Die Schauspielerin Anne Tismer und ihre Freunde gründen ein Kunsthaus in Prenzlauer Berg: Gar nicht erst hinsetzen!

Die Schauspielerin Anne Tismer und die Galeristin Bianca Schönig sitzen sich an einem kleinen Tisch in einem turnhallengroßen Saal gegenüber und sehen einander ins Gesicht. Der weite Raum mit Fischgrätenparkett, Spiegelwänden und Schummerlampen bietet viel Platz für ein Chaos von Requisiten, Kostümen, Scheinwerfern, Gerüststangen, Leitern. Ein zwei Meter langer, abgebrochener goldener Daumen liegt herum. Von weitem sieht es aus, als zeigten die beiden Künstlerinnen eine auf ihre Hände beschränkte Choreografie. Doch sie spielen momentan gar nichts vor. Sie zeichnen sich nur; und zwar blind, das heißt ohne den Blick voneinander zu lösen, ohne auf das Papier zu sehen. Die Bilder, die sie da zeichnen, sind - mit Verlaub - lange nicht so interessant wie das, das sie abgeben: Eine lebende Skulptur, vom Zufall für den Moment geschaffen, um die Philosophie vom "Ballhaus Ost" zu veranschaulichen. Von Berlins neuester Spielstätte für freie Künstler. Dem jüngsten, Nüchternen schwer zu erklärenden Versuch, Kunst vorerst ohne Förderung zu betreiben, stattdessen mit viel Enthusiasmus und mit viel Hoffnung auf Mäzene und Sponsoren.Kreative ÜppigkeitMit Worten lässt sich die Ballhaus-Philosophie kaum anschaulich machen. Man müsste abkühlende Vokabeln wie "genreübergreifend" oder "Vernetzung" verwenden, um zu fassen, was hier an Tatendrang explodiert. Wenn man das von seinen Bewohnern - richtiger wäre Belebern - durchwuselte Ballhaus Ost vor Augen hat, ist es vor allem und ganz einfach: lebendig. Und wenn man sich von den Gründern - neben Tismer sind das die Regisseure Philipp Reuter und Uwe Moritz Eichler - die Idee ihres Kunsthauses erklären lässt, verliert man schnell die Übersicht. Sie reden immer schneller, ufern immer weiter aus und verblüffen sich immer wieder auch selbst mit den Ausmaßen ihres Projektes.Doch wie alles, das lebt, hat das Ballhaus Ost klein angefangen. Und zwar damit, dass Philipp Reuter vor knapp einem Jahr von Bochum nach Berlin kam, mit dem dringenden, an sich selbst gerichteten Appell: "Gar nicht erst hinsetzen!" Er traf seinen alten Freund Uwe Moritz Eichler wieder, der ihm ein selbst verfasstes Stückfragment zu lesen gab und um ein Feedback bat. Das beste Feedback, das man als Regisseur einem Bühnentext angedeihen lassen kann, ist: es zu inszenieren. Praktisch, dass mit Anne Tismer eine berühmte Schauspielerin - sie tourt als Schaubühnen-"Nora" um die Welt - zum Freundeskreis gehört. Weitere Schauspieler fanden sich an den Tresen Prenzlauer Bergs, und im Tanzkeller einer Bar begannen die Proben - und zwar jeden Tag mit Putzen. Unter solchen Bedingungen reift schnell der Traum vom eigenen Haus. Vielleicht kommen Zugezogene schneller auf das Naheliegende. Anders ist es nicht zu erklären, dass in der Feierhalle der freireligiösen Gemeinde nicht schon längst Theater gespielt wird. Was für ein verwunschener Ort mitten im Getriebe: ein Backsteintempelchen mit kleinem Friedhofsgarten zwischen Pappelallee und Lychener Straße - der einzigen hundescheißefreien Grünfläche kiezweit. Es ist alles noch im Bau, und es muss auch nicht alles fertig sein, wenn nächsten Donnerstag mit der Premiere von Fassbinders "Die Ehe der Maria Braun" (Regie: Reuter und Eichler, Titelrolle: Tismer) das Ballhaus eröffnet wird.Man betritt das Hinterhofrefugium, das zu DDR-Zeiten als "Casino des Handwerks", nach der Wende