Die Tiger Lillies gastieren mit ihrem Wanderzirkus im Wintergarten

Der Meister und sein Gefolge

Charlotte Radziwill
3 Min

Er wimmert. Er krächzt. Der Sänger mit Bowlerhut gellt wie eine Sirene und watschelt wie ein Pinguin. Dazu faltet eine Schlangenfrau ihren Körper in schier unmögliche Formen, spendet eine riesenhafte Marionette Trost mit sechs Armen. Und über der fetten Rosa baumeln ihre drei Herzen als rote Lampions. So schaurig schön die Figuren auch sein mögen, die aus aufklappenden Zirkuswagen steigen - mit seiner charakteristischen Falsett-Stimme überstrahlt Martyn Jacques sie alle. Ob er und die der Tiger Lillies die Darbietungen untermalen oder umgekehrt, lässt sich erst am Ende klar sagen.Aber der Reihe nach. Vor gut 20 Jahren gründete Martyn Jacques seine Lillies. Seitdem beunruhigt, provoziert und begeistert das Londoner Trio mit seinen Liedern über Clowns und Loser, Luden und Liebende, Mörder und Märchenfiguren. Musikalisch sind sie schwer zu fassen. Sie selbst bezeichnen sich sachgerecht als "vom Akkordeon angetriebenes, kriminelles und archaisches Blues-Trio eines Kastraten". Außerdem seien sie von Bertolt Brecht beeinflusst. Für ihre Show im Wintergarten haben sich die drei Musiker Verstärkung von Akrobaten und Darstellern geholt. Sebastiano Toma, der als Leiter der Fliegenden Bauten viel Zelttheater- Erfahrung mitbringt, hat inszeniert.Im ersten Stück ziehen die Artisten Irene und Rolando Hofer, die Martyn Jacques nur bis zu seinem giftgrünen Akkordeon reichen, zwei kleine, beleuchtete Zirkuswagen . In Moritaten-Manier bereitet Jacques die Bühne. Er röhrt und rockt, im nächsten Moment säuselt er wie ein Liebender, der seine Umwelt von der Qualität seiner obskuren Außenseiter überzeugen will. Das gelingt fast immer.Aber egal, wen er präsentiert: der Chef ist Martyn Jacques. Und wer ihn einmal gehört hat, wird ihn nicht wieder vergessen. Sei es am Bechstein-Flügel, an der Ukulele oder an seinem Paradeinstrument, dem Akkordeon - Jacques betört. Anfangs gelingt es dem Schlagzeuger Adrian Huge, dem Kontrabassisten Adrian Stout oder den Akrobaten immer mal wieder, das Zepter zu übernehmen. Etwa wenn Lorenzo Mastropietro unter Huges groteskem "Wuff Wuff" einen Hut nach dem anderen um sich wirbelt. Wenn er gerade nicht bellt, drischt der dicke Drummer mit Knochen, die ihm als Schlagstöcke dienen, mordsmäßig auf sein Instrument ein.Nach der Pause dominiert Jacques die Bühne komplett. So gern man ihm zuhört, mit der Zeit macht sich eine gewisse Übersättigung breit - bis zum furiosen Trapez-Finale. Während der Chef zum ersten Mal an diesem Abend hinter seinem Flügel fast zu verschwinden scheint, turnen Ele und Julia Janke hoch über seinem Kopf herum. Wie sich die Zwillinge dort verknoten und immer wieder fallenlassen, um sich im letzten Moment wieder zu fangen und erneut durch die Luft zu schwingen, ist der akrobatische Höhepunkt des Abends. Nur ihnen gelingt es, länger als einen Moment alle Blicke im Saal auf sich zu ziehen. Und Martyn Jacques, versteht sich.Etwas mehr Akrobatik, etwas weniger Alleinunterhaltung hätte der dennoch gelungenen und abgründigen Schau dennoch gut getan. Das Publikum war begeistert.Die Tiger Lillies Freakshow. Bis 23. 10. im Wintergarten, Karten: 58 84 33.------------------------------Foto: Verformung unter wildem Zischeln

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de