Die Pat Metheny Group wurde im Tempodrom angehimmelt

Süße Gitarren, süße Stimmungen, süße Melodien

Markus Schneider
3 Min

Viele glauben ja nicht, dass es sich bei Jazz-Fusion um Musik handelt, die besonders unter der Trennung von E- und U-Musik leidet. Und sich von diesem Minderwertigkeitskomplex durch "Synthesizer" und willkürliche Manöver zur Komlizierung an sich ganz unkomplexer Kompositionen zu befreien sucht. Die Freunde der Pat Metheny Group, die das Tempodrom am Donnerstagabend begeistert gut zur Hälfte füllten, gehören dazu. Ihnen schnappen nicht die Ohren zu, wenn sie die weichen, süßen Gitarrentöne hören, die Metheny emblematisch herstellt. Sein aktuelles Album, die 68 Minute lange Komposition "The Way Up", die in weiten, süßen Stimmungen ihr süßes Thema immer wieder findet, gilt daher weltweit als großartiger, ambitionierter Wurf. Der Wurf stand am Anfang des knapp dreistündigen Konzerts, und recht luzid bemerkte der Gitarrist aus den Südstaaten, dass es gar nicht leicht sei, nun weiterzumachen, weil in "The Way Up" soviel schon enthalten sei.Pat Metheny, Jahrgang 54, war ein Gitarren-Wunderkind, das schon in jüngsten Jahren Konservatoriumslehrer wurde, in den Siebzigern mit den meisten fragilen Atmosphärikern der ECM-Ära spielte und neben Leuten wie Sonny Rollins, Herbie Hancock und Carlos Santana stand. Akribisch lotet er seit 1976 mit der Pat Metheny Group - im Tempodrom als Septett zugegen - die Klangmöglichkeiten des Gitarren-"Synthesizers" aus. Dazwischen unternahm er jedoch immer wieder Ausflüge in weniger erforschte Gebiete, etwa mit experimentellen Musikern wie dem Gitarristen Derek Bailey oder dem Saxophonisten Ornette Coleman.Die Musik seiner Band ist ein Fest für Freunde vorhersehbar überraschender Rhythmuswechsel und cleverer Akzentuierungen. Auf Strecken, die wie 13/8-Zwischenspiele von Siebziger-Soulsongs klingen, folgen - wumms, rumms, zack - ein Break und gleich noch zwei hinterher, und mit jedem Schlagzeugakzent wird das harmonische Muster aus dem geschmackvoll-gehobenen Popuniversum um ein korrekt gewähltes Intervall verschoben. Glaubt man an Virtuosität - Musiker können komplexe Strukturen, Rhythmenwechsel und Tonleitern nicht nur aufschreiben, sondern auch nachspielen - als gültigen Kunstausweis, wird man an den Könnern auf der Bühne viel Freude haben. Man wird nicht skeptisch vermuten, dass jeder seines Instruments - Piano, Gitarre oder Trompete - klanglich soweit überdrüssig scheint, dass er es dauernd wie einen "Synthesizer" klingen lassen muss. Metheny legt minimale, liebliche Melodielinien aus und nimmt sie nach einem strengen Muster auseinander. Zu den schlichten Einzeltönen führen nur Myriaden von aufgetürmten Noten. Selbst die Mundharmonika kommt zum Recht, ihr bisher unterschätztes Anmuts-Potenzial zu beweisen. Niemand stört sich am immensen Zuckergehalt, weil alle wissen, dass es Hirnkaries nicht gibt. Niemand auch fürchtet den Fall ins Loch der Zeit und Helmut Schmidt sei plötzlich wieder Kanzler. Improvisationen klingen sauber komponiert und sind es oft auch.Da stören auch nicht Momente, in denen die Band Bop-Ausflüge unternimmt, Metheny kurz und mit flüssiger Brillanz Altmeistern die Reverenz erweist. Oder immer mal wieder nachschaut, ob es nicht Leben jenseits der melodiösen Süße gibt. Denn gleich wird die Gitarre wieder in den höchsten Tönen singen. Und der Pianist und Dauerpartner Lyle Mays lässt dazu impressionistische Arpeggios perlen und entwirft (via "Synthesizer") Äquivalente für grandiose Landschaftstapeten. Man kann diese von Streben und Begehren befreite Musik offenbar genießen. Wen jedoch all dies beunruhigt - tja, der denkt an Depression und baldige Ruh.------------------------------Foto: Zu den schlichten Einzeltönen führen Myriaden aufgetürmter Noten. Niemand stört sich am immensen Zuckergehalt, weil alle wissen, dass es Hirnkaries nicht gibt.

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