Ein bisschen war es wie in dem Film "Titanic": So wie sich dort durch digitale Tricks das Schiffswrack am Meeresgrund in den Ozeandampfer zurückverwandelt, der im Hafen liegend seine Passagiere für die Jungfernfahrt aufnimmt, so erschien dem Besucher am Sonntag das Schiller-Theater. Nach 16 Jahren gelegentlicher Nutzung durchreisender Compagnien nahm die Staatsoper den regelmäßigen Spielbetrieb in dem frisch überholten und herausgeputzten Haus auf.In Handläufen, Wandverkleidungen, Schriftzügen, architektonischen Schwüngen und Geraden erstand da eine Zeit, die schon historisch, aber nicht zeitlos ist. Dieser Eindruck wird mild gebrochen durch den Restaurationsbetrieb an der Rückseite des Saals, der die buttergefüllten Brezeln anbietet, die schon lange, aber so lange nun auch wieder nicht zum bevorzugten Pausenschmaus geworden sind. Die Bestuhlung im Saal sieht frisch bezogen aus, die üppige Polsterung aber erinnert an Zeiten, in denen Theater nicht aufrütteln musste, sondern freundlicherweise auch mal ein unschuldiges Dämmern ermöglichte.Schön wäre es, wenn die Analogie zur Jungfernfahrt der Titanic hier ihr Ende fände. Leider aber hat die Staatsoper gleich zum ersten Abend im Schiller-Theater ein Unglück heimgesucht. Viel hat man gewagt mit einer Uraufführung zum Saisonbeginn und sieben weiteren Aufführungen. Viel hat man gewagt mit dem Auftrag an den bislang unbekannten Komponisten Jens Joneleit. Und dann starb, zwei Tage vor Probenbeginn, der Regisseur Christoph Schlingensief, der einzige Name, der der Produktion ein größeres Publikumsinteresse gesichert hätte.Ohne den Star bleibt ein Fragment zurück. In einem ergreifenden Brief des Produktionsteams aus Sängern, Dramaturgen und Dirigenten, das eine Bühnenfassung von "Metanoia - über das Denken hinaus" erstellte, die Schlingensief weder ersetzen kann noch will, heißt es: "Wir wissen nicht genau, was entstanden ist."Das Stück sollte spielen in einer Landschaft aus überlebensgroßen menschlichen Organen, und auch die Sängerdarsteller sollten Körperteile, Organe, Zellen, Parasiten sein. Nun ist die Bühne größtenteils verhängt und verstellt, von hinten scheinen Schlingensief-Filme hinein, die Sänger bewegen sich ohne Oberaufsicht. Die Aufführung ist auf weite Strecken eher Oratorium als Musiktheater. Sie wirkt, als warte sie noch auf die Auferstehung des Regisseurs.Es ist ein altehrwürdiges Verfahren, Opern etwa an Sängern auszurichten, ihnen Arien zu schreiben, die exakt an ihrem Stimmumfang ausgerichtet sind. Eine Oper jedoch, die für einen Regisseur entsteht, ist ein Wagnis, zumal in einer Kultur, die dem Regisseur Allgewalt über die künstlerische Erscheinung einräumt. Ist "Metanoia" überhaupt ein Werk oder lediglich eine Vorlage?René Pollesch hat im Auftrag Schlingensiefs Nietzsches Geburt der Tragödie überschrieben, oder, wie Pollesch sich ausdrückt, "mit Texten von mir beballert". Da kommt dann ein Fließtext, der dem Komponisten weitgehende Freiheit der Formung einräumt. Joneleit zieht seine Musik jedoch aus einer tauglichen Vermittlung des Textes zurück. Seine Tonsprache bedient sich in einem spätromantisch-expressionistischen Idiom, der entsprechend angespannte Gesang vermag jedoch den von Pollesch angehäuften Diskurs-Schrott bemerkenswert schlecht zu vermitteln. Jedenfalls kommt es zu einer eigenartigen Sinn-Interferenz zwischen den nüchternen Obertiteln und dem Sänger-Pathos, das diese Worte nicht ins Leben ruft.Mit den Obertiteln, die man sich als Verständnishilfe aus der Bühnenwirklichkeit wegzudenken hat, konkurrieren wiederum die zum Bühnenbild gehörenden Projektionen ebenfalls eher verzwickter Sätze wie: "Das Bewusstsein belästigt die Organe aber mit Hierarchien, Geschichten und Regierung." Die Dissoziation der Mittel ist zweifellos Absicht. Die Autoren verzichten, gemäß eines bewährten Avantgarde-Programms, auf ihr Privileg, etwas von der Bühne zu verkünden. Jeder soll sich seine eigene Bresche durch das Dickicht der Zeichen schlagen, die Kreativität seiner Rezeption bemerken, die Bedingungen der Wahrnehmungen erkennen. Auf vermutlich allen Wegen aber ist "Metanoia" von einer peinlichen Großmäuligkeit und gerade hier fehlt die Hand Schlingensiefs, der Peinlichkeit nicht kannte, um das Großmäulige in den authentischen Ausdruck zu verwandeln. Dröhnende Begriffe wie "Rausch", "Denken", "Leben", werden abgespult und sogleich kontrastiert mit verklemmten Albernheiten.Darunter brummt eine Musik, die sich viel zutraut und wenig vollbringt. Joneleit pflegt die geniale Gebärde, strebt nach wildem Gewurschtel und bleibt doch handzahm. Wie Daniel Barenboim, der Kenner der Werke von Pierre Boulez, Joneleits Partituren für Musik von internationalem Niveau halten konnte, ist rätselhaft, sein Dirigat eröffnete auch kaum Perspektiven. Mit dem Ausreizen elementarer Kontraste wie Hektik/Stillstand, laut/leise, hoch/tief, macht Joneleit es sich immer zu einfach, die angespielten Idiome werden weder geschickt aufgegriffen noch in intelligenter Weise gebrochen. Wenn der Anfang, wie vom Libretto gefordert, mit seinen Bläserakkorden, Kontrabassfiguren und Beckenschlägen eine brachiale Klangwand sein soll, dann ist dieser Artikel mindestens Moby Dick.Großartigen Sängerleistungen von Annette Dasch, Anna Prohaska, Daniel Schmutzhardt, Alfred Reiter, Graham Clark und der Deklamation Martin Wuttkes zum Trotz fiel der Applaus schütter aus. Es war ein absehbares Scheitern. Auch wenn Christoph Schlingensief nach seinem Tod zum gegenwärtig größten Künstler Deutschlands aufgestiegen ist und jeder Hinweis auf seine Abwesenheit geboten scheint: Das Theater ist eine harte Realität, die Unvollendetes schwer erträgt. Gerade schwache Stücke wie "Metanoia" brauchen eine starke Führung, wenn sie überhaupt eine Wirkung haben sollen.-----------------------Metanoia 6., 8., 10., 12., 16. Oktober im Schiller-Theater, Tel.: 20354438------------------------------Hier fehlt die Hand Schlingensiefs, der Peinlichkeit nicht kannte.Foto: "Wir wissen nicht genau, was entstanden ist", schreibt das Ensemble. Die Sopranistin Annette Dasch (in der Mitte ohne Kopfbedeckung) und Chor.
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