Tango oder Swing?

Wegen dieser Damen tanzt Berlin aus der Reihe

Seit 36 Jahren kümmert sich die Familie Bürger insbesondere um die Füße ihrer Kunden.

Julia Freese
5 Min
Die Frauen vom Tanzsport-Shop Bürger in Dahlem in ihrem Reich: Seniorchefin Gisela Bürger (88) und Chefin Sabine Bürger (59).

Die Frauen vom Tanzsport-Shop Bürger in Dahlem in ihrem Reich: Seniorchefin Gisela Bürger (88) und Chefin Sabine Bürger (59).

© Sabine Gudath

So wie die Berliner Hobby-Tänzerin Sabine König, die sich an diesem Montagnachmittag schon zum zweiten Mal in die fachkundigen Hände der 88-jährigen Gisela und ihrer 59-jährigen Tochter Sabine Bürger begibt. König sucht ein weiteres Paar Schuhe für ihren Standard- und Latein-Tanzkurs. Hohe Absätze und etwa Größe 38 müssen es sein.

Allzu unbequem darf es nicht sein

„Das fühlt sich ganz schön eng an“, sagt König nach einem Probegang mit einem grauen Paar in Größe 37 durch den kleinen Verkaufsraum. „Tanzschuhe müssen am Anfang etwas zu eng sein“, gibt Gisela Bürger zu bedenken.

„Das wird schon nach ein paar Minuten Tragen besser.“ Aber allzu unbequem darf es natürlich auch nicht sein: Nach einer weiteren Probierrunde entscheidet sich die Kundin für ein silbernes Paar in Größe 37 ½. Sie werde bestimmt bald für ihr nächstes Paar wiederkommen, sagt sie zum Abschied.

Ob Tango, Salsa oder Swing – egal, welche Tänze gerade das Berliner Parkett beherrschen, die passenden Schuhe gibt es. 

Ob Tango, Salsa oder Swing – egal, welche Tänze gerade das Berliner Parkett beherrschen, die passenden Schuhe gibt es. 

© Sabine Gudath

„Von manchen Kunden kennen wir inzwischen die ganze Lebensgeschichte“, sagt Sabine Bürger. „Die haben als Jugendliche das erste Mal Schuhe für den ersten Tanzkurs gekauft, später welche für die Hochzeit und inzwischen tanzen sie auf Turnieren.“ In ihrem kleinen Verkaufsraum bieten die Bürgers ungefähr 2000 verschiedene Paar Tanzschuhe von Herstellern aus aller Welt an. Schwarze, schlichte Modelle sind ebenso darunter wie Extravagantes in Gelb oder Türkis mit Paillettenzier an der Ferse.

Auf einen Online-Shop verzichtet der Laden bewusst, obwohl auch Hobby-Tänzer aus dem Ausland zu den Kunden gehören. Die müssen dann eben bei ihrem jährlichen Berlin-Besuch vorbeikommen. „Tanzschuhe muss man anprobieren, das geht gar nicht anders“, sagt Gisela Bürger. Neben der Größe muss auch die Weite genau stimmen – sonst gibt’s schnell Blasen am Fuß.

Echte Berliner Schnauze

Seit 36 Jahren beraten Gisela und Sabine Bürger Menschen aller Altersgruppen über das richtige Schuhwerk fürs Parkett. Damals übernahmen sie das Sortiment aus einem Tanzschuhladen um die Ecke, dessen Inhaber aus Altersgründen schließen wollte. Das Verkaufs-Gen lag in der Familie, schon Gisela Bürgers Eltern hatten einen Tante-Emma-Laden. „Außerdem waren mein Mann und ich damals leidenschaftliche Tänzer“, sagt die 88-Jährige.

Verschmitzt fügt sie hinzu: „Anfangs hat er sich gesträubt, aber nach anderthalb Jahren hat er gesagt: Du, jetzt fängt’s an, mir Spaß zu machen.“ Ab 1982 verkauften Gisela und Sabine Bürger, die ihre Ausbildung zur Industriekauffrau abgeschlossen hatte, die Tanzschuhe zunächst im Keller ihres Wohnhauses. 1994 zogen sie in den ersten Stock.

„Berlin ist seit vielen Jahren Tango-Stadt"

Inzwischen gehört auch Cornelia Bürger, Sabine Bürgers 37-jährige Tochter, zum Team, fällt aber aktuell wegen Grippe aus. So schmeißen Mutter und Oma den Laden in dieser Woche zu zweit. Der Geschäftsgründerin macht das Verkaufen noch genau so viel Spaß wie vor 36 Jahren. Die meisten Kunden kommen aus Berlin und Brandenburg und wissen eine echte Berliner Schnauze zu schätzen: „Da sag’ ich schon mal sowas wie: Sie brauchen aber Weite J, also: janz schön weit“, erzählt die 88-Jährige. „Das ist die Würze, wenn man verkauft.“

Und in welchem Takt schwofen die Kunden aktuell am liebsten? „Berlin ist seit vielen Jahren Tango-Stadt“ sagt Sabine Bürger. „Zwischendurch war mal Salsa in, aber das ist wieder passé. Gerade erlebt der West Coast Swing einen Aufschwung.“ Immer wieder gut fürs Geschäft sei es, wenn ein neuer Tanzfilm ins Kino komme.

„Probieren Sie es doch mal damit“

Aber auch ohne Tanzfilm bleibt der Laden an diesem Nachmittag nie länger als ein paar Minuten leer. Schon steht der nächste Kunde in der Tür. „Ich kann noch nicht Tango tanzen, aber die passenden Schuhe will ich mir schon mal holen“, sagt der junge Potsdamer.

Sein Tanzlehrer habe ihm diesen Laden empfohlen. Für den Anfang solle es was Schlichtes sein. Sabine Bürger holt ein schwarzes Paar aus dem Herren-Regal rechts neben dem Verkaufstresen. „Probieren Sie es doch mal damit.“ Nach ein paar Minuten geht der Kunde sichtlich zufrieden mit neuen Tango-Schuhen im Karton aus der Ladentür. 

Rat in mancher Lebensfrage

So schnell wird nicht jeder fündig, sagt Gisela Bürger. „Manche schwatzen zwei Stunden und gehen ohne Schuhe wieder.“ Aber auch das sei kein Problem. Sie freue sich wenn die Leute gern in den Laden kommen. Gerade jetzt, da ihr Mann Gerhard vor wenigen Monaten überraschend verstorben ist, sei ihr die Ablenkung durch das tägliche Verkaufen willkommen, sagt die 88-Jährige.

Manchmal gibt sie dann auch Tipps für die Beziehung zum Tanzpartner. „Ich sage immer: Wer sich beim Tanzen versteht, der versteht sich auch im Leben.“ Ebenso gilt offenbar: Wer einem den richtigen Tanzschuh empfiehlt, dem vertraut man auch in anderen Lebensfragen.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema