Kolumne

Die Stille Straße 10 in Pankow: Stumm, dumm und wehrlos geht anders

Vor zehn Jahren besetzten Rentnerinnen und Rentner ein Haus. Ein Jubiläum mit der Erkenntnis, kämpfen lohnt sich.

Mandy Tröger
3 Min
„Wir sind immer noch da!“: einstige Besetzer und Besetzerinnen der Stillen Straße in Pankow.

„Wir sind immer noch da!“: einstige Besetzer und Besetzerinnen der Stillen Straße in Pankow.

© dpa

„Wir waren vielleicht alt, aber auf keinen Fall stumm, dumm und wehrlos.“ Das sagt Elli Pomerenke, Hausbesetzerin im Ruhestand. Vor zehn Jahren besetzte sie mit fünf anderen Rentner:innen das Haus Nr. 10, eine Senior:innen-Freizeitstätte in der Stillen Straße in Pankow. Seitdem ist die Straße nicht mehr ganz so still. Denn die „Protestrentner“, wie die Berliner Zeitung sie nannte, blieben. Ihre Story ging um die Welt: Die Hausbesetzung dauerte 112 Tage – von Juni bis Oktober 2012 –, seither nutzen sie das Haus per Jahresvertrag. Eine Langzeitlösung ist nicht in Sicht. Laut Junger Welt kämpfen die „Rentnerrebellen“ für Gemeinschaft, Anerkennung und für selbstbestimmtes Altern. In der Hipster-Metropole Berlin fällt dieser Kampf durch die Popularitätsmaschen der Politik.

Anders in den Medien: Hier sind die Alten kleine Stars. Zu Beginn des Protests standen die Journalist:innen Schlange. Der RBB, die Welt, sogar der britische Guardian – alle waren da. Der Guardian widmete den „Occupy-Rentner:innen“ sogar eine Titelstory. „Ganz groß und ganz toll“, erzählt Eveline Lämmer stolz. Auch sie ist von Anfang an dabei und kann aus dem Medien-Nähkästchen plaudern. „Wir mussten erst mal lernen, wie Medien überhaupt funktionieren“, erzählt sie.

Einige Journalist:innen fragten, ob die Senior:innen Stasi-Spitzel gewesen seien – immerhin hatte Erich Mielke in dem Haus gewohnt. Die Frankfurter Rundschau nannte sie „Wutbürger“ und für die Welt war das Haus die „letzten Enklave“ Erich Honeckers. Rentner:innen, die für einen untergegangenen Staat gearbeitet hatten, hätten ihr Recht auf Protest verspielt, so die Zeitung. Das war „das Schärfste“, erregt sich Eveline Lämmer bis heute. Eine Ausnahme. Immerhin.

Die„Occupy-Omas“ wurden zu Medienstars

Das Fernsehen wollte dagegen eingängige Bilder: Zähneputzen und Bettenbauen anstatt Rentner:innen-Treffs oder Gesprächsgruppen. So wurden die „Occupy-Omas“ (Stuttgarter Zeitung) selbst zu Medienprofis. Während der heißen Phase der Besetzung zum Beispiel. Da sangen sie gegen die Angst und machten Bilder. Heute sind diese Fotos Teil einer eigenen Ausstellung zum Haus. Auch den Chor „Stille 10“ gibt es bis heute – dank der Gesangsgruppen von damals.

Die ehemaligen Hausbesetzer:innen sind gut organisiert. Ihr Förderverein betreibt die Begegnungsstätte für Jung und Alt in ehrenamtlicher Selbstverwaltung. Es gibt flache Hierarchien, und trotz Vorstand stimmen alle über alles ab. Klingt anstrengend, funktioniert aber bestens – solange die Kommunikation stimmt. Zu Corona-Zeiten hieß das: Telefonketten, viele E-Mails und SMS. So manche Influencer:innen können hier noch etwas lernen.

Das Medieninteresse an der Stillen Straße bleibt jedenfalls ungebrochen: Zum 10. Jahrestag gab es 29 Beiträge, zur Ausstellungseröffnung kamen 19 Journalist:innen, und Eveline Lämmer hat rund 180 (!) journalistische Kontakte weltweit. Sogar ein Buch über „Die unbeugsamen Alten der Stille Straße 10“ gibt es.

Es sind Geschichten der ehemaligen Besetzer:innen – erzählt von ihnen und aufgeschrieben von den Rohnstock-Biografien. Das Buch zeigt, in der Stillen Straße 10 geht es um mehr als drollige Schlagzeilen. Es geht um Visionen, würdevolles Altern und um ostdeutsche Geschichte. Es geht um Menschen, die „nicht gehen werden – komme, was wolle“, sagt Frau Lämmer. Stumm, dumm und wehrlos geht anders.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema