Zu den Merkwürdigkeiten dieses Wahlkampfes gehört die allgemeine Klage, dass er langweilig sei. Die Sehnsucht nach Krawall ist erkennbar weit verbreitet. Dass es zwischen Merkel und Schulz etwa keine spannenden Unterschiede gäbe, ist jedenfalls schlicht falsch. Nur sind diese nicht auf Schlagworte zu reduzieren – weil sich die gesellschaftliche Wirklichkeit so nicht fassen lässt.
Offenkundig zeigt sich in dieser diffusen Sehnsucht aber auch das Verlangen, dass mit bestimmten Gefühlen Politik betrieben werde. Es wird derart Politik gemacht, nur eben vor allem von den Vertretern einer rechtsradikalen Politik.
Das Muster der Debatten
Gefühl gegen Rationalität: Das ist das vorherrschende Muster der Debatten. Sie spielen wider Willen jenen extremistischen Kreisen in die Hände, die durch ihre instrumentalisierte Gefühlspolitik mit Begriffen wie Heimat oder Identität glauben, eine vorgeblich bloß rationale, pragmatische Regierungspolitik aushebeln zu können. Und das entscheidende Gefühl ist dabei der Zorn.
In seinem jetzt als Buch erschienenen Essay spricht Uffa Jensen – seit diesen Herbst Professor am Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin – deshalb von „Zornpolitik“. Anders als Wut, die ein individueller Zustand der Besessenheit ist, richtet sich der Zorn immer gegen Anderes, seien es „die Flüchtlinge“ und „die Muslime“ wie bei den Neuen Rechten oder „das System“ oder „die da oben“ auf Seiten einiger linksextremer Kreise.
Politik der Rache
Zornpolitik ist ja keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal der Rechtsradikalen, allerdings wird sie von diesen derzeit besonders erfolgreich betrieben: Das Gefühl etwa, „der Heimat“ beraubt zu werden, mündet hier in eine Politik der Rache. „Hol dir dein Land zurück“ ist nicht zufällig der Wahlspruch der AfD. Dass er (für manche) verfängt, hat seine Gründe im allseitigen Ausspielen der Gefühle gegen die Vernunft, wie umgekehrt die Gegenstrategien (allzu oft) nicht greifen, weil auch diese das dualistische Spiel mitmachen. Dabei sind weder Gefühle irrational, also ohne Ordnung und Sinn, noch ist Rationalität emotionslos.
Uffa Jensen sagt, man müsse Gefühle als Übersetzungsleistungen verstehen: In ihnen artikuliert sich „erlerntes Wissen“, insofern haben sie Geschichte. Sie entstehen auf der Grundlage von Ressentiments, „einer Art negatives Grundgrollen“, das keine tagespolitischen Anlässe braucht.
Ressentiments der Wohlsituierten
Moderne, ausdifferenzierte und damit unübersichtliche Gesellschaften neigen generell zum Ressentiment. Insofern ist es kein Gefühl, das nur unter „den Abgehängten“ verbreitet ist. „Immer öfter den Eindruck zu haben, sich im eigenen Leben und in der Gesellschaft nicht mehr zurechtzufinden, ist ein wichtiger Nährboden für Ressentiments“, schreibt Jensen. Und diesen Eindruck haben mitunter genauso Wohlsituierte und Gebildete.
Ressentiments gegen Flüchtlinge werden ja auffallenderweise auch von solchen bedient, die es durch ihre Bildung (und ihren Wohlstand) besser wissen müssten. Peter Sloterdijk zum Beispiel, der mit seinem Buch „Zorn und Zeit“ (2006) das Grundgrollen wider eine angebliche „islamistische Gefahr“ mit einem darauf gerichteten „gerechten Zorn“ verknüpft hat. Diesen hat nicht nur sein einstiger Assistent, der AfD-Mann Marc Jongen, dankend aufgegriffen, er wird heute von den Neuen Rechten generell vielfach fortgeschrieben.
Tradition der Diskriminierung
Gerade diese Neue Rechte agiert bei der Diskriminierung von Flüchtlingen und Muslimen aber nicht traditionslos. Eine wichtige Tradition findet Jensen im Antisemitismus des 19. Jahrhunderts. Von der verhängnisvollen Behauptung des Historikers Heinrich von Treitschke, „die Juden sind unser Unglück“ (1879), zu Thilo Sarrazins Pamphlet „Deutschland schafft sich ab“ (2010) führt eine direkte Linie: Beide aktivieren sie Ressentiments gegen angeblich Andere, die „uns“ zu „überrollen“ (Sloterdijk) drohten.
Was im 19. Jahrhundert die Juden waren, sind heute die Muslime: Sie dienen den „Zornpolitikern“ als Gegenüber, an dem sich die eigenen Vorurteile bestätigen sollen.
Die eigene Nase
Allerdings: Menschen hantieren immer mit Vorurteilen und verspüren – gelegentlich, öfter, immer – Gefühle gegen Andere, sagt Jensen: „Wir sollten uns nicht zu sicher sein, dass dies ausgerechnet bei uns nicht so ist.“ Das ist wichtig. Denn bei der Suche nach wirksamen Mitteln gegen die gegenwärtige Zornpolitik, neigen viele dazu, sie als wahnhaft, krank und neurotisch zu ächten.
Entsprechend wird von Populisten gesprochen, als wären sie (lediglich) meisterhafte Verführer, denen das sogenannte einfache Volk wie Lemminge bis zum Abgrund folgt. Man schaue nur auf die Berichte zu Trump, auf die oft dünkelhafte Rede von Populismus allgemein: als wäre er wie Mundgeruch immer schlicht das, was die anderen haben.
Die Strategie der Gegner
Mit solchen Dämonisierungsstrategien gewinnt man zwar einen eindeutigen Gegner, wiederholt aber deren Strategie – und verliert Einsichten, schreibt Jensen. Die Einsicht vor allem, dass der Rechtspopulismus wesentlich davon zehrt, als irrationaler Wahn bezeichnet zu werden. Tatsächlich ist er aber das genau kalkulierte Programm einer antihumanistischen, diskriminierenden Politik. Dass sie im aktuellen Wahlkampf als nahezu gleichberechtigte Stimme auftritt, zeigt ihre gefährliche Wirksamkeit. Wer hier von Langeweile spricht, hat nicht verstanden, was überhaupt zur Wahl steht.
Bleibt die Frage, was gegen Zornpolitik taugt. Komik, Satire hilft, sagt Jensen. Sie entlarvt. Aufklärung hilft auch, sicher, aber es brauche zudem eine „Praxis der Gefühle“, nämlich das Befragen und Ernstnehmen der eigenen Gefühle. Man muss sie hierfür aus der Frontstellung zur Vernunft herausholen, um auf den Zorn mit emotionalen Gegengeschichten antworten zu können. Und für den Anfang braucht es dieses Buch.
Uffa Jensen: Zornpolitik. Suhrkamp, Berlin 2017, 208 S., 16 Euro
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