In der Laudatio, die Dirk Oschmann („Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“) auf Domenico Müllensiefen gehalten hat, dessen Roman „Aus unseren Feuern“ mit dem Uwe-Johnson-Förderpreis 2023 ausgezeichnet wurde, lobt der Literaturwissenschaftler diesen als Text über eine „Generation mit einschneidenden Erfahrungen an Desorientierung, Deplatzierung und gesamtgesellschaftlichen Umwälzungen“. Die Rede ist von der Transformationszeit der 1990er- und 2000er-Jahre in Leipzig.
Es seien die deutsch-deutschen Verhältnisse, die den Schriftsteller Uwe Johnson (1934–1984) seit der deutschen Teilung beschäftigten und Müllensiefen seit der Vereinigung 1990, schreibt Oschmann in der Laudatio, die die Berliner Zeitung in voller Länge publiziert hat. In seinem Roman „Mutmassungen über Jakob“ schreibe Uwe Johnson: „Warum gehst Du nicht in den Westen heisst richtiger Warum bleibst Du hier.“ Dazu Oschmann: „Die politischen, ideologischen und wirtschaftlichen Vorzeichen haben inzwischen gewechselt, die Dringlichkeit dieser Frage ist jedoch auch knapp siebzig Jahre nach Erscheinen der Mutmassungen für die im Osten von Deutschland lebenden Menschen geblieben, für jeden und jede Einzelne, immer von neuem.“
Dirk Oschmann über Domenico Müllensiefen: Desorientierung und Brutalisierung im Osten
Der Ostdeutsche: Jetzt spricht er nicht nur Russisch, jetzt ist er auch noch wütend
Auch Müllensiefens vorwiegend junge Figuren stünden vor dieser Wahl, so Oschmann. Diese sei freilich oftmals keine, weil schlicht das Geld fehle, die Beziehungen oder grundsätzlich die Lebenschancen, um wirklich eine Wahl zu haben, oder weil man sich einfach seiner Heimat verbunden fühle. Einige versuchten auszubrechen. Doch selbst Karsten, vormals als „bester Geselle Sachsens“ ausgezeichnet, scheitere und kehre desillusioniert zurück. „Zur ursprünglichen Scham der Herkunft, wie sie viele im Osten verspüren, kommt nun die Scham des Scheiterns noch hinzu.“
Die deutsch-deutschen Asymmetrien und Herrschaftsverhältnisse, wie sie im Gefolge des Zweiten Weltkriegs und der Teilung Deutschlands entstanden und die Lebenswirklichkeiten bis heute oft dramatisch bestimmten, zeigten sich auch in vielen anderen Passagen, schreibt Oschmann.
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