In einem vielbeachteten Beitrag warnt The Economist vor den Risiken einer zunehmenden Machtkonzentration in Kyjiw. Angesichts der angespannten militärischen Lage und des drohenden Unterstützungs-Aus durch die USA könne, so die Analyse, eine enge, personenzentrierte Führungsstruktur zur Gefahr für die politische Stabilität und die institutionelle Widerstandsfähigkeit der Ukraine werden. Die Kritik richtet sich vor allem gegen die Rolle von Andrij Jermak, dem einflussreichen Chef des Präsidialamts, der sich laut The Economist als Schlüsselfigur der ukrainischen Machtarchitektur etabliert habe – doch möglicherweise auf Kosten demokratischer Offenheit und pluraler Entscheidungsprozesse.
Doch wie tragfähig ist diese Einschätzung? Verengt sich das politische System der Ukraine tatsächlich in einer Weise, die zur strukturellen Schwächung des Landes führt oder ist es vielmehr Ausdruck eines kriegsbedingten Anpassungsprozesses, der in der aktuellen Lage unvermeidbar ist? Eine genauere Betrachtung der militärischen Situation, der politischen Dynamiken und der Rolle von Andrij Jermak zeigt, dass die Realität in Kyjiw komplexer ist, als es die Diagnose von The Economist vermuten lässt. Es wäre voreilig, den gegenwärtigen Zustand als systemische Dysfunktion zu interpretieren, doch ebenso unklug, mögliche Risiken aus dem Blick zu verlieren. Die Ukraine bewegt sich auf einem schmalen Grat. Doch was von außen als bedrohlicher innenpolitischer Machtkampf erscheinen mag, erweist sich bei genauerer Betrachtung als ein pragmatischer, aber auch risikobehafteter Anpassungsprozess eines Staates im Ausnahmezustand. Ein Prozess, der Stabilität schaffen kann, aber ebenso das Potenzial birgt, langfristig politische Strukturen zu belasten.
Analyse
Die Ukraine wandelt auf einem schmalen Grat
Ist der Apparat um Selenskyj zu mächtig geworden? Eine Recherche von The Economist will dies herausgefunden haben. Eine Analyse.
9 Min
Link kopiert
Die Artikel-URL wurde erfolgreich in Ihrer Zwischenablage gespeichert.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hält eine Rede vor dem Europarat, nachdem er ein Abkommen für ein Sondertribunal für Verbrechen gegen die Ukraine unterzeichnet hat.
© Pascal Bastien/AP/dpa