Sie sollten in diesen Zeiten gefälligst für ihre Kinder da sein, sie begleiten und nicht alleinlassen mit den Zweifeln und Fernsehnachrichten, die schon die Erwachsenen jeden Tag durchschüttelten. Die Kinder brauchten Vertrauen, Halt und Sicherheit, gerade jetzt. So ungefähr spricht er.

Ertappt. Habe ich nicht oft das Abendessen ins Wohnzimmer vor den Fernseher verlegt, um so wenig Neuigkeiten wie möglich zu verpassen? Unbeholfen nach Erklärungen gesucht, statt die paar Stunden am Abend dem Kind zu widmen? Wie sollte ich ihm auch den Exodus aus einem Land erklären, in dem wir ja weiter lebten? Irgendwann würde es fragen, wann eigentlich Onkel Thomas mal wieder vorbei kommt. Na, gar nicht, weil er sich auch über Ungarn auf den Weg nach Westen gemacht hat. Weil er nicht DDR sein wollte, Der Doofe Rest, wie wir freudlos witzeln. Keiner weiß, wann wir meinen Bruder überhaupt wiedersehen würden.

Die Kultur gilt als Nische

Jetzt also zeigen selbst Schuldirektoren mehr Format als Zeitungsleute, denke ich, damals Redakteurin der Berliner Zeitung. Um Bescheid zu wissen, was in der Welt und nebenan passiert, haben Ost-Journalisten damals wie alle nur die Möglichkeit, sich über West-Sender zu informieren. Gleichzeitig nehmen die Ost-Medien noch groteskere Formen an, die Lethargie lässt noch mehr Platz für Verlautbarungsmeldungen. Und ich gehöre zu denen, die an der täglichen Desinformation der Leser mitwirken.

Ich weiß gar nicht mehr, wie das anfing, wie wir das aushielten. Da wächst man wohl rein. Auch in so eine Zeitungsarbeit mit ihrem anschwellenden Zynismus, bei dem wir Anweisungen von oben auf den Fluren verhöhnen und gleichzeitig das leere Parteigeschwafel ungefiltert aus der Agentur in die Zeitung fließen lassen.

Die Kulturabteilung der Berliner Zeitung versammelt die wenigsten Genossen, zwei der besten Schreiber und die schärfsten Verächter des Systems. Die Kultur gilt als Nische. Statt sich in Leitartikeln zu positionieren, bewerten die Autoren Kunst und transportieren kleine Wahrheiten zwischen den Zeilen. Na, manchmal jedenfalls.

Hitzige Frage: Gehen oder bleiben? 

Die meisten von uns haben sich eingerichtet. Persönliche Entscheidungen getroffen, abgewogen, was jeder aufzugeben bereit ist. Ob er die schöne Redakteursstelle eintauschen will gegen einen Job als Friedhofsgärtner. Oder für ein anderes Leben im Land nebenan, das einen weder will noch braucht.

Viele hatten ganz früher einmal die Gewissheit verinnerlicht, in der gerechteren Gesellschaft zu leben. In einem Land, das keine extreme Armut zulässt und keinen Jetset, dafür ein Leben auf auskömmlichem Niveau mit Arbeit für alle ermöglicht. Wenn auch – vorübergehend! – ohne Ausflug nach Paris. Konsumstreben war immer verpönt.

Dass das Experiment scheitern würde, stand nicht von Beginn an fest. Die Erkenntnis reift mit der Zeit, in der sich Mauer und Denkverbote festsetzen, in der der erstickte Prager Frühling, die Biermann-Ausweisung, der Verlust zahlloser Künstler eisern in die bleiernen 80er-Jahre führen, die Apathie. Nur auf privaten Feiern geht es immer hitzig um die Frage: Gehen oder bleiben? Und wenn ja – wie?

Protest in der Redaktion der Berliner Zeitung: Das Blatt muss sich ändern! 

Die letzten Spuren von Glaubwürdigkeit verspielt das System selbst bei ergebenen Genossen, als es die Übernahme von Glasnost und Perestroika für die DDR verweigert, die sowjetische Zeitung Sputnik mit ihren historischen Richtigstellungen nicht mehr ausliefert, Filme nicht mehr zeigt.

Im Finale geht es zur impertinenten Lüge über. Den medialen Siedepunkt vor den Verhaftungen zum 40. Jahrestag im Oktober 1989 bildet im Monat zuvor die Geschichte von dem Mitropa-Koch, der unter Drogen gesetzt und von Menschenhändlern aus Budapest in den Westen verschleppt worden sein will. So schreibt es das Neue Deutschland. Das eigentlich Perfide besteht darin, dass bis dahin keine DDR-Zeitung die Massenflucht der eigenen Bürger in den Westen auch nur erwähnt hätte. Keine Zeile darüber, wie das Land ausblutet.

Und in dieses verstockte Schweigen hinein platzt das ND mit einer Entführungsstory. So schlecht erfunden, dass es jeden Leser beleidigen muss. Auf den Gängen und in den Versammlungen der Berliner Zeitung wird der Protest lauter: Das Blatt muss sich ändern! Die Chefredaktion beschwichtigt, offenbar selbst irritiert: Lasst uns den Jahrestag überstehen, dann sehen wir weiter.

Der neue Hass auf das Land speist sich auch aus Selbsthass

Nutzen wir damals schon den Begriff Fremdschämen? Jedenfalls ist das gemeint, wenn ich meine Freundinnen aus anderen Redaktionen des Berliner Verlags in der Kantine treffe, um Neuigkeiten durchzuhecheln. In diesem Fall fassungslos, weil das Interview mit dem Mitropa-Koch von einem Kollegen geführt wurde, mit dem zusammen wir alle studiert hatten. Wie konnte er nur?

So weit würden wir nie gehen. Nee, mussten wir auch nicht. Bei uns gaben nicht die ideologischen Scharfmacher den Ton an wie im SED-Zentralorgan ND, der Jungen Welt oder auch in der Frauenzeitschrift Für Dich. Die Unterschiede der einzelnen Redaktionen kommen uns damals vor wie die zwischen Steinbruch und Kabarett. Nicht marginal, sondern existenziell. Dieter Kerschek, der Chefredakteur der Berliner Zeitung mit dem Nimbus des Anständigen, steckt oft Prügel ein im Zentralkomitee für das, was er in seiner Zeitung durchgehen lässt, vergleichsweise kritische Wirtschaftsberichte zum Beispiel. Er gibt das nicht an die Kollegen weiter.

Der neue Hass auf das Land speist sich auch aus Selbsthass, bewusst oder unbewusst. Denn klar, ohne uns hätten sie ihre Zeitungen nicht machen können. Da mochte man sich noch so auf der Seite derer fühlen, die gern mal Klartext geschrieben hätten. Tatsächlich war unsere Schere im Kopf verankert, wir glaubten, sie zu kennen. In Wahrheit schneidet sie tiefer, als uns lieb sein kann. Die Selbstzensur funktioniert.

Forderungen nach Pressefreiheit 

Man kann Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“, eine Tschechow-Adaption auf das Ende der DDR, ausgiebig loben und ihr Anliegen vermitteln, das geht. Aber die Diskussionen, die in den Monaten vor dem Mauerfall im Maxim Gorki Theater nach jeder Vorstellung losbrechen, weil Zuschauer einfach sitzen bleiben und reden wollen, die kommen in keiner Zeitung vor. Genauso wenig wie die Montagsdemonstrationen in Leipzig.

Die Protestzüge um den 7. Oktober beobachten wir auch nur aus den Redaktionsfenstern, von den Redakteuren wagt sich keiner dorthin. Von den Verhaftungen erfahren wir dann aus dem Fernsehen. Die Nervosität lässt sich mit Händen greifen, aber unsere Forderung nach Pressefreiheit erreicht nur die Chefredaktion, die sie gefälligst nach oben weiter geben soll.

Unter den Dableibenden zeigen vor allem Künstler Mut zum Widerstand, nicht erst bei der Organisation der befreienden Demonstration vom 4. November auf dem Alexanderplatz. Noch kurz vorher finden ihre Worte keinen Weg in die Zeitung, weder die Resolution der Theaterleute noch die der Rockmusiker. Nicht vor dem Jahrestag.

Honecker ist weg?!

Der September erscheint im Rückblick als der schlimmste Monat, weil immer noch kein Reformwille erkennbar wird, das System in Erstarrung beharrt. Die meisten Bürger hatten ihre Abwägungen getroffen, doch jetzt ändern sich die Bedingungen. Neue Ängste kommen dazu. Was, wenn bei anhaltender Massenflucht die Grenzen zur Tschechoslowakei und zu Ungarn dicht machen? – Das wagen sie nicht! – Nein?

Sie haben schon ganz andere Grenzen geschlossen, unbehelligt und für ewig. Uns ist jede Gelassenheit abhandengekommen. Keiner ahnt doch, wie das Experiment ausgeht, wie schnell alles endet.

Das Kind hat Herbstferien, wir denken an die Worte des Schuldirektors, machen Ausflüge, heute in den Spreewald. Unendliche Stille auf dem Wasser, kein Radio nirgends. Da kommt uns ein anderer Kahn entgegen, der Ruderer ruft: Honecker ist weg! – Was denn, wirklich?! Wir müssen nun doch schnell zurück zum Auto, hören, ob das stimmt. Vielleicht geht es jetzt doch los mit einem neuen Land.

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