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Diskriminierung: Nehmen unsere Schulen ihre Verantwortung nicht ernst?

Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung steht an deutschen Schulen an der Tagesordnung. Unser Autor appelliert für mehr Sensibilisierung.

Andreas Schmid
6 Min
Von 16.000 Befragten gaben 62 Prozent an, an ihrer Schule ungeoutet zu sein.

Von 16.000 Befragten gaben 62 Prozent an, an ihrer Schule ungeoutet zu sein.

© Hans Blossey/Imago

Es ist ein warmer Sommertag. Auf dem Pausenhof meiner Schule glitzern Pokémon-Karten in der Sonne und flitzen von einer Kinderhand in die nächste. Aus blechernen Nokia-Handys dröhnt Rammstein oder Linkin Park, Jungs veranstalten lachend Rülpswettbewerbe, Mädels halten sich angewidert ihre Bratz-Dolls vors Gesicht. Ich bin damals zwölf Jahre alt, etwas klein für mein Alter, ein Außenseiter, der sich ängstlich den Schulranzen vor die Brust drückt und durch den Schulhofdschungel schlängelt.

Dann passiert es. Ein besonders abenteuerlicher Junge schießt einen Salami-Rülpser direkt ins Gesicht seines Freundes. „Ihhh! Mann, du bist so schwul!“ Ein Stich in der Brust. Einer von vielen, der mein Herz mit den Jahren in ein Nadelkissen verwandeln wird.

Das Schweigen der Gesellschaft

Im Jahr 2006 gibt es keine Homosexualität, scheint es. Kein Netflix mit „Love, Simon“ oder „Heartstopper“, in denen Jungs mit träumerischen Blicken händchenhaltend über den Bildschirm flanieren. Meine Eltern waren nicht homophob, aber genau wie für den Rest der Gesellschaft war das Thema Zuhause unsichtbar. Die Stille schlich sich auch in den Sexualkundeunterricht, der voller Kondome und Bananen, aber ohne sexuelle Vielfalt ablief. Verhütung und Pubertät, check. Was gibt’s denn sonst noch zu klären?

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Dass ich schon seit einem Jahr eher die Jungs anschielte und mich in den Umkleiden panisch auf meine Füße konzentrierte, blieb ein Geheimnis. Ich war ein Alien, gestrandet und allein. Denn offen schwul war niemand. Zu Homosexualität gab es in dieser fremden Welt nur einen Anhaltspunkt: die Beleidigungen meiner Mitschüler. Schwul, das war ein Schimpfwort. Ein Äquivalent für uninteressant, nervig oder scheiße.

Man kann sich vielleicht denken, was das mit einem Kind anrichtet. Schwulsein, das war scheiße. Ich bin schwul, also bin ich scheiße. Weil Positivbeispiele im Unterricht und der Gesellschaft gefehlt haben, begrub ich meine Gefühle. Das erste feuchte Händchenhalten oder der erste, tollpatschige Kuss, während die Pubertät durch den Körper rauscht – das gab es für mich nicht. Meine Mutter erfuhr es, als ich 19 war. Bis ich das Wort „schwul“ ohne Scham in den Mund nehmen konnte, zogen danach noch mehrere Jahre ins Land.

Friede, Freude, vorschnell?

Aber jetzt ist 2024. Schon 2017 küssten sich die ersten gleichgeschlechtlichen Paare in die Ehe, die überragende Mehrheit der Deutschen steht hinter der Öffnung sowie eingeführten Antidiskriminierungsgesetzen. Schwul als Schimpfwort zu benutzen, das kann heutzutage strafbar sein. Auch in den Medien gehört queere Vielfalt inzwischen zum guten Ton. Sicherlich hat sich mit der Zeit auch die Stille an den Schulen gelegt, wurden sexuelle Vielfalt und Diskriminierungsprävention in den Lehrplan eingefügt. Oder?

2016 befassten sich auf der UNESCO-Bildungskonferenz mehr als 250 Delegierte aus einer Vielzahl an Ländern mit der Diskriminierung queerer Minderheiten innerhalb von Bildungseinrichtungen. Sie erarbeiteten „Antworten des Bildungssektors auf homophobe und trans*phobe Gewalt“, einen Forderungskatalog an die teilnehmenden Länder, sich gegen Diskriminierung und für freie Entfaltung einzusetzen. Mit Wirkung: Viele deutsche Bundesländer führen Richtlinien ein, um sexuelle Vielfalt zu fördern und in den Schulalltag zu integrieren. Während diese Absichten in einigen Bundesländern, etwa Bayern, stiefmütterlich in wenigen Zeilen erwähnt werden, sticht unter anderem Berlin mit einem mehrstufigen Plan zur Selbstreflexion, Minderheitenschutz und freier Entfaltung positiv hervor. Aber die Realität sieht oft anders aus.

Maßnahmen mit wenig Wirkung

Aktuelle Studien zur Lage an deutschen Schulen zu finden, ist gar nicht so einfach. Da ist sie wieder, die Stille. Aber die aktuellsten Berichte zeichnen ein düsteres Bild. So hat der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) die deutschen Stimmen der im Mai 2020 von der EU-Grundrechteagentur (FRA) veröffentlichten LGBTI-Umfrage herausgerechnet.

Von 16.000 Befragten gaben 62 Prozent an, an ihrer Schule ungeoutet zu sein. Die Gründe sind schmerzlich vertraut: Fast die Hälfte wurde während ihrer Schulzeit beleidigt, bedroht oder lächerlich gemacht, 60 Prozent erlebten oft oder manchmal negative Kommentare und Verhaltensweisen. 77 Prozent gaben außerdem an, dass LGBTI-Themen in der Schule nicht behandelt wurden.

Das ist nicht weiter verwunderlich. Denn die deutschen Bildungsministerien klopfen sich lieber mit Richtlinien auf die Schulter, als echte Veränderung anzustoßen.

Denn Richtlinien sind eben genau das – Wegweiser, denen man folgen sollte, aber nicht muss. So zeigt eine 2017 veröffentlichte Befragung von LGBTI-Lehrkräften, dass es 74,4 Prozent der Befragten von der Schulleitung freigestellt war, ob und wie sie sexuelle Vielfalt in den Unterricht einbeziehen.

Nur 12,2 Prozent fühlten sich dabei ermutigt, bezüglich LGBTI-Themen Weiterbildungen zu besuchen. Eine weitere Umfrage aus demselben Jahr, die Lehrkräfte aus Berlin heranzieht, beschreibt die Folgen dieser Politik: Fast alle befragten Lehrkräfte bekommen queere Diskriminierung im Schulalltag mit, aber nur 27 Prozent schreiten angemessen ein. 61 Prozent benutzen nie Unterrichtsmaterialien, in denen queere Menschen vorkommen.

Echte Hilfe statt homöopathische Richtlinien

Wir sind also wieder im Jahr 2006. Eine Bildungswüste brach jeglicher Aufklärung, Positivbeispiele wie geoutetete Lehrkräfte sind Fata Morganas und Schüler stecken aus Angst vor Diskriminierung den Kopf in den Sand, während die Regierung das Thema nur auf dem Papier ernst nimmt. Und das, obwohl statistisch in jeder Schulklasse mindestens eine queere Person sitzt. Also alles schwul, äh, scheiße?

Erstmal sollte man nicht die Lehrkräfte selbst verurteilen. Denn desaströse Personalnotstände enden in knappen Zeit- und Lehrplänen, die kaum Luft für extracurriculare Themen, geschweige denn Fortbildungen lassen. So merkt es Laura Becker vom Bundesverband Queere Bildung e.V. an.

Solange die Regierung das Problem mit homöopathischen Richtlinien behandelt, wird sich daran auch nichts ändern. Kleine Oasen der Vielfalt – etwa eine Arbeitsgruppe in Berlin-Lichterfelde, wo sich queere Jugendliche gegenseitig den Rücken stärken – sind Initiativen der Schüler, nicht der Schulleitung oder des Bildungsministeriums.

In Zeiten einer erstarkenden AfD, die Antidiskriminierungsgesetze und die Ehe für alle an den Pranger ihrer populistischen Politik stellt, ist das nicht mehr genug. Die von rechts oft zitierte „Neutralität der Schulen“ heißt nicht, bei Diskriminierung und Leid stumm zuzusehen. Stattdessen muss sexuelle Vielfalt auf vielen Ebenen fest in den Lehrplan integriert werden – etwa, indem im Englischbuch zum Thema „Family“ neben Bildern von Mama und Papa auch zwei Papas oder zwei Mamas auftauchen. Das ist für die Lehrkraft kaum Aufwand, schafft aber Normalität.

Diskussionsrunden mit Betroffenen, die über die Folgen von Diskriminierung aufklären, besser geschulte sowie unterstützte Lehrkräfte und eine aussagekräftigere Behandlung des Themas in Sexualkunde oder Ethik täten ihr Übriges. Das wird aber nur passieren, wenn die Bundesregierung queere Minderheiten an Schulen endlich ernst nimmt, sowie Zeit und Geld investiert, damit sich Kinder nicht mehr minderwertig fühlen und jahrelang verstecken müssen.

In der erwähnten UNESCO-Bildungskonferenz war vom deutschen Bundesbildungsministerium übrigens niemand anwesend. Keine Antwort, wie man sagt, ist manchmal eben doch eine Antwort.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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