Die Linie 4

Strecken zum Meer

Seit mehr als zehn Jahren fährt die Berliner Schriftstellerin Annett Gröschner überall auf der Welt mit der Linie 4, egal ob Straßenbahn, Trolleybus oder Bus. Sie schreibt über das, was sie bei ihren Fahrten sieht und hört. In diesem Herbst war sie in Athen und in Helsinki.

Annett Gröschner
19 Min
Trolleybusse haben in Athen Tradition. Als die Stadt im Smog zu ersticken drohte, entschieden sich die Verkehrsplaner zusätzlich für ein Netz aus Metro und Tram.

Trolleybusse haben in Athen Tradition. Als die Stadt im Smog zu ersticken drohte, entschieden sich die Verkehrsplaner zusätzlich für ein Netz aus Metro und Tram.

© Annett Gröschner Lizenz

T4 und Trolleybus Nr. 4 in Athen

Es ist Herbst in Athen. 25 Grad Lufttemperatur. Ich stehe mit den Füßen im Mittelmeer und schaue über den Saronischen Golf. Alle mythischen Meeresfahrten der griechischen Antike haben hier, im Hafen von Phaleron, begonnen. Die nach Troja und die nach Europa. Einen Hafen gibt es nicht mehr. Aber eine Haltestelle der Straßenbahn. Die Niederflurbahnen spucken im Viertelstundentakt neue Schwimmer aus, die mit nichts als den Badesachen zum Ufer laufen. Das ist so nah, dass man mit ein wenig Geschick aus der Straßenbahn einen Ball als Vorhut ins Meer werfen könnte.

An diesem Morgen sitzen zumeist ältere Leute im flachen Wasser. Mit ihren weißen Stoffhüten auf dem Kopf wirken sie wie in den schwachen Wellenbewegungen leicht schaukelnde Möwen. 348 Sonnentage soll es in Athen im Jahr geben. Wie alle echten Berliner liebe ich Hauptstädte, in denen man mit der Straßenbahn bis ans Meer kommt.

Am Horizont erhebt sich die Insel Égina aus dem Wasser, die auf meinem Polaroidbild, das ich von Meer und Insel mache, nicht zu sehen sein wird. Auch die weißhütigen Menschen wird das Licht verwischen. Es gibt nichts als verschiedene Blautöne von Himmel und Wasser auf dem Foto. Genauso ließe sich von diesem Standpunkt aus die Krise ausblenden, aber wenn man sich umdreht, ist sie da. Am südlichen Rand von Athen kommt sie in Gestalt eines Mädchens daher, das sich mithilfe vieler kleiner Münzen einen Fahrschein aus dem Automaten zieht. Das Mädchen hat olivgrün schimmernde Haut und entzündete Augen. Sie ist mir auf der Hinfahrt schon begegnet. In der Hand hält sie ein Bündel billiger Kugelschreiber mit blauer Kappe. Kaum ist die Bahn angefahren, läuft sie durch den Wagen und bietet sie an. Sie ist freundlich. Sie sagt zu jedem so etwas wie: „Sie brauchen doch sicher einen Stift.“ Die meisten schauen nach unten, nur eine Frau schiebt dem Mädchen einen Fünf-Euro-Schein in die Hand. Es möchte ihr einen Stift dafür geben. Den will die Frau nicht. Das Mädchen fleht sie fast an. Ihr ist es wichtig, dass Ware gegen Geld getauscht wird. Dass sie Verkäuferin ist, nicht Bettlerin. Die Frau wendet sich ab.

Von Haltestelle zu Haltestelle steigen mehr Fahrgäste ein. Die Straßenbahn in Athen ist beliebt, seit sie anlässlich der Olympischen Spiele 2004 wieder eingerichtet wurde, nach über 40 Jahren Pause. Wie in fast allen großen westeuropäischen Städten wurde die seit 1882 existierende Straßenbahn auch in Athen zugunsten des Individualverkehrs aus der Innenstadt verbannt. Als die Stadt in den Achtzigerjahren im Smog zu ersticken drohte, wurde nach anderen Transportlösungen gesucht. Weil der Bau von Untergrundbahnen wegen der vielen historischen Zeugnisse im Boden langwierig und teuer ist, entschied man sich für eine kombinierte Lösung, Metro und Tram. 27 Kilometer Straßenbahnnetz gibt es. Alle Strecken führen zum Meer, eine, die 3, sogar die ganze Strecke am Meer entlang.

Der alte Mann, der mit mir an der Haltestelle Paleo Faliro eingestiegen ist und den Waggon mit Witzen unterhält, springt auf, als eine junge attraktive Frau in die volle Bahn tritt, und nötigt sie, sich auf seinen Platz zu setzen. Sie ziert sich ein wenig, er ermuntert sie so lange, bis sie sich setzt. Als sie drei Stationen später aussteigt, der alte Mann aber stehenbleibt, traut kein Jüngerer sich, sich auf den Platz zu setzen. Mich erstaunt die Höflichkeit und Würde im alltäglichen Stadtleben, obwohl sich die Krise so verschärft hat, dass sie den Alltag jedes Einzelnen bestimmt, sieht man mal von jenen ab, die mit ihren Porsches und SUVs zeigen wollen, wer der Krisengewinnler ist.

Die Bahn T 4 fährt durch Paleo Faliro und Nea Smyrni und streift die Stadt Kallithea. Die südlichen Vororte in Meernähe waren bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts Villenvororte der wohlhabenden Athener. Nach dem Zweiten Weltkrieg und bis in die Neunzigerjahre siedelten hier vor allem Griechen, die aus der Türkei oder der Sowjetunion geflohen waren. Sie veränderten den Charakter der Viertel. Die Villen mussten mehrstöckigen Wohnhäusern weichen.

Station für Station nähert sich die Bahn den Ausgrabungsstätten des antiken Athen, es geht vorbei am Tempel des olympischen Zeus, am Hadrianus-Tor, den römischen Thermen. Man kann mit der Straßenbahn sogar bis zum Fuß der Akropolis fahren, die man schon von Weitem sieht.

Das neue Akropolis-Museum räumt mit der Legende der weißen antiken Statuen auf. Das klassizistische Ideal, mit dem wir Kinder des Abendlandes getriezt wurden, Winckelmanns edle Anmut und stille Größe sind nur ein witterungsbedingtes Missverständnis, die Statuen waren ursprünglich bemalt. Ihre bunten Repliken erinnern mich an Souvenirpuppen, die früher aus Bulgarien mitgebracht wurden.

Die Akropolis ist eine Baustelle. Im Parthenon-Tempel drehen sich Kräne. Von oben sieht Athen wie eine unendliche Ansammlung von weißem Geröll aus.

Drei Haltestellen hinter der Akropolis endet die Linie T4 am Syntagma-Platz. Er ist nicht nur in Griechenland das Symbol des Protests der Empörten gegen die Sparmaßnahmen der Regierung, die europäische Finanzpolitik, Korruption und die Ausplünderung des Gemeinwesens. Im Juni 2011 kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, nachdem vor allem junge Menschen auf dem Platz eine Zeltstadt errichtet hatten, um für wenige Tage zu zeigen, dass eine andere Ordnung möglich wäre, bis die in Tränengasschwaden der Polizei unterging. Die Empörung blieb, denn der Lebensstandard sinkt durch die Gehalts- und Rentenkürzungen rapide. Jetzt, im Oktober 2013, ist der Syntagma-Platz fast leer. In den Ecken schlafen Obdachlose, Verkäufer bieten Lose an. Hunde streunen, und Touristen eilen in die Metro.

