Die Macht des Nobelpreises

Bernhard Bartsch
4 Min

Der Friedensnobelpreis ist zurück: Mit der Auszeichnung des chinesischen Demokratieaktivisten Liu Xiaobo haben die norwegischen Juroren die mutigste und beste Entscheidungen seit Langem gefällt. Nachdem sich das Komitee 2009 nach der Ehrung von US-Präsident Barack Obama die Frage gefallen lassen musste, welchen Sinn der Preis eigentlich noch habe, hat es sich diesmal auf die Macht besonnen, die in seinen besten Momenten von ihm ausgegangen ist. Der Nobelpreis kann nicht nur mehr oder weniger erfolgreiche Bemühungen belohnen, sondern selbst zum Katalysator für den Kampf um Menschenrechte, Freiheit und Frieden werden.Der Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo ist eine Auszeichnung für alle Chinesen, die öffentlich daran zu zweifeln wagen, dass Chinas Kommunistische Partei immer recht hat. Hunderte sitzen in der Volksrepublik im Gefängnis, weil sie einforderten, was die Verfassung auch in China garantiert: Redefreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit. Viele von ihnen haben nicht nur für ihre eigenen Rechte gekämpft, sondern auch für die ihrer Mitmenschen.Zivilgesellschaftlich engagierte Aktivisten wie Liu Xiaobo sind chinesische Patrioten im besten Sinne, die Verantwortung für ihr Land zu übernehmen bereit sind - selbst wenn sie für ihr Engagement einen hohen Preis zahlen müssen. Chinas Regierung behandelt sie als Verbrecher und Volksfeinde, doch der Friedensnobelpreis verleiht ihnen die Legitimation, die ihnen in ihrer Heimat vorenthalten wird.Für die Kommunistische Partei ist die Auszeichnung ein Schlag ins Gesicht. Seit Jahren kämpft sie um internationale Akzeptanz - angeblich im Namen ihres Volkes, aber eigentlich vor allem, um ihre Herrschaft zu zementieren. Mit einer Mischung aus politischer Unerbittlichkeit und wirtschaftlicher Stärke war es ihr gelungen, den Blick auf Chinas Erfolge zu lenken. Doch das Bild der harmonischen Gesellschaft, in der die Interessen aller sozialen Gruppen von der Kommunistischen Partei vertreten seien, ist Propaganda - selbst wenn sogar im Westen der eine oder andere dies gern glauben möchte. Die Studentendemonstrationen von 1989 zeigten der Welt den Demokratiewunsch vieler junger Chinesen. Der Friedensnobelpreis offenbart, dass Chinas Regierung das Freiheitsbedürfnis ihres Volkes noch immer ignoriert.Womöglich wird die Auszeichnung die weltweite Debatte um die Menschenrechte in China neu entfachen. Das wäre eine gute Folge - vorausgesetzt, der Westen führt sie nicht selbstgerecht und eindimensional. Häufig wird im Ausland vergessen: Das chinesische Volk und das China der KP sind zweierlei. Man darf die Chinesen nicht mit den Verbrechen verwechseln oder für die Untaten verantwortlich machen, die das Regime in ihrem Namen begeht. Die Chinesen haben, anders als ihre Regierung, allen Respekt verdient.Vermutlich wird Peking jetzt seine Propagandageschütze auffahren. Wann immer die Partei sich unter Druck sieht, wirft sie dem Ausland vor, China westliche Werte aufzwingen zu wollen, die angeblich nicht zu China passten, und die das Volk nicht wünsche. Doch nie war dieses Argument so schwach wie diesmal: Nicht der Westen verlangt nach demokratischen Reformen, sondern Chinesen wie Liu Xiaobo und die Freunde, mit denen er die "Charta 08" verfasste. Es sind die Tausenden, die das Demokratiemanifest inzwischen unterzeichnet haben. Es sind die Zehntausenden, die es befürworten, aber aus Angst vor Repressionen nicht wagen, dies öffentlich zu erklären. Und es sind die Millionen, die sich Lius Ideen anschließen würden, wenn sie die Chance bekämen, von ihnen zu erfahren. Die Wahrscheinlichkeit, dass Lius Charta sie erreichen wird, ist nun größer als je zuvor. Darin besteht die Macht dieses Nobelpreises.Allerdings schwingt in Liu Xiaobos Vorbild auch eine für die Chinesen schwierige Erkenntnis mit: Der Weg zu einem neuen politischen System ist lang und hart - und keiner kann es den Chinesen abnehmen, ihn selbst zu finden.Die Eliten werden ihre Macht nicht einfach abgeben. Schließlich haben die Kommunisten ihrem Land seinerzeit vor allem deshalb wirtschaftliche Reformen verordnet, um sich vor einem politischen Umbau drücken zu können. Doch je größer die Kluft zwischen staatlicher Propaganda und alltäglicher Realität wird, umso größer wird der Druck zu Veränderungen. Dass ein Mann, der seine Gedanken zur Zukunft seines Landes aufschrieb und mit seinen Mitmenschen teilte, für elf Jahre ins Gefängnis muss, zeigt, wie sehr die Partei um ihre Stellung fürchtet. Durch den Friedensnobelpreis werden es mehr Menschen erfahren als je zuvor.------------------------------Für die Kommunistische Partei Chinas ist diese Auszeichnung ein Schlag ins Gesicht. Sie offenbart, dass die chinesische Führung das Freiheitsbedürfnis ihres Volkes noch immer ignoriert.

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