Genau 30 Jahre ist es her, dass rund 150 Menschen über den Kurfürstendamm zogen, im Gepäck drei Autos und eine Musikanlage. Eine kleine Veranstaltung, angemeldet aus politische Demo, versehen mit dem lapidar klingenden Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ – und dennoch der Auftakt zu einem großen Kapitel der Berliner Geschichte. Die Party, die sich am 1. Juli 1989 im Westteil der Stadt abspielte, fand bald ihre Fortsetzung. Und zog Jahre später als „Loveparade“ Millionen Techno-Jünger nach Berlin. Nun wird der Parade eine Ausstellung gewidmet – in der Multimedia-Schau „nineties berlin“ in der Alten Münze.
Nicht ohne Dr. Motte
„Dr. Mottes Loveparade“ kommt natürlich nicht ohne den Erfinder der Parade aus – Matthias Roeingh alias Dr. Motte kuratierte die Ausstellung, gemeinsam mit Michael Geithner. Roeingh war vor einem Jahr zu Gast, als die Ausstellung zum Berlin der 90er-Jahre eröffnete, und schon damals war die Loveparade vertreten. „Aber es war klar, dass wir einen größeren Raum brauchen, um alles rund um die Parade darzustellen“, sagt er. „Denn sie war eines der wichtigsten Elemente der 90er-Jahre.“
Die Sonderausstellung wirf einen Blick auf die Geschichte des Techno-Fests, die simpel begann. „Gefühlt sind wir im ersten Jahr mit 20 Leuten losgetigert, aber das war egal“, sagt Matthias Roeingh. „Wir hatten eine Idee – und haben einfach gemacht.“ Innerhalb von Wochen organisierten sie das Gerüst der Parade, suchten einen Wagen für die Anlage, bastelten Plakate. Am 1. Juli zogen sie los. „Die Gefühle, die wir damals hatten, kann man kaum beschreiben. Wir hatten keine Ahnung, wie so etwas organisiert sein muss. Wir waren unschuldige Lämmer, die über die Straße stolperten, aber die Musik ließ alle Unsicherheiten verschwinden.“ Es dauerte nicht lange, bis die Parade zum Massenphänomen wurde: 1991 reisten erstmals Angehörige der Techno-Szene aus verschiedenen Städten nach Berlin. Alljährlich vervielfachte sich die Teilnehmerzahl. Der Höchststand war 1999 erreicht – damals feierten rund 1,5 Millionen Menschen auf der Strecke zwischen Ernst-Reuter-Platz und Brandenburger Tor eine ausgelassene Party.
In der Ausstellung erinnert ein besonderes Dokument an jene Ausgabe der Loveparade: Die Rede, die Dr. Motte zu Beginn hielt. „Es ist das Original, das er in den Händen hatte“, sagt Geithner. Das Besondere: Nach dem Erfolg der Vorjahre findet sich auf dem ersten Blatt der Satz „Hier in diesem Augenblick haben sich eine Million Menschen versammelt, um miteinander ihre Musik zu hören und danach zu tanzen.“ Neben den Worten „eine Million“ hat Dr. Motte „1,5“ vermerkt. „Es zeigt, dass man nach 1998, wo schon eine Million Besucher kamen, nicht ahnen konnten, dass es doch 1,5 werden“, sagt Geithner.
Auch die Südseemuschel, die der Loveparade-Erfinder in seiner Abschlusskundgebung im Jahr 2000 nutzte, ist in einer Vitrine zu sehen. Viermal blies er in jenes Horn, das als ältestes Instrument der Menschheit gilt. Die Rede bestand lediglich aus den Worten „Back to the Roots. Unsere Welt ist Klang“ und wurde als „Unsere Welt ist krank“ missverstanden. Fotos, Videos und weitere Exponate aus privaten Sammlungen komplettieren die Ausstellung. Die Schau soll auch dem „besonderen Spirit“ eine Plattform geben. „Der kalte Krieg war beendet, die Leute lebten in einer optimistischen Zeit. Dafür bot die Loveparade eine ideale Fläche“, sagt Geithner. „Und das wirkt bis heute.“ Spreche man mit den Menschen, die dabei waren, werde deutlich: Das Feeling, das die Parade ausmachte, gibt es noch.
Absturz und Katastrophe
Danach schlitterte das Event in unsichere Zeiten: 2001 wurde der Veranstaltung der Status als Demonstration aberkannt, die Finanzierung wurde schwieriger, die Rechte an der Marke „Loveparade“ wurden verkauft. Ein endgültiges Ende fand das Techno-Fest 2010 mit dem Unglück in Duisburg – bei einer Massenpanik kamen 21 Menschen ums Leben.
Darauf angesprochen findet auch Roeingh klare Worte. „Ich muss mich sehr darüber wundern, dass 21 Menschen starben, aber noch heute niemand verurteilt ist“, sagt er. „Aus meiner Sicht ist es ein Skandal.“ Nachfolgekonzepte scheiterten – die „B-Parade“ kam nie zustande, der „Zug der Liebe“ brachte nicht annähernd so viele Besucher wie die Liveparade auf die Straße. „Wenn man so etwas heute auf die Beine stellen würde, müsste man mit allen reden, bräuchte zwei Jahre Vorbereitung, es würde Millionen kosten – wer bezahlt das?“ Roeingh kritisiert auch die Politik. „Wie kann es sein, dass gewachsene und etablierte Kultur zugunsten von noch mehr Bürokomplexen aus der Berliner Landkarte radiert werden, ohne, dass vorher gemeinsam ein neuer, adäquater Standort gefunden wird?“, sagte er in einer Rede zur Eröffnung der Ausstellung. Er wolle die Berliner Clubs hiermit – er sei so frei – zum „Kulturschutzgebiet“ ernennen. „Die Politik muss, zusammen mit den Clubs, eine Lösung finden. Wir brauchen für die Flächen, die bebaut werden, einen gewissen Prozentteil Kultur, sonst stirbt diese Stadt vor sich hin“, sagt er der Berliner Zeitung danach. „Und das dürfen wir nicht zulassen.“
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