Der Klomann von der Trabrennbahn in Karlshorst raucht Stumpen, Kaliber Stabbrandbombe. Am Eingang zum Männerpissoir macht das Abbrennen beißender Tabakkräuter einen gewissen Sinn. Der Klomann trägt einen schwarzen Anzug und ist sehr nervös. Immer wieder umkreist er den Tisch mit dem Tellerchen, auf dem ein Fünfzigpfennigstück den Pinkelpreis verrät. Kommt ein Fuffziger hinzu, überprüft ihn der Klomann in Sekundenschnelle auf Echtheit und läßt ihn in seinem weißen Kittel verschwinden. Schon beim zweiten, dritten Rennen färben sich die Taschenränder dunkel. Die Frequenz an der Rinne ist erstaunlich; die harntreibende Wirkung von Trabrennen müßte erforscht werden.Trabrennen in Karlshorst ist natürlich auch nicht mehr das, was es einmal war. Aloysia sitzt mit ihren funkelnden Äugelchen hinter der Hornbrille am Programmschalter und lächelt ihre Stammkunden an. Die lächeln ihre Aloysia an. Denn schon seit neunundzwanzigeinhalb Jahren sitzt Aloysia hier. Am 30. Juni werden es 30 Jahre sein. Dann ist Schluß. Sie ist 84. Genaugenommen lächelt Aloysia nicht nur ihre Stammkunden an, sie lächelt jeden an. Renntag in Karlshorst, das ist ihr Tag. Zigarettchen, Stulle, Flasche Mineralwasser in der Handtasche zieht sie von zu Hause los. Sie verkauft Programme, Kugelschreiber für einsfünfzig das Stück (die halten locker bis zum 8. Rennen) und hält Schwätzchen. Sie ist dick in rote Wolle eingemummelt, und der Pullover reicht weit über sämtliche Rundungen bis in die Kniekehlen. An ihrer linken Hand blitzt es gülden, rechts funkelt es rubinen. Hier auf der Trabrennbahn erfüllt sich seit dreißig Jahren ihr Leben, und dreimal war sie verheiratet.Die Preise für die Sieger sind bescheiden, mal gerade 800 Mark. Damit lockst du keine Maus aus dem dicken Recklinghausen oder Daglfing hervor. Dann gucken die Leute heute auf ihr Geld. Früher saß die Mark lockerer, und auch der kleinste Zocker legte noch mal n Pfund nach. Ganovensprache? Ach wat. So redet man in Zockerkreisen. Es können nicht alle Raucher zocken. Aber alle Zocker rauchen. Fest und still steht die Wand aus Smog. Jeder Atemzug ein Lungenzug. Ein Blick auf die Saat Kippen am Boden sagt, der Zocker raucht bis ran zum Filter. In der Telefonzelle quillt der Ascher. Die Gelbe-Seiten-Bände zerfleddert, die Deckseiten abgerissen. Mitten im Dreck eine Stofftasche, auf der sich Frosch und Schildkröte ein Bussi geben: "Schützt die Umwelt."Dann ein Stück Berlin von gestern. Zwei entzückende alte Damen im Silberhaar und fingerlangen Absätzen an den Pumps. Die Ladies haben zwar schon bessere Tage gesehen, aber ihre Eleganz schimmert noch durch. Sie sitzen im "Café Leimbach", etwas weg vom Volk. Hier vor der Tür geben sie auch ihren Tip ab, pro Rennen einen. Jedesmal tippeln sie auf ihren Absätzen hinaus, so wie sie es vor fünfzig sechzig? Jahren gelernt haben. Aber wie wollen sie damit über Sand- und Pflasterwege den Bus erreichen? Es gibt eine Antwort: Die Flachlatschen warten im Versteck hinter der Garderobe.Ansonsten der Mikrokosmos der Großstadt. Nuttchen, du bist mein Augenstern und der Macker ganz in Nappa. Bessere Herren, wie es sie überall mal gibt, in Kamelhaar. Die Rentner-Windjacke überwiegt. Trabrennen altert so vor sich hin. Man kennt sich. Handschlag, Handschlag. Dreiergrupen, Vierergruppen, wer bezahlt die nächste Molle?Kehraus. Da staut sich was vor den Besen. Flachmänner, Kaffeebecher, leere Bierpullen, Papierservietten, Bonbonpapier, Pommesschalen mit Senf, Ketchup oder Mayonnaise. Und natürlich haufenweise Nieten. Nieten haufenweise.Der Klomann macht Kasse. Er rollt die Fuffziger in Banderolenpapier. Das kann er mit seinen Händen so gut wie ein Bankmensch. Dabei ist ihm der Stumpen ausgegangen. Zum Putzen zündet er sich wieder einen an.Horst Vetten, 64, ist freier Journalist, Buchautor und Autor von Reportagen für "Stern", "Spiegel" und "Die Woche".
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de