Im selben Moment, als Hunderte Demonstranten, erschöpft von ihrem 500 Kilometer langen Fußmarsch aus Thessaloniki, vor dem Parlamentsgebäude ankommen und eine Hundertschaft Polizei mit Schilden und Helmen aus Bussen steigt, um sich vor dem Eingang des Parlamentes aufzustellen, tritt wenige Meter entfernt aus dem Luxushotel Grand Bretagne an der Nordostecke des Platzes ein Supermodel mit seiner dienstbeflissenen Entourage und einem Fotografen, der vor ihm auf dem Trottoir liegt und abdrückt. Herausgetreten aus dem Hochglanzmagazin in die Realität, sieht es mit seinem ausdruckslosen Schlafzimmerblick und dem Seidenkokon um seinen stangenartigen Körper aus wie eine Schaufensterpuppe, die laufen kann und die man, ohne dass es auffiele, in das Fenster eines Flagshipstores stellen könnte. Hinter dem Syntagma-Platz befinden sich die Einkaufsstraßen von Athen. Obwohl sich Kaufhaus an Kaufhaus, Laden an Laden reihen, sieht man nur wenige Leute mit Einkaufstüten. Das ist beim oberflächlichen Blick auf die Stadt, neben dem riesigen Polizeiaufgebot und den Bettlern, das deutlichste Zeichen der Krise. Die kleineren Läden sind entweder geschlossen oder leer. Hinter den Schaufenstern stehen die Verkäuferinnen und schauen auf ihre Fingernägel. Sie sind dankbar über jeden kleinen Einkauf, der mit allen guten Wünschen für die Kundin begleitet wird. Die Banken dagegen sind gegen jeglichen Protest gewappnet. In die Postbank am Rathausplatz kommt man nur durch ein kompliziertes Schleusungsverfahren.

Auffällig in Athen ist, dass die Sprüche und Tags an den Wänden kein Ausdruck eines Sprayer-Egos sind wie in den reicheren Städten Europas, sondern der des Protests. Dass viele auf Englisch sind, kann zweierlei bedeuten: Der Protest ist international, und es hat keinen Sinn mehr, ihn auf Griechisch zu formulieren, weil die Regierung sowieso nicht zuhört. An der Mauer der Akademie steht in roter Farbe ein Aufschrei gegen die Morde der faschistischen „Goldenen Morgenröte“.

An der Akademie steige ich um in den Trolleybus Nr. 4, der mich in den Norden Athens bringt. Er kommt sehr unregelmäßig, weil er oft aufgehalten wird, ein Fahrplan hat keinen Sinn. Dementsprechend voll ist der Bus, wenn er zwei Haltestellen hinter dem Syntagma-Platz hält.

Rechterhand befindet sich das Viertel Éxarchia. Als am 6. Dezember 2008 hier der 15 Jahre alte Alexis Grigoropoulos von Sicherheitskräften erschossen wurde, war das der Auftakt einer Protestwelle vor allem junger Menschen, denen das Land schon seit Jahren keinerlei Perspektive mehr bietet. Das Éxarchia ist eigentlich traditionell ein Ausgehviertel. Weil die Restaurants aber inzwischen zu teuer sind, bleiben sie leer. Das Leben spielt sich vor ihren Türen ab. Dort sitzen bis tief in die Nacht Gruppen junger Leute in der Fußgängerzone auf der Straße beim Essen, Trinken und Rauchen. Nachts stehen an jeder Kreuzung des Viertels Polizisten in Kampfmontur, die nicht den Eindruck machen, als wollten sie die Einwohner schützen. Eher geht es um die Demonstration von Macht. Die Einwohner indes wollen sich die Hoheit über das Viertel nicht wegnehmen lassen.

Am Omonias-Platz stehen viele Gebäude leer. In den angrenzenden Straßen haben sich Immigranten aus ärmeren Ländern niedergelassen. Auf dem Platz kann man täglich die verfehlte Flüchtlingspolitik der EU sehen. „Armut ist das größte gitterlose Gefängnis“, hat der Schriftsteller Valeriu Marcu angesichts der deutschen Krise Anfang der 1930er-Jahre geschrieben. Aber Armut, wenn sie viele betrifft, macht auch erfinderisch und widerständig. In Éxarchia zum Beispiel, unmittelbar hinter dem Polytechnio, betreiben Aktivisten eine Arztpraxis, die mit Spenden aufrechterhalten wird. Die Ärzte dort arbeiten unentgeltlich und behandeln all jene, die keine Krankenversicherung mehr haben. Nach inoffiziellen Angaben sollen das inzwischen mehr als die Hälfte der Einwohner Griechenlands sein.

Die Nationale Technische Universität, Polytechnio genannt, an deren gleichnamiger Trolleybushaltestelle viele ein- und aussteigen, befindet sich am Rand von Éxarchia. Die Gebäudefassaden sind von Transparenten fast verdeckt. Die Studierenden sind in den Ausstand getreten. Das hat Tradition an diesem Ort. Zwei Generationen vor ihnen haben Studierende am 17. November 1973 einen Aufstand gegen die Militärdiktatur begonnen, der blutig niedergeschlagen wurde. Es war der Anfang vom Ende der Diktatur. Inzwischen muss man Angst haben vor einer neuen.

Der Bus ist voll, die Leute stehen eng aneinander gedrängt. Erst am Areos-Park, dem Marsfeld, wird es wieder etwas leerer. Es ist einer der wenigen großen Parks der Stadt. Es sind kaum Jogger unterwegs, stattdessen sitzen alte Leute auf den Bänken. Sie schauen den Vögeln zu, die auf den Wegen nach Krumen picken.

Hinter dem Park biegt der Trolleybus in das Kypseli-Viertel ab. Hier entstanden Anfang der Dreißigerjahre die ersten von Bauhaus- und Art-Deco-Architektur beeinflussten Wohnblocks. Bis in die Siebzigerjahre war es ein Viertel der mittleren und oberen Mittelschicht. Im folgenden Jahrzehnt entdeckten Einwanderer es für sich. Seitdem ist es bunter und voller geworden.

In Kypseli steigen drei Kontrolleure in den Bus. Sie haben Freizeitkleidung an, einer rosa, einer gelb, einer hellgrün. Sie zeigen jedem einzelnen Fahrgast freundlich ihre Ausweise vor und klopfen dem Busfahrer auf die Schulter, als sie wieder aussteigen. Unklar, ob sie bei dem einen oder anderen nicht beide Augen zugedrückt haben. Denn es ist nicht so einfach, in Athen ein Busticket zu erwerben. Bei meiner ersten Fahrt mit dem Trolleybus dachte ich, ich könne im Bus einen Fahrschein lösen. Der Fahrer winkte mich hinein, gab mir zu verstehen, dass es Fahrkarten nur noch in der Metro gäbe, er würde mich da hinfahren, ich müsse aber neben ihm stehenbleiben. Ich war mir nicht sicher, was das bedeutete. Jetzt, angesichts der Kontrolleure, verstand ich es. Er hätte meine Ticketlosigkeit mit den Kontrolleuren geklärt.

In Kypseli wird an einer anderen Linie 4 gebaut, die der Metro, die schon längst eröffnet sein sollte. Bis dahin klappert noch der Trolleybus Nr. 4 in stoischer Langsamkeit die einzelnen Stationen ab. Als der Bus an einer Kirche vorbeifährt bekreuzigen sich drei der fünfzig Fahrgäste. Von Haltestelle zu Haltestelle werden es weniger.

An der Endstelle sitzen Männer im Garten eines Cafés und spielen Domino, wie auch schon die Männer am anderen Ende der Trolleybuslinie 4 in Agios Ioannis. Einer kriegt die Wut und wischt alle Steine vom Tisch. Er steht unter einem Straßenschild mit der Aufschrift Kafkasou. Das klingt nach Kafka, doch es ist die Kaukasusstraße. Eine Straße mit dem Namen Franz Kafka, in einem der am dichtesten besiedelten Bezirke Europas gelegen, das wäre auch nicht schlecht. Wie hat der Schriftsteller Christoph Hein bei seinem Besuch in Athen gesagt: „Was die europäische Politik betrifft, die sich von den Großbanken vorführen lässt, leben wir längst das Kafkasche Urteil.“ Obwohl, obwohl … Es gibt Hoffnung in Gestalt einer Jugend, die sich nichts gefallen lässt, und die international vernetzt ist.

4T – Helsinki in gelbgrünen Wagen

Zwei Tage später. 3 500 Kilometer weiter nördlich, derselbe Längengrad, ein kälteres Meer. Endstelle der Linie 4 in Helsinki. Es ist die Halbinsel Katajanokka, am Rande der Innenstadt. Weiter links vom Hafen ist ein Stück offenes Meer zu sehen. Die finnische Eisbrecherflotte ankert am Ufer. In wenigen Tagen wird sie sich nach Norden aufmachen. Als Warenumschlagplatz wird der Hafen von Katajanokka nicht mehr genutzt, nur noch für den Passagierverkehr. Die Vikingline verkehrt von hier aus nach Stockholm und Tallinn. Nur unmittelbar vor Ankunft und Abfahrt einer Fähre hält die Linie 4 am Hafen. Sie heißt dann 4T. T für Terminal.

