Die Suche nach den leiblichen Eltern

Eine Lücke im Leben schließen

Viele Kinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufgewachsen sind, machen sich irgendwann auf die Suche. Sie wollen mehr über ihre Herkunft erfahren.

Verena Köplin
4 Min
Adoptierte Kinder machen sich oft auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern.

Adoptierte Kinder machen sich oft auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern.

© imago stock&people Lizenz

Jasmin Schneider* war sieben Jahre alt, als sie erfuhr, dass sie adoptiert worden ist. Damals war die Information für ihr Leben noch nicht besonders wichtig: Sie hat ein sehr gutes Verhältnis zu ihren Adoptiveltern, schwärmt von einer behüteten Kindheit und einem starken Familienzusammenhalt. Nur die Neugierde, die blieb, sagt sie. Mit 18 ging sie mit ihrer Zwillingsschwester, die in derselben Familie aufwuchs, zum Jugendamt, um Einsicht in ihre Adoptionsakte zu bekommen. Dort erfuhr sie den Namen ihrer Mutter. Über den Vater konnte ihr niemand Auskunft geben.

Aktiv zu suchen begann Jasmin Schneider, die heute in Düsseldorf lebt, dann erst mit 30. „Ich glaube, wenn man zum ersten Mal selbst darüber nachdenkt, eine Familie zu gründen, dann kommt unvermeidlich der Moment, an dem man seine Wurzeln kennenlernen möchte. Wissen will, woher man kommt und wer man ist“, sagt sie.

Über das Internet fand sie zunächst einen Stiefbruder, der dann auch den Kontakt zur leiblichen Mutter herstellen konnte. Im September 2013 reiste sie mit ihrer Zwillingsschwester nach Hamburg und traf ihre Mutter. „Das war unheimlich emotional für uns alle“, erinnert sie sich. „Was ich sehr überraschend fand, war diese charakterliche Ähnlichkeit, die ich sowohl bei meiner leiblichen Mutter als auch bei meinem Stiefbruder entdeckt habe.“ Bis dahin habe sie immer gedacht, dass man durch das Umfeld, in dem man aufwächst, geprägt werde. „Aber durch die Treffen mit meiner leiblichen Mutter habe ich erkannt: Es gibt auch Wesenszüge und Eigenschaften, die werden genetisch übertragen. Das hat nichts mit Erziehung zu tun.“

Keine Familienähnlichkeit

Das ist eine Erkenntnis, die auch Theresa Kamill* erfuhr. Zeit ihres Lebens hat die heute 57-Jährige aus Köln sich immer wieder gefragt, warum sie so wenig Ähnlichkeit mit dem Rest ihrer Familie hatte – und das, obwohl sie bei ihrer leiblichen Mutter aufgewachsen ist. Diese war während ihrer Schwangerschaft aus Polen nach Deutschland gekommen: Der Großvater war strikt gegen die Beziehung zwischen Theresa Kamills schlesischer Mutter und ihrem polnischen Verlobten gewesen. Mit der Einwanderung nach Deutschland zwang er sie, jeglichen Kontakt zu ihm abzubrechen. „Meine Mutter hat mir erst kurz vor ihrem Tod die ganze Geschichte erzählt“, sagt Theresa Kamill. Danach war ihr klar: Diesen Mann musste sie kennenlernen.

Im Gegensatz zu Jasmin Schneider hatte sie nicht so viel Glück. Als sie nach langer Suche vor rund zehn Jahren endlich vor der Haustür ihres Vaters stand, wurde sie weggeschickt. Seine heutige Frau wollte nicht, dass die beiden sich kennenlernen. „Aber meine Tanten habe ich treffen können – und da waren dann auch plötzlich die Leute, die genauso aussehen wie ich.“

Auch wenn der Kontakt durch Sprachbarriere und familieninterne Spannungen nie vertieft wurde, abgehakt hat Theresa Kamill ihre Wurzeln in Polen noch nicht. „Ich hab mir oft vorgestellt, wie mein Vater wohl ist, wie er aussieht“, sagt sie. „Und mich natürlich auch gefragt, was es denn mit mir machen würde, wenn er gar nicht meinen Erwartungen entspricht. Ich glaube, wenn ich ihn treffen könnte, ich würde ihn in die Arme nehmen wollen.“ Viele könnten sich das nicht vorstellen, sagt sie. „Aber ich kann bestätigen, dass man auch etwas vermissen kann, was man nicht kennt. Da ist einfach eine Lücke in meinem Leben.“

*Name geändert

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