Selbstverständlich soll der Kühlschrank ins Internet gehen und neue Milch per E-Mail bestellen. Dieses Versprechen kommt in fast allen Visionen von der digitalen Vernetzung vor, doch damit nicht genug: Wenn die Häuser erst „smart“ sind, sollen Fernsehbilder, Filme, E-Mails und Fotos auf Spiegel, Wohnzimmerwände oder andere Oberflächen projiziert werden, frisch heruntergeladen aus der Datenwolke.
Die Hintergrund-Musik wird von Plattformen wie Spotify gestreamt, und wenn das „Internet der Dinge“ erst Wirklichkeit geworden ist, kommunizieren sogar die Stromzähler mit dem Kraftwerk, um den günstigsten Tarif für den Trockner zu errechnen. So wurde sie zumindest bisher ausgemalt, die Idee von der schönen Online-Zukunft. Technisch ist das auch weiterhin alles machbar – die Frage ist, ob es für die meisten Kunden auch bezahlbar sein wird.
Fast alle Kunden betroffen
Die Aufregung darüber, dass die Telekom neue Tarife für DSL-Anschlüsse eingeführt hat und dabei wohl ab 2016 das Datenvolumen beschränken wird, hält an. Der Grund dafür ist, dass die Telekom mit grundlegenden Prinzipien bricht, die bisher prägend für die Entwicklung des Internets waren.
So galt bislang stets als Prämisse, dass die Preise für immer leistungsfähigere Zugänge immer weiter sinken und darum immer mehr Nutzer darüber verfügen können. Nach dem Willen der Telekom muss nun aber der Kunde für Geschwindigkeit und Volumen draufzahlen. Ein DSL-Anschluss etwa mit einer Geschwindigkeit von 16 Megabit pro Sekunde soll nach dem Verbrauch von 75 Gigabyte gedrosselt werden auf Schneckentempo und nur gegen zusätzliche Gebühren wieder normal schnell laufen. Die Telekom beteuert zwar, nur wenige Nutzer würden davon betroffen sein. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein.
Zeit Online berichtet über den Technik-Blogger Carsten Knobloch, dem die E-Mail eines Telekom-Insiders vorliegt. Dieser hat eine Rechnung angestellt: Der durchschnittliche Nutzer verbrauche heute 20 Gigabyte im Monat. Prognosen gehen von einer Vervierfachung des Verbrauches bis 2016 aus. Das wären 80 Gigabyte – genug, um die Drosselung auszulösen. 90 Prozent aller Kunden werden betroffen sein, schätzt der Insider. Und nicht alle werden sich Zusatzpakete nachkaufen wollen oder können.
Ein anderes Grundprinzip lautete, dass alle über das Netz verschickten Daten gleich sind und deshalb alle Anbieter gleiche Chancen auf dem Markt haben. Dieses Prinzip der sogenannten Netzneutralität steht schon länger unter Beschuss, die Telekom scheint es nun endgültig begraben zu wollen.
Zum einen will sie Daten, die über eigene Angebote wie die Entertain-Plattform laufen, nicht auf die Volumenbeschränkung anrechnen. Dazu müsste sie identifizieren, welche Daten zu welchem Absender gehören, und würde sie nicht mehr neutral behandeln. Datenschützer warnen, dass dieser Tabubruch Überwachungsmaßnahmen den Weg bahnen könnte. Vor allem aber verzerrt dies den Wettbewerb.
„Filme in HD-Qualität gucken – und dabei Daten sparen!“ könnte ein Werbespruch für den Telekom-eigenen Dienst Videoload lauten. Ein klarer Nachteil für Mitbewerber wie Lovefilm, Maxdome oder Watchever, bei deren Nutzung der Kunde sein Daten-Guthaben verbraucht.
Google zahlt Wegezoll
Die Telekom will aber nicht nur mehr Geld von den Anschlussinhabern kassieren, sondern auch von Unternehmen, die Angebote einspeisen. Sie sollen sich vom Datenmakel freikaufen und so dafür sorgen, dass die Videos von Youtube oder die Musik von Spotify bevorzugt transportiert werden. Ein milliardenschweres Unternehmen wie Google wird den digitalen Wegezoll ohne größere Schwierigkeiten berappen können.
In Frankreich scheint es ein ähnliches Abkommen mit dem Provider Orange längst zu geben, wie Stéphane Richard, Chef der France Télécom, kürzlich in einem Interview verraten hat. Für Deutschland kann sich Google ein ähnliches Abkommen vorstellen, ist aus Unternehmenskreisen zu hören. Kleinere Unternehmen dürften so etwas dagegen zweimal durchrechnen – und datenintensive Angebote im Zweifel gar nicht erst auf den Markt bringen.
„Das Ende des Internets wie wir es kennen“, warnt der Grünen-Politiker Malte Spitz. Sein Namensvetter Malte Götz, ein 18 Jahre alter Abiturient aus Düsseldorf, hat auf der Politik-Plattform Change.org eine Petition gestartet und dem Telekom-Vorstandsmitglied Niek Jan van Damme am Donnerstag in Berlin öffentlichkeitswirksam mehr als 130.000 Unterschriften gegen die neue Tarifstruktur übergeben.
Wirkung scheint der Protest bisher aber noch nicht zu zeigen. Die Telekom begründet den Preisanstieg mit den immensen Kosten für den weiteren Ausbau der Netze. Der würde tatsächlich mit Dutzenden Milliarden zu Buche schlagen, wenn die Telekom flächendeckend Glasfaserleitungen bis in die Haushalte verlegen lassen würde. Das wäre dringend notwendig, da die Kupferleitungen an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Doch massive Investitionen scheinen nicht unmittelbar geplant zu sein.
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