Gerade ist ein Schiff aus Stockholm gekommen. Anders als bei Ankunft der Abendfähre aus Tallinn, wenn die Alkoholtouristen mit Rollkoffern voll Bierbüchsen hinter sich und etlichen Alkoholika intus von der Gangway zur Straßenbahn torkeln, sind die meisten an diesem Mittag nüchtern. Als Erster trägt ein junger Mann seinen Kontrabass in den schmalen Niederflurteil der Straßenbahn, der für Gepäck und Kinderwagen reserviert ist. Die Nachdrängenden nehmen keine Rücksicht auf das teure Instrument. Es sind Eltern mit Kleinkindern. Erst ein Kinderwagen, dann noch einer, dann ein Fahrradanhänger, da geht der Unmut schon los. Erst diskutiert eine, dann zwei, dann alle drei Mütter zusammen gegen den Mann und sein Instrument. Ihm wird es zu bunt. Der junge Mann hievt seinen Kontrabass über die beiden Stufen in den Hochflurteil der Bahn. Unten machen sich die Eltern breit, packen die Kinder aus, kramen in den Einkäufen. Da öffnet sich die Tür erneut und gibt den Blick auf eine vierköpfige Familie mit Kinderwagen frei, die auch noch mit will. Die Eltern schreien so etwas wie: „Hier ist voll, nehmt die nächste Bahn.“ Eine nächste wird aber nicht so schnell kommen. Es gibt nur eine Bahn pro Fähre, maximal zwei. Die Familie überhört das Geschrei und quetscht sich noch mit in den Wagen. Eigentlich hatte die Stadt schon vor Jahren Niederflurbahnen beim deutschen Hersteller Adtranz gekauft. Aber die vertrugen das finnische Klima nicht und fallen oft aus. Endlich geht die Klingel und die Bahn fährt ab. Die Väter setzen Kopfhörer auf, die Mütter nesteln an den Kindern. Ohne große Probleme fädelt sich an den nächsten Stationen eine Familie nach der anderen wieder aus.

Die Linie 4 fährt von Süden nach Westen quer durch die City. Von einer gut situierten Gegend in die nächste. Katajanokka gilt als attraktive Wohnlage, seit die Werft 1975 schloss. Das alte Gefängnis ist zu einem Luxushotel umgebaut worden. Auf einem Felsen am Westrand der Insel steht die orthodoxe Uspenski-Kathedrale, die größte russisch-orthodoxe Kirche im Westen Europas. Mit ihren dreizehn vergoldeten Kuppeln sollte die weithin sichtbare Kirche Symbol der russischen Herrschaft über Helsinki sein. Die hielt nach dem Bau der Kathedrale 1868 noch 49 Jahre, ehe Finnland 1917 die Souveränität erlangte. Die Uspenski-Kathedrale steht in Konkurrenz zum evangelischen Dom, der die Hauptinsel Helsinkieniiemi, die Kernstadt, mit seiner Größe beherrscht. Er steht auf dem Senatsplatz, der 1812 von dem deutschen Architekten Carl Ludwig Engel im Auftrag des russischen Zaren Alexander nach der Eroberung Finnlands im russisch-schwedischen Krieg projektiert wurde. Der weitläufige Platz mit seinen klassizistischen Gebäuden erinnert ein wenig an Sankt Petersburg. Die Bahn muss sehr langsam fahren, um die Touristen nicht zu stören, die selbstvergessen auf den Schienen stehen und alles fotografieren, was nicht weglaufen kann. Nach dem Zaren ist auch die Einkaufsstraße Aleksanderinkatu benannt, durch die die 4 fährt, neben vielen anderen Straßenbahnlinien. Hier ist ein reges Ein- und Aussteigen. Bald ist keiner der Kinderwagen vom Hafen mehr in der Straßenbahn.

