Vor einigen Wochen stellte die New York Times die provokante Frage: „Was möchten Sie lieber in Ihrem Kühlschrank haben? Alexa, Cortana oder einen noch unbekannten virtuellen Assistenten?“ Der Hintergrund: Immer mehr Kühlschränke verfügen über eine Sprachsteuerung von Amazon (Alexa) oder Microsoft (Cortana). So kann man etwa mit smarten Kühlschränken von Alexa per Sprachsteuerung Milch nachbestellen oder Bananen auf die Einkaufsliste setzen. „Alexa, bestelle Milch!“ Oder: „Alexa, wie viele Kalorien haben die Chicken Wings?“ Der digitale Butler steht auf Knopfdruck zur Verfügung.
Nicht nur Kühlschränke, auch Backöfen, Geschirrspüler, Haustürschlösser, Rauchmelder und smarte Steckdosen sind mit Amazons Sprachsoftware kompatibel. Sogar Schmuck und Kleidung sollen mit Alexa verbunden werden. Amazon will seine Sprachsteuerung zur Schaltzentrale im Smart Home machen. Nach Google und Amazon bringt auch Apple mit dem Homepod einen eigenen smarten Lautsprecher auf den Markt. Die Tech-Konzerne dringen mit aller Macht in das Zuhause der Nutzer. Die Synchronisation aller Geräte schafft Synergien und bietet Komfort. Doch darin liegt auch ein Einfallstor für Überwachung.
Smartphone Apps aktivieren das Mikrofon aus Spionagezwecken
Immer mehr Haushaltsgeräte sind mit Kameras und Mikrofonen ausgestattet, darunter auch Smart-TVs, Laptops, Tablets, Smartphones und Netzwerklautsprecher. In jedem zehnten US-Haushalt steht mittlerweile der Netzwerklautsprecher Amazon Echo oder ein auf Alexa basierendes Gerät. Amazon Echo zeichnet Sätze beziehungsweise Bruchteile von Sätzen auf und leitet diese an einen Cloud-Dienst weiter, wo sie von Algorithmen ausgewertet werden. „Mit sieben Mikrofonen, Richtstrahltechnologie und Geräuschunterdrückung hört Echo Sie aus jeder Richtung – sogar wenn Musik läuft“, bewirbt Amazon seinen Netzwerklautsprecher. Nur: Was nehmen die Geräte alles auf? Wie sicher sind die Nutzerdaten? Und wer hört mit? Zwar betont Amazon, dass man Mikrofone an den Geräten abstellen kann, doch ein Garant für Missbrauch ist das nicht.
Im vergangenen Jahr enthüllte Wikileaks, dass die CIA von ihrer Frankfurter Zentrale unter dem Codenamen „Weeping Angel“ mit einem Hackertool Smart-TVs von Samsung anzapfte und in einen Fake-Off-Modus schaltete, der dem Nutzer suggerierte, er hätte den Fernseher abgeschaltet. Der Trick erlaubte den Agenten, heimlich Konversationen aufzuzeichnen. Laut einem Bericht der New York Times aktivieren mehr als 250 Spiele-Apps wie „Beer Pong: Trickshot“ oder „Honey Quest“ das Mikrofon in Smartphones, um herauszufinden, welche TV-Werbespots die Nutzer gerade vor dem Fernseher sehen. Diese heimlich gewonnene Information wird dazu genutzt, um passgenaue Werbung auf dem Smartphone auszuspielen. Sieht der daddelnde Nutzer gerade Bierwerbung in der Fußball-Halbzeitpause, zeigt ihm das Handy Werbung für eine Brauereimarke an. Die Software soll akustische Signale sogar dann noch erkennen können, wenn das Handy in der Hosentasche steckt. Das Smartphone als Spion.
Bereits 2006 nutze die NSA Smartphones zum Abhören
Sprachsoftware war wie das Internet und GPS ursprünglich eine Militärtechnologie. Die Defense Advanced Research Projects Agency, die Forschungsabteilung des US-Verteidigungsministeriums, die mit dem Arpanet den Vorgänger des Internets schaffte, finanzierte ab 1971 eine Spracherkennung, die 1 000 Wörter verstand. Von daher verwundert es nicht, dass Geheimdienste die Sicherheitsarchitektur der Systeme kennen oder die Hersteller schon vorab Hintertüren einbauen.
„Smartphones sind Tracking-Geräte“, sagte die Datenschützerin Michelle De Mooy dem Branchendienst Digital Trends. „Wir denken nur nicht darüber nach, weil sie persönliche Geräte sind – sie verreisen mit uns, schlafen neben uns. Aber sie sind in Wahrheit Sammler von riesigen Informationsmengen – darunter auch Audio-Informationen.“ Laut einem Bericht der Enthüllungsplattform The Intercept nutzte die NSA bereits 2006 eine Technologie namens „speaker recognition“, mit der Terroristen, Politiker, Drogenbarone, Spione und sogar eigene Agenten überwacht wurden.
Jedes Mikrofon kann in einen Lautsprecher umgewandelt werden
Nicht nur Geheimdienste lauschen im Wohnzimmer – auch Hacker können Zugriff auf Steuergeräte erlangen. Der britische Sicherheitsforscher Mark Barnes demonstrierte, wie sich ein Amazon-Echo-Gerät im Handumdrehen in ein Abhörgerät verwandeln lässt. Dazu schraubte er die Unterseite des Lautsprechers ab und schleuste über eine SD-Karte eine Schadsoftware auf das Gerät – ohne Spuren zu hinterlassen. So konnte er den Besitzer belauschen. Der Hack erfordert zwar physischen Zugriff auf die Hardware, doch zeigt er, wie verwundbar solche Geräte sind. Aus einem Laut- kann schnell ein Lauschsprecher werden.
Mikrofone und Lautsprecher weisen dieselbe Bauweise auf und funktionieren in beide Richtungen. Jedes Mikrofon kann in einen Lautsprecher umgewandelt werden – und umgekehrt. Gewiss, auch beim Telefon weiß man nicht, ob gerade jemand das Gespräch abhört. Und auch im analogen Haus wurden schon Wanzen installiert.
Doch konnte man durch das Auf- und Zuschließen von Fenstern oder Türen noch einigermaßen regulieren, was nach außen dringt und was nicht. Im Smart Home dagegen hat man die Kontrolle über den Informationsfluss verloren. Der Bewohner weiß nicht, wer am anderen Ende der Leitung noch mitlauscht.
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