Was ist los mit Horst Seehofer? Wie kommt er auf so weltfremde Sachen wie die Forderung nach einem Zuwanderungstopp für "Menschen aus anderen Kulturkreisen"? Kurt Kister, stellvertretender Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, vermutet: "Seehofer versteht die Welt nicht mehr." Dem "letzten Parteichef der alten CSU" graue vor dem Profil- und Machtverlust seiner Partei, verursacht von den grundlegenden Veränderungen der vergangenen 20 Jahre in Deutschland. "Nun will ausgerechnet Seehofer der konservativen Stammwählerschaft von CDU und CSU gefallen." Doch der Leitartikler sieht Misserfolg voraus: "Seehofer gibt sich als leicht xenophober, freundlicher Bauernfänger, doch er übersieht dabei, dass so etwas auch bei bayrischen Bauern nicht mehr zieht - ganz zu schweigen von jenen Bayern, die nach solchen Sätzen noch weniger Grund sehen, in Zukunft CSU zu wählen."Die Financial Times Deutschland verteidigt das Interesse der Wirtschaft an Zuwanderung: "Politiker mit Verantwortungsgefühl sollten lieber darüber diskutieren, wie sie zusätzliche Arbeitskräfte ins Land bekommen, statt sie rhetorisch abzuwehren." Vorschläge liegen auf dem Tisch: Arbeitsvisa leichter erteilen, Berufsabschlüsse schneller anerkennen, Prüfungen durch die Arbeitsagentur verkürzen.Für Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ist klar: "Deutschland wird ohne qualifizierte Zuwanderung erodieren", weil die Zahl der Jungen sinkt und die der Alten wächst. Sein erster Vorwurf trifft die "Älteren, die dem bayerischen Ministerpräsidenten jetzt applaudieren, weil sie noch ein paar Jahre ohne gesellschaftliche Großbaustelle leben wollen." Er sieht voraus: "Sie werden sich nach der Einwanderung aus anderen Kulturkreisen noch sehnen, wenn ihnen bewusstgeworden ist, was ein langes Leben in einer Gesellschaft bedeutet, die nur noch ein kurzes finanzieren kann." Seehofer, der auch die Rente mit 67 in Frage stellte, suggeriere, man könne das Problem durch Einwanderung junger Menschen aus dem erweiterten EU-Raum auffangen, aber "praktisch alle europäischen Länder befinden sich in der gleichen Lage wie Deutschland. Bulgarien und die baltischen Staaten beispielsweise sind demographisch ein zweites Brandenburg".Seehofers Wortmeldung, so Schirrmacher, spiele sich "vor dem Hintergrund einer psychosozialen Verstörung ab, die durch die politisch skandalöse Behandlung des ungelesenen Buches von Thilo Sarrazin aufgebrochen ist". Seehofer verfehle damit seine Aufgabe ebenso wie Bundespräsident Wulff, "der eine Rede hielt, die sich stellenweise anhörte als sei der Islam eine verfolgte Minderheit".Die Sorge der Bevölkerung liege, so Schirrmacher, "nicht in der Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, sondern umgekehrt, ob Deutschland nicht vielleicht eines Tages viel mehr zum Islam gehört, als es ihm lieb sein kann. Wer das nicht versteht, der geht nicht nur an Stimmungen vorbei, der verkennt auch die Dynamik der demographischen Entwicklung". Maritta Tkalec
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