In dem Dokumentarfilm „Citysinfonie: Helsinki forever“ über die Geschichte der Stadt sieht man die gelbgrünen Straßenbahnen in unzähligen Szenen. 1891 fuhren die ersten Pferdetrambahnen, zehn Jahre später die ersten Elektrischen, in der kurzen warmen Jahreszeit mit Sommerbeiwagen. Immer haben sie ihre gelbgrüne Farbe behalten. In Aki Kaurismäkis Film „Die Wolken ziehen vorüber“ von 1996 steigt die Oberkellnerin Ilona zu ihrem Ehemann Lauri in die Straßenbahn, gibt ihm einen Kuss, die Türen schließen sich, und er fährt ab. Bis sie beide ihre Arbeit verlieren und wider alle Vernunft etwas Neues beginnen. Am berühmtesten ist die Linie 3. Sie steht in jedem Reiseführer als angepriesener Ersatz für eine teure Stadtrundfahrt. Sie wurde sogar in einem Schlager besungen: „Einst werde ich/ entlang der Linie 3 laufen/ und werde Geld haben.“ Die 4 gelangte nie zu Ruhm. Sie fuhr in ihrer Geschichte zu unterschiedliche Strecken. Aber immer kam sie am Kaufhaus Stockmann vorbei, jedenfalls seit es hier steht und einen ganzen Block ausfüllt, das größte Kaufhaus Nordeuropas an der Ecke Mannerheimintie und Alexanderinkatu. Dort muss die Bahn rechter Hand das Denkmal der Schmiede umrunden. Drei nackte Männer stehen um einen Amboss und heben die Hämmer. Vielleicht war das der Grund, dass ich beim flüchtigen Lesen des Straßennamens annahm, es handele sich bei der Mannerheimintie um die Übersetzung des Wortes Männerheimstraße, weil es hier einst eine Unterbringung für ledige Männer gab, und nicht um einen Marschall, der noch 1960, als das längst aus der Mode war, ein Reiterstandbild an der Hauptpost bekam.

Die drei nackten Schmiede könnten aber auch auf das entspannte Verhältnis der Finnen zum nackten Körper hinweisen. Ich könnte hier aussteigen, um in die Sauna des Yrjönkadun-Bades zu gehen, wo an vier Tagen die Frauen unter sich sind und alles nackt tun: schwimmen, saunieren, ausruhen, Kaffee trinken. Die Aufgüsse haben keine exotischen Namen, und niemand wedelt mit dem Handtuch herum. Wer reinkommt, kippt eine Kelle Wasser auf die heißen Steine und manchmal auch zwei. Die finnischen Frauen wirken stark und unprätentiös und flößen nicht wenigen westeuropäischen Männern Furcht ein. Die haben wohl Angst, ihre Unabhängigkeit könnte auf Frauen anderer Nationen ansteckend wirken.

Nicht weit vom Bad und gegenüber der Hauptpost ist der Lasipalast, mein Lieblingsgebäude in Helsinki, ein luftiger Moderne-Bau mit Cafés und Restaurants, einer Bar und diversen kleinen Läden. Er entstand schon 1939, ein Jahr bevor Helsinki Austragungsort der Olympischen Spiele sein sollte, was durch den Zweiten Weltkrieg verhindert wurde. Am meisten haben es mir die Leuchtreklamen angetan. Die beiden flinken Kellnerinnen vor der Aufschrift RAVINTOLA und die Teekanne, die wie von Zauberhand Tee in eine Tasse gießt. Die hellerleuchteten Fenster der Straßenbahn, in denen sich die Leuchtreklamen des Lasipalastes spiegeln, das ist mein Bild der Großstadt Helsinki. Meistens regnet es noch oder schneit. Wenn der Wind durch die Straßen pfeift, fragt man sich, wie zum Teufel jemand dieses kalte Land besiedeln konnte und ist erstaunt und beglückt, wie viel fröhlicher als in den Filmen von Aki Kaurismäki die Menschen sind.

Hinter Sokos-Haus und Hauptpost, der meistfotografierten Ecke Helsinkis, befindet sich der Hauptbahnhof, ein Jugendstilbau von 1914. Seine berühmtesten Besucher in der Literaturgeschichte sind Ziffel und Kalle aus Brechts Flüchtlingsgesprächen, die sich regelmäßig im Bahnhofsrestaurant trafen, um über Gott, die Welt und die politische Lage zu sprechen und dabei eine nach der anderen zu rauchen. Rauchen darf man im Bahnhof von Helsinki nirgendwo mehr, aber das Restaurant ist heute noch voller Migranten, die hier die Zeit totschlagen und für die dasselbe gilt wie für Ziffel und Kalle bei Brecht: „Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen.“ Sie könnten die Flüchtlingsgespräche auf demselben ästhetisch-politischen Niveau weiterführen, auch wenn sie nicht Ziffel und Kalle, sondern Cem und Mohammed oder Natalja und Serhiy heißen und keinen Pass für das schöne neue Europa haben. Das nahm seinen Anfang in der Finlandia Hall auf der Mannerheimintie, die überhaupt viele der Sehenswürdigkeiten der Stadt nacheinander aufreiht, das Schwedische Theater, das Museum für moderne Kunst Kiasma, das Parlament, das Nationalmuseum, bis hin zur Nationaloper und dem Olympiastadion, und alle lassen sich mit der Linie 4 erreichen.

