Drinnen & Draußen

Rivalen der Rennbahn

Hockenheim im Hobbykeller: Ohne das richtige Feingefühl im Daumen war das Rennen schon gelaufen, und das Auto trug es aus der Spur. Mittlerweile sind Carrera-Bahnen ferngesteuert, aber das Retro-Gefühl ist geblieben. Eine Hommage zum 50. Geburtstag

Maurice Summen
5 Min
Feiert ihren 50.Geburtstag: die Carrera-Bahn.

Feiert ihren 50.Geburtstag: die Carrera-Bahn.

© imago stock&people Lizenz

Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, ob es mein eigener Wunsch war oder der meines Vaters, aber in meinem achten Lebensjahr bekam ich zu Weihnachten eine Carrera-Bahn geschenkt. Meine Eltern entschieden sich für das Modell Carrera 124. An der Seriennummer kann der Carrera-Kenner den Maßstab ablesen.

Die Carrera-Bahn im Spielkeller des Einfamilienhauses hatte also den Maßstab 1 zu 24. Sie war in der Mitte des Kellerraums auf bräunlichem Fliesenboden aufgebaut und jeden Abend, wenn mein Vater von der Arbeit kam, fuhren wir dort um die Wette unsere Runden. Mit meinem zweieinhalb Jahre jüngeren Bruder hingegen war es ziemlich nervtötend, Carrera-Rennen zu fahren, denn Lars hielt – ohne das richtige Gefühl im Daumen für den Geschwindigkeitsregler an der Fernbedienung – sein Fahrzeug keine Minute lang in der Spur. Nach wenigen Minuten gab er aber sowieso auf, und ich freute mich, wenn sensiblere Nachbarskinder zu mir in den Rennkeller kamen. Und jeden Abend wartete ich auf die Rückkehr meines Vaters. Er konnte noch so erledigt von der Arbeit sein: Er schlug mir nie ein Rennen aus.

Am Anfang hatte meine Bahn einen einfachen Parcours ohne großen Schnickschnack. Im Laufe der folgenden zwei Jahre aber standen auf meinen Wunschlisten nur noch Carrera-Artikel: Bahnerweiterungs-Sets mit schrägen Kurven, der Rundenzähler, die Tribüne mit maßstabsgetreuen Zuschauern, das Boxenstopp-Set mit Mini-Schraubschlüssel und Ersatzreifen mit unterschiedlichen Profilen.

Und obwohl es zu der Zeit (die frühen Achtzigerjahre) schon Modelle aus den sogenannten Servo-Serien gab, die lenkbar sind und, anders als meine Bahn, sogar die Spur wechseln können, war ich in den zwei Carrera-Jahren meines Lebens überglücklich. Für nichts in der Welt hätte ich diese Bahn eintauschen wollen.

In diesem Jahr nun feiert Carrera seinen 50. Geburtstag, in stabilem Zustand. Dem deutschen Spielzeughersteller Neuhierl, der die Marke Carrera in den frühen Sechzigerjahren nach amerikanischem Vorbild weiterentwickelt hatte, ging es in den Achtzigern wegen der ersten Heimcomputer und Telespiele wirtschaftlich so schlecht, dass er Konkurs anmelden musste. Heute gehört Carrera zur Nürnberger Spielzeugfirma Stadlbauer, die ihren Hauptsitz im österreichischen Salzburg hat.

Analoge Renner in der digitalen Zeit

Meine geliebte Carrera-124-Serie wurde zwischenzeitlich eingestellt, später unter dem Namen Carrera Exklusiv wieder vertrieben und trägt heute den Namen „Carrera Digital 124“. Natürlich: Die Digitalisierung der Welt hat auch vor der Carrera-Bahn keinen Halt gemacht. Heute können vier chipgesteuerte Fahrzeuge gleichzeitig auf der Bahn entlangsausen und rasante Überholmanöver unternehmen.

Ebenfalls irgendwie klar: Die ewig sportinteressierten Herrschaften hinter der Aufputschlimo Red Bull haben auch längst ihre Finger im Carrera-Geschäft. So kann man exklusiv die maßstabsgetreuen Team-Red-Bull-Formel-1-Wagen und ihre Topfahrer Sebastian Vettel und Mark Webber im Spielzimmer gegeneinander antreten lassen. Auf der Carrera-Homepage findet sich ein Link direkt ins Red-Bull-Universum.

Natürlich kann man sich auf Youtube auch vor Carrera-Amateurfilmen längst nicht mehr retten. Und es sind meist nicht etwa Kinder oder Jugendliche, die dort ihre Fahr-Erfolge ins Netz stellen, sondern Erwachsene, die jedes Detail ihrer Bahn stolz abfilmen und kommentieren. Komplette Rennen sind dort zu finden, mit dramatischer Musik unterlegt. Bevorzugt mit „The Race“ von Yello, was naheliegt und wozu es anlässlich des 50. Geburtstags einen Sonderwagen gibt: einen „Shelby Cobra 289“ mit den Yello-Musikern Dieter Meier und Boris Blank als Piloten.

Irgendwie wird man beim Blick in die Youtube-Carrera-Nerd-Welt das Gefühl nicht los, dass es die Carrera-Bahnen in dieser Form heute nur noch gibt, weil es der Wunsch der Eltern ist, diese heile, nachvollziehbare Welt zu erhalten. Nach Herstellerangaben werden heute jährlich wieder über 300 000 Bahnen in Deutschland verkauft.

Ich würde nicht im Traum darauf kommen, meinen Kindern heute eine Carrera-Bahn zu schenken. Warum nicht? Der Wunsch wurde nie geäußert. Andererseits: Sollte ich sie mit meinem eigenen Kindheitstraum vielleicht einfach überrumpeln? Ich weiß nicht einmal mehr genau, was eigentlich aus meiner Carrera-Bahn geworden ist. Ich kann mich nur noch erinnern, dass nach der Bahn eine Tischtennisplatte im Keller stand, an der ich mich Abend für Abend mit meinem Vater abreagierte.

Ja, was wird wohl in der Zukunft aus der guten alten Modellwelt im Maßstab von irgendwie zu irgendwas? Was ist die maßstabsgetreue, materielle Modell-Welt gegen die endlosen Spielmöglichkeiten in der Virtualität?! Obwohl: Meine Tochter und ihre Freundinnen lieben das Spiel mit maßstabsgetreuen Schleich-Modellen (zu 99 Prozent Pferde). Und die Playmobil-Phase davor war auch nicht ohne. Und bei ihren Freunden habe ich auch schon die „Star Wars“-Edition von Lego gesehen. Der Todesstern, maßstabsgetreu!

Aber sagt man nicht gerade auch der Automobilindustrie nach, dass sie sich Sorgen um den Nachwuchs machen muss? Oder ist das nur im urbanen Raum so? Und wie steht es um die Modelleisenbahnen? Kann nicht wenigstens eine maßstabsgetreue S-Bahn pünktlich durch die Berliner Kinderzimmer flitzen?

Und vielleicht lässt sich Carrera ja auch mittel- bis langfristig vollständig an die Virtualität und ihre Computeroberflächen andocken? Oder die Virtualität ein Stück weit in die Modellwelt zurückholen. Holodeck hieß das immer auf dem Raumschiff Enterprise. Also mit der Familie und Freunden auf dem Holodeck zurück in die Zukunft zu meinem alten Carrera-Bahn Modell 124? Ich wäre so weit.

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