Homo floresiensis

Dieser Räuber fraß zuerst – und entzaubert die „Hobbits“ von Flores

Der Komodowaran holte sich das Filet, die „Hobbits“ nur die Knochen. Waren die kleinen Menschen dümmer als gedacht? Was die Funde verraten.

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Der Komodowaran ist die größte lebende Echse der Welt – und war auf Flores das einzige Großraubtier, mit dem die „Hobbits“ um Beute konkurrierten. (Symbolbild)

Der Komodowaran ist die größte lebende Echse der Welt – und war auf Flores das einzige Großraubtier, mit dem die „Hobbits“ um Beute konkurrierten. (Symbolbild)

© IMAGO

Sie waren nur gut einen Meter groß, hatten ein Gehirn etwa so groß wie eine Grapefruit – und galten trotzdem lange als überraschend clevere Kerlchen. Jetzt bekommt das Bild der „Hobbits“ von Flores kräftige Kratzer.

Vom Elefantenjäger zum Aasfresser

Homo floresiensis, so der Fachname der Mini-Menschen, lebte bis vor rund 50.000 Jahren auf der indonesischen Insel Flores. Weil man frühe Skelette zusammen mit Knochen von Zwergelefanten fand, entstand eine schöne Geschichte: Die kleinen Leute sollen die – ihrerseits geschrumpften – Rüsseltiere gemeinsam gejagt haben.

Eine neue Studie im Fachjournal „Science Advances“ räumt mit dieser Vorstellung auf. Ein Team um die Archäologin E. Grace Veatch hat 3155 Knochenfragmente der Zwergelefanten aus der Höhle Liang Bua untersucht.

Das Ergebnis: Die besten Stücke waren längst weg, bevor die Hobbits überhaupt zu Tisch kamen.

So könnte Homo floresiensis ausgesehen haben: Die Rekonstruktion zeigt die kleinwüchsige Menschenart, die bis vor rund 50.000 Jahren auf Flores lebte.

So könnte Homo floresiensis ausgesehen haben: Die Rekonstruktion zeigt die kleinwüchsige Menschenart, die bis vor rund 50.000 Jahren auf Flores lebte.

© IMAGO/HENRIK MONTGOMERY

Der Waran fraß zuerst

Der Grund heißt Varanus komodoensis – der Komodowaran, die größte lebende Echse der Welt und damals das einzige Großraubtier auf Flores.

Um die Bissspuren eindeutig zuzuordnen, verfütterten die Forschenden im Zoo von Atlanta eine Ziege an einen echten Komodowaran und verglichen dessen Zahnspuren mit menschlichen Schnittspuren.

Das Muster an den Elefantenknochen war eindeutig. An den fleischreichen Teilen wie den Oberschenkeln saßen vor allem Waranbisse. Die menschlichen Schnittspuren fanden sich an den mageren Resten: an Zehen, Rippen und Schädelstücken.

Übersetzt heißt das: Der Waran holte sich das Filet, die Hobbits bekamen die Knochen mit den letzten Fleischfetzen.

Und das mit dem Feuer?

Auch die zweite Heldengeschichte wackelt. Lange galt als sicher, dass Homo floresiensis sein Essen über dem Feuer briet.

Doch von 3155 untersuchten Elefantenknochen war ein einziger verbrannt. Und dieser eine lag ausgerechnet an einer Stelle, an der viel später der moderne Mensch seine Feuerstellen anlegte.

Die Mahlzeit der Hobbits war demnach roh. Gefährlich war das nicht: Das Gift des Warans besteht aus Eiweißen, die im menschlichen Magen ohnehin zerlegt werden.

Mut wie beim Gang nach Mordor

Man muss sich die Szene vor Augen führen. Ein gut meterhoher Mensch soll eine Gruppe fressender Riesenechsen von einem Kadaver vertreiben – ohne Speer, ohne Pfeil und Bogen.

Das wäre in etwa so mutig gewesen wie ein Spaziergang nach Mordor. Deshalb gehen die Forschenden davon aus, dass die Hobbits meist warteten, bis die Warane satt waren, und danach die Reste einsammelten.

Lohnender war ohnehin anderes Wild. Die Riesenratten der Insel, jede so groß wie eine Katze, ließen sich viel leichter erlegen als ein Zwergelefant.

Was das für den Stammbaum bedeutet

Der eigentliche Sprengstoff steckt in der Frage nach der Herkunft. Bislang gilt Homo floresiensis oft als geschrumpfter Nachfahre von Homo erectus.

Wenn die Hobbits aber weder Feuer beherrschten noch Großwild jagten, passt dieses Bild schlechter. Mitautor Thomas Sutikna hält es für möglich, dass sich ihre Linie schon deutlich früher vom Ast des modernen Menschen abzweigte.

Der Kosename „Hobbit“ bleibt trotzdem. Nur die Vorstellung vom pfiffigen kleinen Jäger, der dem Elefanten mutig gegenübertritt, dürfen wir getrost begraben.

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