Wenn der Hafen der Geburtsort des alten Europa war, so ist die Finlandia Hall von Alvar Aalto der Geburtsort des neuen, noch unperfekten und von Ausplünderung und Neonationalismus bedrohten Europa. Wenn es die KSZE-Konferenz und die Schlussakte von Helsinki 1975 nicht gegeben hätte, würde ich vielleicht weder in Athen noch in Helsinki mit der Straßenbahn Nr. 4 fahren können.

Die Bucht hinter der Finlandia Hall hat dem Viertel, durch das die 4 fährt, seinen Namen gegeben: Töölö. Das gleichnamige Dorf mit Holzhäusern, die an Russland erinnerten, wurde um 1910 Teil der City. Zwischen den 1850er- und 1950er-Jahren verdoppelte sich die Bevölkerung alle zwanzig Jahre. Die neuen Bewohner brauchten Behausungen. Stein oder Sumpf, es gibt keinen angenehmen Baugrund in Helsinki. Ab und an kommen auf dem Weg der 4 die Felsen zum Vorschein. In Vorbereitung der dann wegen des Krieges ausgefallenen Olympischen Spiele wurde Töölö mit modernen Mehrfamilienhäusern bebaut und zu einem begehrten Viertel, in dem sogar neue amerikanische Straßenbahnen verkehrt haben sollen, die ein neues Depot bekamen, das heute noch existiert – als Straßenbahndepot und Kulturzentrum.

Entlang der Wohnstraßen verkehrt die 4 an kleinen Läden und Supermärkten, an Apotheken und einem Krankenhaus mit Poliklinik vorbei, in der man sich auch nachts noch untersuchen lassen kann, vorbei an Gewässern, einem Jachthafen und einem McDonald’s, bis sie die Ausfallstraße nach Turku kreuzt und nach links abbiegt, wo sie ihre Endstelle, die Halbinsel Munkkiniemi erreicht. Bis dahin hat sie die meisten ihrer Fahrgäste verloren.

Munkkiniemi, hieß es in einem alten Film, sei Fragment der Einbildung, immer romantisch, die Frauen liefen in langen Kleidern über Wiesen, während verträumte Jünglinge am Wasser saßen. Heute, sagte mir ein Mann im Goethe-Institut, sei es dort so reich und bürgerlich wie in Berlin-Charlottenburg. Er kannte die proletarischen Ecken von Charlottenburg nicht. Richtiger wäre wohl Zehlendorf. Feine Gegend mit Wäldern, Seen und teuren Häusern auf Hügeln.

„Was du für Seen hältst“, hatte mein Übersetzer Jukka-Pekka Pajunen bei meinem ersten Aufenthalt in Helsinki gesagt, „sind alles Meeresbuchten.“ An der Endstelle der 4 ist eine davon. Am Ufer ist ein kleiner dunkler Holzbau, das Café Torpanranta, was schlecht übersetzt so viel wie Strandhütte heißt. Es gibt freies WLAN und viel zu teuren Kaffee und freie Sicht auf die Bucht. In der Ecke sitzen Studentinnen mit ihrem Dozenten. Sie sprechen ein Englisch, auf das man sich in Europa geeinigt hat. Zwei kommen aus Asien.

Das Polaroidbild, das ich am Ende machen werde, zeigt eine verwaschene Meeresbucht unter einem grauen Himmel. Das Füttern der Vögel ist verboten. Sie sind aber schon alle in den Süden geflogen.

Zum Weiterreisen und -lesen: Annett Gröschner, „Mit der Linie 4 um die Welt“ (DVA, 22,99 Euro).

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema