Markus Werner ist schon auf vielen Bahnsteigen gestrandet und hat sich oft nicht beschwert. Jetzt aber hat Werner die Nase voll. „Das ist doch der totale Wahnsinn“, sagt er. Von Barrierefreiheit könne bei der Deutschen Bahn nicht die Rede sein. „Im Gegenteil: Die Barrieren baut sie selber ein.“
Werner ist Para-Schwimmtrainer und Vorstandsvorsitzender des inklusiven Hamburger Sportvereins Alstersport. 170 Mitglieder hat der Verein, 130 haben eine körperliche Einschränkung. Von Höchstleistungen hält das die Sportler nicht ab. Zuletzt qualifizierten sie sich für die Internationale Deutsche Meisterschaft im Para-Schwimmen in Berlin. Doch die Reise dorthin machte die Deutsche Bahn den jungen Sportlern unmöglich – weil zwei Teilnehmer der Gruppe im Rollstuhl sitzen.
Vier Jugendliche sollten am 5. Juni zum Check-in mit Werner nach Berlin reisen, alle im Alter von 15 bis 19. Eine Sportlerin und Werner selbst sitzen im Rollstuhl. Werner buchte und zahlte für die Gruppe bereits Monate im Voraus Tickets für einen ICE am frühen Nachmittag von Hamburg nach Berlin und meldete über die zuständige Mobilitätszentrale an, dass zwei Rollstuhlfahrer in der Gruppe mitreisen. Die Bahn bestätigte die Anmeldung schriftlich.
ICE hat oft nur zwei Rollstuhlfahrer-Plätze
Werner hat Erfahrung in der Planung solcher Reisen, er kennt die Tücken und Gefahren genau. Eines der größten Probleme: In einem ICE sind häufig überhaupt nur zwei Plätze für Rollstuhlfahrer vorhanden. Gruppenreisen macht das fast unmöglich. Eine Sportlerin aus Werners Gruppe fuhr deswegen schon einen Tag zuvor nach Berlin und übernachtete bei einer Freundin. Drei Rollstuhlfahrer auf einmal – das wissen Werners Jugendliche schon – ist kaum möglich. Doch auch zwei waren an diesem Tag zu viel. Denn am Morgen der Reise checkte Werner die Verbindung online und stellte fest: Der Zug sollte zwar wie geplant fahren. Allerdings ohne Wagen 9 – und damit ohne die einzigen beiden Plätze für Rollstuhlfahrer. Die Deutsche Bahn hielt es nicht einmal für nötig, die Gruppe zu informieren.
Hektisch rief Werner bei der Mobilitätszentrale an, beim Kundendienst: Was da los sei? Ob es eine Alternative gäbe? Man könne auch früher fahren, bot Werner an, die Jugendlichen aus der Schule holen – Hauptsache, man schaffe es pünktlich zum Check-in. Ansonsten drohe der Gruppe die Disqualifizierung.
Zwölf Züge, doch keine Möglichkeit für Rollstuhlfahrer
Die Bahn hatte Alternativen zu bieten: zwölf Zugverbindungen, die noch in den Zeitplan der Gruppe gepasst hätten. Doch in keinem einzigen der zwölf Züge konnten Rollstuhlfahrer reisen. Entweder weil der Zug wie die ursprüngliche Verbindung ohne Wagen 9 und damit ganz ohne Plätze für Rollstuhlfahrer fuhr, weil die Plätze schon belegt waren oder aber weil in Berlin das nötige Personal fehlte, um den Reisenden mit Rollstuhl aus dem Zug zu helfen. „Komplett überfordert“, sagt Werner.
Das Zahlen eines Taxis, so erzählt es Werner, habe die Bahn verweigert. Werner kann selbst fahren, ein Auto aber habe nicht genügt. Also telefonierte Werner die Eltern der Jugendlichen ab. Ein Elternteil sagte zu, verließ die Arbeit Stunden früher. Und so kam die Gruppe, knapp und ohne Zutun der Deutschen Bahn, immerhin noch pünktlich zum Check-in.
Raul Krauthausen, Berliner Inklusionsaktivist: „Es gibt häufig zu wenige Rolliplätze in der Bahn, vor allem zu Großveranstaltungen und Messen, Weihnachten oder Ostern.“
© Jens Kalaene
Der Horrortrip kostete Werner aber einiges an Nerven. Er reichte Beschwerde bei der Stelle für Fahrgastrechte ein, wenigstens 252,30 Euro wollte er von der Deutschen Bahn erstattet haben – für die Tickets und das Benzingeld. Doch erst vier Wochen später meldete sich die Bahn: Um die Ansprüche prüfen zu können, bitte sie um die Schwerbehindertenausweise der Sportler, schrieb sie per Mail. „Da ist mir die Hutschnur geplatzt“, sagt Werner. „Wenn es um Ersatzansprüche geht, sollen wir plötzlich nachweisen, dass wir auch wirklich behindert sind.“
Diskriminierung bei der Deutschen Bahn
Für Heike Schwarz-Weineck, stellvertretende Berliner Landesbehindertenbeauftragte, ist das ein klarer Fall: „Das ist Diskriminierung“, sagt sie. Seit zehn Jahren gelte die UN-Behindertenrechtskonvention, die Behinderten uneingeschränktes Reisen zusichere. „Die Länder und der Bund sind in der Pflicht das umzusetzen.“
Raul Krauthausen, Berliner Inklusionsaktivist, kennt die Tücken des Bahnfahrens mit Rollstuhl. Gerade zu Hauptstoßzeiten, bei Großveranstaltungen und Messen, an Weihnachten und Ostern, fehlten immer Rollstuhlplätze in der Bahn. Oft fühle man sich auf Reisen im Stich gelassen. Und der Konzern widerspreche sich: Die Bahn kündige an, dass sie die Fahrgastzahlen bis zum Jahr 2030 verdoppeln wolle – melde aber gleichzeitig, dass die steigende Zahl behinderter Fahrgäste Probleme bereite. Krauthausen zieht den Schluss: „Die Bahn will die Fahrgastzahlen verdoppeln – so lange die Fahrgäste nicht behindert sind.“
Zusammen mit einem Justiziar hat Markus Werner erneut einen Beschwerdebrief an die Deutsche Bahn geschrieben und die Öffentlichkeit über Twitter eingeschaltet. Inzwischen hat sich die Bahn entschuldigt: Man habe nach den Behindertenausweisen aus Gründen des Datenschutzes fragen müssen – Mobilitätszentrale und die Stelle für Regressansprüche würden unabhängig voneinander arbeiten und könnten sensible Daten nicht weiterreichen. Man wolle dem Verein nun die Kosten erstatten – „selbstverständlich ohne weitere Prüfung“, teilte die Bahn der Berliner Zeitung mit. Ein anderes Problem wird das nicht lösen: Dass es zu wenig Plätze für Rollstuhlfahrer und zu wenig Personal gibt, um ihnen auf den Bahnsteigen zu helfen. „Das ist ein grundsätzliches Strukturproblem“, sagt Markus Werner. „Eine Entschuldigung ändert daran nichts.“
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