Berlin Es ist eine Katastrophe, die uns nicht die Sprache verschlagen hat. Die Rettung der Bergleute ist das Medienereignis des Jahres. 1600 bis 1700 Reporter sind vor Ort. Und sie haben viel zu berichten. Hier gibt es Unwahrscheinlichkeiten am Fließband, denn jede Rettung ist ein neues Wunder. Angeblich verfolgten bisher eine Milliarde Menschen weltweit im Fernsehen und im Internet die Aktion. Es ist ein kollektives Ereignis mit offenem Ende. Ein eineinhalb Tage langer Live-Krimi, bei dem die Geduldsprobe erst vorbei ist, wenn auch der Letzte wieder oben ankommt.Die ARD und das ZDF zeigen Live-Specials und planen Sonderausgaben, der ZDFinfokanal auch ein mehrstündiges Spezial. Phoenix sendet gelegentliche Live-Schalten. Runduminformation aber gibt es nur bei den Privaten: "Das Wunder von Chile" heißt es auf n-tv, "Dramatische Rettung in Chile" auf N24. Die beiden Nachrichtensender machen das, was man von ihnen in einer Ausnahmesituation erwartet: Sie berichten nonstop. Das ist eine große Herausforderung, und doch: Diese Katastrophe ist anders.Hier ist noch viel, im besten Fall alles zu retten. Hier wurden Menschen zwar vom kurzfristigen Unglück überwältigt, aber verfielen nicht in eine anhaltende Schockstarre, sondern in Betriebsamkeit. Hier ist der Ton nicht betroffen oder reißerisch, sondern eher erzählerisch. Hier gibt es kein visuelles Grauen, sondern tröstende Momente. Nichts, was unsere Gemüter terrorisiert. Keine extremen Bilder wie beim Tsunami 2004 oder beim 11. September 2001. Ein Grubenunglück ist weniger beunruhigend als eine gewaltige Naturkatastrophe oder ein Terroranschlag - vor allem, wenn die Medien mit ihm so souverän umgehen können. Nur selten bieten sensationelle Ereignisse den Reportern die Möglichkeit, sich angemessen vorzubereiten. Beim überraschenden Tsunami 2004 gab es deshalb anfangs nur privates Filmmaterial. Hier dagegen konnte die Berichterstattung ebenso professionell geplant werden wie die Rettung. Alle waren vorbereitet.So gibt es im Internet viele Live-Streams. Dennoch ist erstaunlich, wie sehr tagsüber die Netzberichte dem Fernsehen hinterherhinken. Oft gibt es nur eilig zusammengestellte Agenturmeldungen, die noch nicht einmal rechtzeitig aktualisiert werden. Auf tages-aktuell.de etwa sind um 13.53 Uhr nicht zehn, sondern erst sieben Kumpel gerettet. Immerhin: Die BBC veröffentlicht 33 Fotos und Kurzbiografien der Bergleute zuerst online.Und das ist das Besondere an dieser Tragödie: Die Opfer sind nicht namenlos. Längst gab es Videos aus der Tiefe und zu jedem Kumpel eine Geschichte. Das sicherte den Chilenen, anders als den Bergarbeitern in China, von Anfang an mediale Aufmerksamkeit. Einiges war über den Familienstand, die unerfüllten Wünsche, die nächsten Vorhaben und den Blutdruck der Bergleute zu erfahren. Und auch die Angehörigen sind bekannt, so dass die TV-Kameras rechtzeitig auf ihre Gesichter halten können. Das hilft beim Inszenieren. Natürlich lassen sich Wiederholungen nicht vermeiden, aber es sind eben oft auch bewegende Bilder. Dabei ersparten uns bislang die Sender das künstliche Abrufen von Gefühlen, also den Soundtrack zum Drama - wie wir ihn beim WTC mit "Only Time" (Enya) oder bei Diana mit "Candle In The Wind" (Elton John) erlebten.Siegfried Ebeling, ein Überlebender vom Grubenunglück in Lengede 1963, wünscht sich auf N24 "weniger Medienrummel und mehr Ruhe". Sollte es heute ein komplettes Happy End geben, sind aber andere Medien schon am Kämpfen: um die Film- und Buchrechte.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de