Die Nato hat eingeräumt, daß zwei ihrer Flugzeuge im Kosovo versehentlich Flüchtlinge angegriffen haben. In Brüssel fürchtet man nun, daß die öffentliche Meinung sich verstärkt gegen die Angriffe auf Jugoslawien richten könnte.: "Der Pilot warf seine Bombe in gutem Glauben ab"
BRÜSSEL, 15. APRIL. Es dauerte 22 Stunden, bis die Nato den schrecklichen Fehler eingestand: Am Donnerstag nachmittag erklärte das Bündnis, daß Nato-Piloten am Vortag aus Versehen ein Zivil-Fahrzeug im Kosovo beschossen hatten. Nach jugoslawischen Angaben kosteten die Angriffe auf Flüchtlingstrecks der Kosovo-Albaner mindestens 64, vielleicht sogar 85 Todesopfer. Diese Zahlen wollte die Nato jedoch nicht bestätigen.Auf einen Trick gehofftÜber Stunden hatten Nato-Fachleute die Videoaufnahmen vom Luftangriff untersucht. Bis zuletzt hoffte man in Brüssel, das Ereignis als bösen Trick der Serben entlarven zu können. Vergeblich: "Der (erste) Pilot hat einen Konvoi angegriffen, von dem er überzeugt war, daß es sich um Militärfahrzeuge handelte", sagte Nato-Sprecher Jamie Shea. "In gutem Glauben warf er seine Bombe auf das vorderste Fahrzeug ab, von dem wir inzwischen meinen, daß es ein Zivil-Fahrzeug war."Um der Öffentlichkeit zu erklären, wie es zu dem Fehler kam, griff die Nato zu einem ungewöhnlichen Mittel: In der Pressekonferenz wurde eine Ton-Aufnahme des F-16-Piloten abgespielt, der aus knapp 5 000 Meter Höhe die Bombe abgefeuert hatte. Der Mann, der Sprache nach ein Amerikaner, schilderte, wie er im West-Kosovo brennende Dörfer sah. "Vor einem Haus hielten drei gleichförmige, dunkelgrüne Fahrzeuge", sagte der Pilot. "Ich bin mehrmals über die Fahrzeuge geflogen, um sicher zu sein, daß es sich um Militärfahrzeuge handelte." Dann habe er das vorderste Fahrzeug zerstört und ein weiteres Kampfflugzeug herbeigerufen, das die Bombardierung fortsetzte.Mit diesem F-16-Flug wurde für die Nato ein Alptraum wahr. Schon bisher mußte sich das Bündnis den Vorwurf gefallen lassen, daß seine Luftangriffe auf Jugoslawien die Kosovo-Albaner nicht vor der Vertreibung bewahren könnten. Doch jetzt ist die Nato unmittelbar daran schuld, daß Kosovo-Albaner starben. Wie sich der Piloten-Irrtum auf die öffentliche Meinung in den Nato-Ländern auswirken wird, ist noch unklar. Sicher ist, daß sich die Kritiker bestärkt fühlen werden.Der Angriff auf den Konvoi im Kosovo ist schon der zweite große Fehler, der den Nato-Militärs unterlief. Am Montag hatte ein Pilot versehentlich einen Passagierzug getroffen, als er im Südosten Serbiens eine Brücke bombardieren wollte. Nato-Oberbefehlshaber Wesley Clark sprach von einem "unheimlichen Zufall". Mindestens sieben Menschen starben."Wir haben immer gewußt und auch darauf hingewiesen, daß es unmöglich ist, einen militärischen Feldzug ohne Risiken für unschuldige Menschenleben zu führen", sagte der britische Luftmarschall Sir John Day am Donnerstag. Er argumentierte so wie sein Außenminister Robin Cook und auch Bundeskanzler Gerhard Schröder: Die Nato bedauere das Sterben der Flüchtlinge zutiefst, doch die eigentliche Schuld für den Vorfall liege nicht bei ihr, sondern bei Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic, der den Krieg und die Flüchtlingskatastrophe erst verursacht habe. "Wie kommen Milosevic und seine Helfer dazu, jetzt Krokodilstränen zu vergießen, wo sie doch selbst den Konflikt verursacht haben?" fragte Cook in London.Klar ist, daß die jugoslawische Regierung die kosovo-albanischen Flüchtlinge schon seit dem Beginn des Krieges für ihre Propaganda-Zwecke ausnutzt: Die Belgrader Führung erzählt dem eigenen Fernsehpublikum, daß es sich um Menschen handele, die vor den Nato-Angriffen aus dem Kosovo flüchteten. Immer wieder führt das jugoslawische Fernsehen dafür Zeugen an doch keiner der Flüchtlinge, die es bis nach Albanien oder Mazedonien geschafft haben, bestätigt die serbische Version. Sie berichten, daß sie nicht vor Nato-Angriffen geflohen, sondern von serbischen Einheiten vertrieben worden seien.Die Angaben, die von der Nato und ihren Mitgliedsstaaten über die Lage der Flüchtlinge gemacht werden, sind allerdings auch oft widersprüchlich. Einige Berichte, die Nato-Sprecher veröffentlicht haben, stellten sich im nachhinein als falsch heraus. Das galt zum Beispiel für die Angaben, daß die serbischen Einheiten mehrere kosovo-albanische Intellektuelle ermordet hätten. Auch die Berichte aus den ersten Tagen des Krieges, wonach jugoslawische Bataillone eine große Zahl kosovo-albanischer Flüchtlinge in dem Tal Pagarusha im Westen des Kosovo eingekesselt hätten und mit Granaten beschössen, stimmten nicht. Ein Nato-Mitarbeiter gibt sogar zu: "Wir wissen nichts, was wir mit Bildern oder genauen Nachweisen belegen könnten."Auch über die Zahl der Flüchtlinge, die sich in den Wäldern und Bergen des Kosovo verstecken, herrscht große Unklarheit. US-Außenmininisterin Madeleine Albright sprach vor ein paar Tagen von 750 000 Flüchtlingen, die innerhalb des Kosovo ohne Dach über dem Kopf seien. Das UN-Hilfswerk sprach zuletzt von 260 000 Menschen. "Keiner weiß das so genau, es sind wohl mindestens 100 000, vielleicht aber auch 200 000 oder gar 300 000", sagt der Nato-Mitarbeiter.Luftbrücke zu gefährlichViele der Flüchtlinge verbergen sich jetzt schon seit Wochen im Wald, wo sie unter Hunger und Krankheiten leiden. Hoffnungen, das Bündnis könne etwas für die Versorgung der Flüchtlinge tun, zerschlug Oberbefehlshaber Wesley Clark: Eine Luftbrücke in den Kosovo, um Nahrungsmittel und Medikamente aus der Luft abzuwerfen, sei zu riskant, weil große und langsame Transport-Maschinen eingesetzt werden müßten. Für Milosevics Luftabwehr würden die Cargo-Flugzeuge leicht zu treffende Ziele darstellen. Ohnehin sei es nicht mit einem oder zwei Flügen getan: Nach Schätzung der Nato müßte es täglich 60 bis 100 Flüge geben, um die Flüchtlinge mit dem Notwendigsten zu versorgen.Den Kosovo-Albanern bleibt nur die Hoffnung, daß sich Belgrad irgendwann den Nato-Angriffen beugt. Das Bündnis jedenfalls will weiter bombardieren, trotz des schrecklichen Fehlers vom Mittwoch. "Dieser tragische Unfall wird unsere Überzeugung, für eine gerechte Sache zu kämpfen, nicht untergraben", erklärte Sprecher ...
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BRÜSSEL, 15. APRIL. Es dauerte 22 Stunden, bis die Nato den schrecklichen Fehler eingestand: Am Donnerstag nachmittag erklärte das Bündnis, daß Nato-Piloten am Vortag aus Versehen ein Zivil-Fahrzeug im Kosovo beschossen hatten. Nach jugoslawischen Angaben kosteten die Angriffe auf Flüchtlingstrecks der Kosovo-Albaner mindestens 64, vielleicht sogar 85 Todesopfer. Diese Zahlen wollte die Nato jedoch nicht bestätigen.Auf einen Trick gehofftÜber Stunden hatten Nato-Fachleute die Videoaufnahmen vom Luftangriff untersucht. Bis zuletzt hoffte man in Brüssel, das Ereignis als bösen Trick der Serben entlarven zu können. Vergeblich: "Der (erste) Pilot hat einen Konvoi angegriffen, von dem er überzeugt war, daß es sich um Militärfahrzeuge handelte", sagte Nato-Sprecher Jamie Shea. "In gutem Glauben warf er seine Bombe auf das vorderste Fahrzeug ab, von dem wir inzwischen meinen, daß es ein Zivil-Fahrzeug war."Um der Öffentlichkeit zu erklären, wie es zu dem Fehler kam, griff die Nato zu einem ungewöhnlichen Mittel: In der Pressekonferenz wurde eine Ton-Aufnahme des F-16-Piloten abgespielt, der aus knapp 5 000 Meter Höhe die Bombe abgefeuert hatte. Der Mann, der Sprache nach ein Amerikaner, schilderte, wie er im West-Kosovo brennende Dörfer sah. "Vor einem Haus hielten drei gleichförmige, dunkelgrüne Fahrzeuge", sagte der Pilot. "Ich bin mehrmals über die Fahrzeuge geflogen, um sicher zu sein, daß es sich um Militärfahrzeuge handelte." Dann habe er das vorderste Fahrzeug zerstört und ein weiteres Kampfflugzeug herbeigerufen, das die Bombardierung fortsetzte.Mit diesem F-16-Flug wurde für die Nato ein Alptraum wahr. Schon bisher mußte sich das Bündnis den Vorwurf gefallen lassen, daß seine Luftangriffe auf Jugoslawien die Kosovo-Albaner nicht vor der Vertreibung bewahren könnten. Doch jetzt ist die Nato unmittelbar daran schuld, daß Kosovo-Albaner starben. Wie sich der Piloten-Irrtum auf die öffentliche Meinung in den Nato-Ländern auswirken wird, ist noch unklar. Sicher ist, daß sich die Kritiker bestärkt fühlen werden.Der Angriff auf den Konvoi im Kosovo ist schon der zweite große Fehler, der den Nato-Militärs unterlief. Am Montag hatte ein Pilot versehentlich einen Passagierzug getroffen, als er im Südosten Serbiens eine Brücke bombardieren wollte. Nato-Oberbefehlshaber Wesley Clark sprach von einem "unheimlichen Zufall". Mindestens sieben Menschen starben."Wir haben immer gewußt und auch darauf hingewiesen, daß es unmöglich ist, einen militärischen Feldzug ohne Risiken für unschuldige Menschenleben zu führen", sagte der britische Luftmarschall Sir John Day am Donnerstag. Er argumentierte so wie sein Außenminister Robin Cook und auch Bundeskanzler Gerhard Schröder: Die Nato bedauere das Sterben der Flüchtlinge zutiefst, doch die eigentliche Schuld für den Vorfall liege nicht bei ihr, sondern bei Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic, der den Krieg und die Flüchtlingskatastrophe erst verursacht habe. "Wie kommen Milosevic und seine Helfer dazu, jetzt Krokodilstränen zu vergießen, wo sie doch selbst den Konflikt verursacht haben?" fragte Cook in London.Klar ist, daß die jugoslawische Regierung die kosovo-albanischen Flüchtlinge schon seit dem Beginn des Krieges für ihre Propaganda-Zwecke ausnutzt: Die Belgrader Führung erzählt dem eigenen Fernsehpublikum, daß es sich um Menschen handele, die vor den Nato-Angriffen aus dem Kosovo flüchteten. Immer wieder führt das jugoslawische Fernsehen dafür Zeugen an doch keiner der Flüchtlinge, die es bis nach Albanien oder Mazedonien geschafft haben, bestätigt die serbische Version. Sie berichten, daß sie nicht vor Nato-Angriffen geflohen, sondern von serbischen Einheiten vertrieben worden seien.Die Angaben, die von der Nato und ihren Mitgliedsstaaten über die Lage der Flüchtlinge gemacht werden, sind allerdings auch oft widersprüchlich. Einige Berichte, die Nato-Sprecher veröffentlicht haben, stellten sich im nachhinein als falsch heraus. Das galt zum Beispiel für die Angaben, daß die serbischen Einheiten mehrere kosovo-albanische Intellektuelle ermordet hätten. Auch die Berichte aus den ersten Tagen des Krieges, wonach jugoslawische Bataillone eine große Zahl kosovo-albanischer Flüchtlinge in dem Tal Pagarusha im Westen des Kosovo eingekesselt hätten und mit Granaten beschössen, stimmten nicht. Ein Nato-Mitarbeiter gibt sogar zu: "Wir wissen nichts, was wir mit Bildern oder genauen Nachweisen belegen könnten."Auch über die Zahl der Flüchtlinge, die sich in den Wäldern und Bergen des Kosovo verstecken, herrscht große Unklarheit. US-Außenmininisterin Madeleine Albright sprach vor ein paar Tagen von 750 000 Flüchtlingen, die innerhalb des Kosovo ohne Dach über dem Kopf seien. Das UN-Hilfswerk sprach zuletzt von 260 000 Menschen. "Keiner weiß das so genau, es sind wohl mindestens 100 000, vielleicht aber auch 200 000 oder gar 300 000", sagt der Nato-Mitarbeiter.Luftbrücke zu gefährlichViele der Flüchtlinge verbergen sich jetzt schon seit Wochen im Wald, wo sie unter Hunger und Krankheiten leiden. Hoffnungen, das Bündnis könne etwas für die Versorgung der Flüchtlinge tun, zerschlug Oberbefehlshaber Wesley Clark: Eine Luftbrücke in den Kosovo, um Nahrungsmittel und Medikamente aus der Luft abzuwerfen, sei zu riskant, weil große und langsame Transport-Maschinen eingesetzt werden müßten. Für Milosevics Luftabwehr würden die Cargo-Flugzeuge leicht zu treffende Ziele darstellen. Ohnehin sei es nicht mit einem oder zwei Flügen getan: Nach Schätzung der Nato müßte es täglich 60 bis 100 Flüge geben, um die Flüchtlinge mit dem Notwendigsten zu versorgen.Den Kosovo-Albanern bleibt nur die Hoffnung, daß sich Belgrad irgendwann den Nato-Angriffen beugt. Das Bündnis jedenfalls will weiter bombardieren, trotz des schrecklichen Fehlers vom Mittwoch. "Dieser tragische Unfall wird unsere Überzeugung, für eine gerechte Sache zu kämpfen, nicht untergraben", erklärte Sprecher Shea.