Die Stasi untersuchte bereits in den 70er-Jahren die NS-Verstrickung des Auswärtigen Amts

Unter Zurückstellung von juristischen Bedenken

Andreas Förster
5 Min

Der Vortragende Legationsrat Horst Wagner, Gruppenchef im Auswärtigen Amt, meldet seinem Minister Joachim von Ribbentrop am 31. Dezember 1944 Vollzug. "Im Zusammenhang mit der Verurteilung von 15 deutschen Kriegsgefangenen durch amerikanische Kriegsgerichte wegen ihres Vorgehens gegen Mitgefangene hat der Führer den Vorschlag des Herrn RAM (Reichsaußenminister - d.A.) genehmigt, sofort die Verurteilung einer entsprechenden Anzahl amerikanischer Kriegsgefangener zur Todesstrafe herbeizuführen", schreibt Wagner in einem Vermerk für Ribbentrop. Zwischen dem 28. und 30. Dezember 1944 seien bereits zehn US-Soldaten zum Tode verurteilt worden, ein weiteres Todesurteil liege vor.Drei Tage später ist Ribbentrops Wunsch nach Vergeltung erfüllt. Auch dank des Einsatzes der verantwortlichen Beamten, die für das Kriegsverbrechen extra ihren Weihnachtsurlaub abgebrochen haben. Legationsrat Wagner ist von solcher Einsatzbereitschaft begeistert und bittet um eine Belobigung der Beteiligten. "Bei der auf Anweisung des Herrn RAM (...) herbeigeführten Verurteilung von amerikanischen Kriegsgefangenen haben sich verschiedene Herren (...) unter Zurückstellung von ursprünglichen juristischen Bedenken besondere Verdienste erworben", schreibt er am 3. Januar 1945 an Ribbentrop. Der Minister ist zufrieden. Den Verantwortlichen sollen "gelegentlich (...) einige anerkennende Worte (...) im Namen des Herrn RAM mündlich in geeignet erscheinender Weise" ausgesprochen werden, lässt er Wagner mitteilen.Das vom Auswärtigen Amt in Auftrag gegebene, bislang weitgehend unbekannt gebliebene Kriegsverbrechen an US-Gefangenen ist in einem rund 20 Bände umfassenden Forschungsvorgang des DDR-Staatssicherheitsministeriums dokumentiert. Zwischen 1975 bis 1977 werteten Experten der MfS-Hauptabteilung IX/11 einen Aktenbestand des AA aus, den die Rote Armee nach Kriegsende erbeutet hatte. Das geht aus den in der Birthler-Behörde überlieferten und dieser Zeitung vorliegenden Unterlagen des Forschungsvorganges FV 17/75 hervor.Zwar konnte die Stasi die Existenz eines von ihr vermuteten geheimen Nachrichtendienstes in Ribbentrops Amt nicht zweifelsfrei nachweisen. Dazu reichten die vorliegenden Unterlagen nicht aus, da der Großteil des AA-Archivs im Westen lag. Dennoch birgt die überlieferte MfS-Analyse eine Reihe von bislang wenig oder gar nicht bekannten Vorgängen, die eine Verstrickung des AA in nationalsozialistische Verbrechen belegen. Offenbar ist das Material auch Historikern bislang verborgen geblieben - in der Studie "Das Amt und seine Vergangenheit", die heute in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt wird, taucht das eingangs geschilderte Kriegsverbrechen an US-Gefangenen nicht auf.Unerwähnt bleibt auch der Umstand, dass das AA im Jahre 1944 zwei eigene Sonderlager für britische Kriegsgefangene betrieb. Die Einrichtungen in Genshagen bei Berlin, wo bis zu 200 Soldaten untergebracht waren, und im bayerischen Steinburg, wo 40 Offiziere festgehalten wurden, waren seinerzeit "auf Wunsch und unter maßgeblicher Beteiligung des Auswärtigen Amtes eingerichtet worden", wie es in einem im Stasi-Archiv liegenden Vermerk vom Kriegsgefangenendienst des AA vom 29. November 1944 heißt. In einem schriftlichen Abkommen, das drei Monate zuvor seitens des AA vom Gesandten Adolf von Windecker unterzeichnet worden war, sei demnach "die Unterstellung der beiden Lager unter die alleinige Führung des Auswärtigen Amtes beschlossen worden".Mit den eigenen Kriegsgefangenenlagern verfolgte das AA vor allem Propagandazwecke. Durch eine bevorzugte Behandlung und den persönlichen Kontakt mit den gefangenen Briten sollten deren Briefe in die Heimat, in denen sie über ihre Unterbringung in Deutschland berichten, positiv beeinflusst werden. Auch erhoffte man sich, den einen oder anderen in der Haft "umzudrehen". Ende 1944 aber verfügte SS-Chef Himmler, ein Gegenspieler Ribbentrops, die Schließung der Sonderlager. Das AA wehrte sich und intervenierte beim Führer. Aus den Unterlagen geht hervor, dass man sich auf einen Kompromiss einigte: Demnach durfte das AA eigene Beauftragte in jedes Kriegsgefangenenlager abkommandieren, um unter den dort Inhaftierten politische Arbeit zu leisten.In dem Stasi-Dossier über Ribbentrops Außenamt finden sich auch einige Protokolle der am 5. Januar 1944 gegründeten "Antijüdischen Aktionsstelle", einer Propagandaabteilung, die später die Bezeichnung "Informationsstelle XIV" trug. Erster Chef der Abteilung war Ribbentrops Vertrauter, Legationsrat Horst Wagner. Ihre Aufgabe war die antisemitische Propaganda im Ausland, quasi die mediale Begleitung des Holocaust.Wagner gehörte ursprünglich zu den Mitangeklagten im "Wilhelmstraßenprozess" von 1947, wurde dann aber von der Liste gestrichen. Erst 1967 kam er doch noch vor Gericht, wegen Beihilfe zum Mord an 356624 Juden. Die restlichen leitenden Mitarbeiter der "Antijüdischen Aktionsstelle" blieben unbehelligt. Mindestens zwei von ihnen fanden auch nach Kriegsende noch Verwendung im AA: Adolf Hezinger, der 1957 als Konsulatssekretär in das Bonner Auswärtige Amt übernommen wurde, und Paulus von Stolzmann, der unter anderem bis 1964 Bonner Botschafter in Luxemburg war.------------------------------NachrufpraxisDas Auswärtige Amt hat kürzlich den "Nachruf-Erlass" wieder aufgeweicht, mit dem der frühere Außenminister Joschka Fischer Ehrungen für Diplomaten mit Nazi-Vergangenheit unterbunden hatte. Dies bestätigte ein Sprecher des Ministeriums am Dienstag in Berlin.Außenminister Westerwelle bekräftigt jedoch heute in der FAZ, dass "ehemalige Angehörige des Auswärtigen Amtes mit einer nationalsozialistisch belasteten Vergangenheit auch jetzt keine Würdigung in ihren Nachrufen" erhielten. "Verdiente Würdigung für unbelastete ehemalige Amtsangehörige, aber gründliche Prüfung jedes einzelnen Falles." Künftig solle im Lichte der Ergebnisse der Historikerkommission, die heute vorgestellt werden, externer Sachverstand in den Fällen herbeigezogen werden, in denen Zweifel über eine nationalsozialistische Verstrickung bestehe. Ebenso werde mit den Bildergalerien früherer Botschafter verfahren.------------------------------Foto: Kriegsgefangene britische Offiziere bei ihrer Befreiung aus dem deutschen Lager Oflag 79 in der Nähe von Braunschweig, April 1945

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