als Billardsalon und als Club verwendet wurde, durch eine unscheinbare Ladentür in der Pappelallee 15 und findet erst einmal die kleine Galerie von Bianca Schönig vor. Von dort gelangt man - "Vorsicht Stufe!" - durch eine zweite Tür in einen Flur mit Trafo-Anlagen, passiert eine stillgelegte Großküche und mehrere noch unerschlossene Räume für Garderoben und Werkstätten. Schließlich: Der Ballsaal, der sich mit seiner anheimelnden Atmosphäre bei Testfeiern im privaten Kreis als überaus tauglich erwiesen hat.Die drei zahlen die Miete aus eigener Tasche, lassen Strom verlegen, ziehen nach Plänen eines befreundeten Theatermeisters Stahlplatten ins Dachgebälk, an denen sich fünf Tonnen Bühnenlicht aufhängen lassen - oder auch ein Elefant, wie Reuter versichert. Die Lampen sind inzwischen auch da, allein die Haken fehlen noch. Es gilt, Equipment-Spenden zusammenzutelefonieren und unterbeschäftigte Fachkräfte aus dem Kulturbereich zu rekrutieren. Die finden sich.Dass aus einem Kneipengespräch die Initialzündung für ein verwirrend umfassendes, verwirrend wohlgelauntes Projekt werden konnte, daran hat der öffentlichkeitswirksame Name von Anne Tismer einen gewichtigen Anteil. Auch wenn ihr das unangenehm ist. Es ist nicht ihr erster Fluchtversuch aus den Theaterinstitutionen. Aus ihrem ersten Engagement in Bonn ist sie wegen "unflätigen Benehmens" gefeuert worden. Geld, das sie mit Drehen verdiente, steckte sie in einen Versuch, zusammen mit ihrem damaligen Mann und Vater ihrer Tochter, dem Schauspieler Robert Hunger-Bühler, eine Theaterproduktion zu gründen. Als das nicht klappte, tingelte sie durch die Bühnenlandschaft. Sie wollte sich nicht mehr an ein Theater binden, bis sie 2001 von Thomas Ostermeier engagiert wurde. Möglicherweise hat sie es sich anders vorgestellt an der Schaubühne, wo so viel von Demokratie und Einheitsgagen die Rede war. Sie redet nicht gern über Kündigung ihres Festvertrages, um dem Theater nicht zu schaden. Ihre Vorstellungen wird sie sicher weiter spielen. Und die Schaubühne kann so einen Rummel wie beim Weggang von Sasha Waltz nicht gebrauchen.Neben dem Star braucht das Ballhaus auch den einen oder anderen Glücksstern, unter dem sich alles fügt und findet. Da können die Ballhäusler sich bis jetzt nicht beklagen: Die Bewirtschaftung (im Sommer wohl auch im Garten) übernimmt der improvisationserprobte Gastronom, der gegenüber den Club der Republik betreibt. Als Glücksfall erweist sich der kooperative Vermieter aus Bayern, der es den neuen Mietern nicht nur nicht übel nimmt, wenn sie mal eine Wand einreißen, ohne vorher zu fragen, sondern so angetan ist, dass er die drei noch freien Etagen (je 200 Quadratmeter Atelierräume in Bestlage) neben der Feierhalle auch noch an Künstler vermieten will - und zwar am besten Leute aus dem Ballhäusler-Freundeskreis. Und der wuchert.So heruntergekommen Berlin sein mag, so unerschöpflich sind seine kulturellen Kapazitäten. Wer weiß, welche Schätze sich in diesem Haufen von Stadt noch so anfinden.Ballhaus Ost Eröffnung:16.2., 20 Uhr mit "Die Ehe der Maria Braun", Pappelallee 15, Tel.: 47 99 74 74.Weitere Informationen unter: www.ballhausost.de------------------------------Man braucht abkühlende Vokabeln, um den explodierenden Tatendrang hier zu fassen.------------------------------Foto: Die Betreiber von "Ballhaus Ost": Anne Tismer, Philipp Reuter, Uwe Moritz Eichler und Bianca Schönig (v. l.). Die Fahne gehört zur Eröffnungsinszenierung: "Die Ehe der Maria ...

BLZ
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Die Schauspielerin Anne Tismer und die Galeristin Bianca Schönig sitzen sich an einem kleinen Tisch in einem turnhallengroßen Saal gegenüber und sehen einander ins Gesicht. Der weite Raum mit Fischgrätenparkett, Spiegelwänden und Schummerlampen bietet viel Platz für ein Chaos von Requisiten, Kostümen, Scheinwerfern, Gerüststangen, Leitern. Ein zwei Meter langer, abgebrochener goldener Daumen liegt herum. Von weitem sieht es aus, als zeigten die beiden Künstlerinnen eine auf ihre Hände beschränkte Choreografie. Doch sie spielen momentan gar nichts vor. Sie zeichnen sich nur; und zwar blind, das heißt ohne den Blick voneinander zu lösen, ohne auf das Papier zu sehen. Die Bilder, die sie da zeichnen, sind - mit Verlaub - lange nicht so interessant wie das, das sie abgeben: Eine lebende Skulptur, vom Zufall für den Moment geschaffen, um die Philosophie vom "Ballhaus Ost" zu veranschaulichen. Von Berlins neuester Spielstätte für freie Künstler. Dem jüngsten, Nüchternen schwer zu erklärenden Versuch, Kunst vorerst ohne Förderung zu betreiben, stattdessen mit viel Enthusiasmus und mit viel Hoffnung auf Mäzene und Sponsoren.Kreative ÜppigkeitMit Worten lässt sich die Ballhaus-Philosophie kaum anschaulich machen. Man müsste abkühlende Vokabeln wie "genreübergreifend" oder "Vernetzung" verwenden, um zu fassen, was hier an Tatendrang explodiert. Wenn man das von seinen Bewohnern - richtiger wäre Belebern - durchwuselte Ballhaus Ost vor Augen hat, ist es vor allem und ganz einfach: lebendig. Und wenn man sich von den Gründern - neben Tismer sind das die Regisseure Philipp Reuter und Uwe Moritz Eichler - die Idee ihres Kunsthauses erklären lässt, verliert man schnell die Übersicht. Sie reden immer schneller, ufern immer weiter aus und verblüffen sich immer wieder auch selbst mit den Ausmaßen ihres Projektes.Doch wie alles, das lebt, hat das Ballhaus Ost klein angefangen. Und zwar damit, dass Philipp Reuter vor knapp einem Jahr von Bochum nach Berlin kam, mit dem dringenden, an sich selbst gerichteten Appell: "Gar nicht erst hinsetzen!" Er traf seinen alten Freund Uwe Moritz Eichler wieder, der ihm ein selbst verfasstes Stückfragment zu lesen gab und um ein Feedback bat. Das beste Feedback, das man als Regisseur einem Bühnentext angedeihen lassen kann, ist: es zu inszenieren. Praktisch, dass mit Anne Tismer eine berühmte Schauspielerin - sie tourt als Schaubühnen-"Nora" um die Welt - zum Freundeskreis gehört. Weitere Schauspieler fanden sich an den Tresen Prenzlauer Bergs, und im Tanzkeller einer Bar begannen die Proben - und zwar jeden Tag mit Putzen. Unter solchen Bedingungen reift schnell der Traum vom eigenen Haus. Vielleicht kommen Zugezogene schneller auf das Naheliegende. Anders ist es nicht zu erklären, dass in der Feierhalle der freireligiösen Gemeinde nicht schon längst Theater gespielt wird. Was für ein verwunschener Ort mitten im Getriebe: ein Backsteintempelchen mit kleinem Friedhofsgarten zwischen Pappelallee und Lychener Straße - der einzigen hundescheißefreien Grünfläche kiezweit. Es ist alles noch im Bau, und es muss auch nicht alles fertig sein, wenn nächsten Donnerstag mit der Premiere von Fassbinders "Die Ehe der Maria Braun" (Regie: Reuter und Eichler, Titelrolle: Tismer) das Ballhaus eröffnet wird.Man betritt das Hinterhofrefugium, das zu DDR-Zeiten als "Casino des Handwerks", nach der Wende als Billardsalon und als Club verwendet wurde, durch eine unscheinbare Ladentür in der Pappelallee 15 und findet erst einmal die kleine Galerie von Bianca Schönig vor. Von dort gelangt man - "Vorsicht Stufe!" - durch eine zweite Tür in einen Flur mit Trafo-Anlagen, passiert eine stillgelegte Großküche und mehrere noch unerschlossene Räume für Garderoben und Werkstätten. Schließlich: Der Ballsaal, der sich mit seiner anheimelnden Atmosphäre bei Testfeiern im privaten Kreis als überaus tauglich erwiesen hat.Die drei zahlen die Miete aus eigener Tasche, lassen Strom verlegen, ziehen nach Plänen eines befreundeten Theatermeisters Stahlplatten ins Dachgebälk, an denen sich fünf Tonnen Bühnenlicht aufhängen lassen - oder auch ein Elefant, wie Reuter versichert. Die Lampen sind inzwischen auch da, allein die Haken fehlen noch. Es gilt, Equipment-Spenden zusammenzutelefonieren und unterbeschäftigte Fachkräfte aus dem Kulturbereich zu rekrutieren. Die finden sich.Dass aus einem Kneipengespräch die Initialzündung für ein verwirrend umfassendes, verwirrend wohlgelauntes Projekt werden konnte, daran hat der öffentlichkeitswirksame Name von Anne Tismer einen gewichtigen Anteil. Auch wenn ihr das unangenehm ist. Es ist nicht ihr erster Fluchtversuch aus den Theaterinstitutionen. Aus ihrem ersten Engagement in Bonn ist sie wegen "unflätigen Benehmens" gefeuert worden. Geld, das sie mit Drehen verdiente, steckte sie in einen Versuch, zusammen mit ihrem damaligen Mann und Vater ihrer Tochter, dem Schauspieler Robert Hunger-Bühler, eine Theaterproduktion zu gründen. Als das nicht klappte, tingelte sie durch die Bühnenlandschaft. Sie wollte sich nicht mehr an ein Theater binden, bis sie 2001 von Thomas Ostermeier engagiert wurde. Möglicherweise hat sie es sich anders vorgestellt an der Schaubühne, wo so viel von Demokratie und Einheitsgagen die Rede war. Sie redet nicht gern über Kündigung ihres Festvertrages, um dem Theater nicht zu schaden. Ihre Vorstellungen wird sie sicher weiter spielen. Und die Schaubühne kann so einen Rummel wie beim Weggang von Sasha Waltz nicht gebrauchen.Neben dem Star braucht das Ballhaus auch den einen oder anderen Glücksstern, unter dem sich alles fügt und findet. Da können die Ballhäusler sich bis jetzt nicht beklagen: Die Bewirtschaftung (im Sommer wohl auch im Garten) übernimmt der improvisationserprobte Gastronom, der gegenüber den Club der Republik betreibt. Als Glücksfall erweist sich der kooperative Vermieter aus Bayern, der es den neuen Mietern nicht nur nicht übel nimmt, wenn sie mal eine Wand einreißen, ohne vorher zu fragen, sondern so angetan ist, dass er die drei noch freien Etagen (je 200 Quadratmeter Atelierräume in Bestlage) neben der Feierhalle auch noch an Künstler vermieten will - und zwar am besten Leute aus dem Ballhäusler-Freundeskreis. Und der wuchert.So heruntergekommen Berlin sein mag, so unerschöpflich sind seine kulturellen Kapazitäten. Wer weiß, welche Schätze sich in diesem Haufen von Stadt noch so anfinden.Ballhaus Ost Eröffnung:16.2., 20 Uhr mit "Die Ehe der Maria Braun", Pappelallee 15, Tel.: 47 99 74 74.Weitere Informationen unter: www.ballhausost.de------------------------------Man braucht abkühlende Vokabeln, um den explodierenden Tatendrang hier zu fassen.------------------------------Foto: Die Betreiber von "Ballhaus Ost": Anne Tismer, Philipp Reuter, Uwe Moritz Eichler und Bianca Schönig (v. l.). Die Fahne gehört zur Eröffnungsinszenierung: "Die Ehe der Maria Braun".

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