Das Gefühl, dass dieser Abend ein Missverständnis ist, beschleicht einen nach 15 Minuten. Christoph Franken, der unverwechselbare Brocken und fiebrige Verstellungskünstler, ist bereits durch verschiedene Rollen gerobbt, womit er auch die verschiedenen Realitätsebenen auffächern soll, durch die sich dieser Abend schraubt.
Zunächst begrüßte er das Publikum als jener algerische Junge, der einmal war, bevor er 1983 seine Jugend zu dem Erfolgsroman „Tee im Harem des Archimedes“ machte. Dann las er aus eben diesem Buch die Passage, in der seine Hauptfigur Madjid erklärt, wie er in dem Pariser Banlieue der 70er Jahre zu einem willenlosen Niemand wurde. Und dann hört man aus Franken die Stimme des heute 38-jährigen Regisseurs Nuran David Calis, der sich in Charef und Madjid selbst erkennt.
„Ich hatte in den 80ern ein ganz ähnliches Problem“, behauptet Frankens Calis und beginnt, die Türkei jener Zeit zu erklären und wie seine türkisch-armenischen Eltern Istanbul aus Angst verließen. Calis wuchs in Bielefeld auf, ohne sicheres Bleiberecht. Eine Sorge, die Madjids Familie allerdings nie kannte, denn in den 1960ern wurde sie mit großen Versprechungen nach Frankreich gelockt. Als die Arbeitslosigkeit siegte, wurde die Armut zur größten Angst im Betonviertel − für Araber wie Franzosen. Hier beginnen die Missverständnisse des Abends, denn was ist „ähnlich“ an beiden Geschichten?
In seiner Romanvertheaterung blendet Calis Biografien, Probleme und Jahrzehnte ineinander, die weniger miteinander zu tun haben, als behauptet. Dennoch knüpft er eifrig an der einen großen „Migranten“-Kette und lässt die Sozialgeschichte der Gastarbeiter von einst direkt in die rechtlose Lage Asyl suchender Flüchtlinge heute münden. Der Rückgriff auf seine eigene Biografie ist so nur der Beginn einer doku-fiktiven Irrfahrt ins diffus Voraufklärerische, wie es niemand braucht.
Hauptkunstgriff dafür ist die Besetzung der nachzustellenden Romanszenen mit echten Asylsuchenden. Und so setzt Christoph Franken bald Ibrahim Balde und Ketan Bhatti Perücken auf, unter denen sie die Helden Madjid und Pat mimen sollen. Doch auch ihr widerwilliges Rollenspiegelspiel funktioniert in keiner Weise. Denn Ibrahim ist kein Madjid, der längst genug hat von all den leeren Versprechungen Frankreichs und nur noch ziellos, klauend, hurend durch Paris tourt. Ibrahim ist ein hoffender Flüchtling aus Guinea, der noch alles tun würde, um ein Asyl zu erreichen.
So pendelt Calis Konstellation auf der schäbig-schönen Betonbaubühne von Irina Schicketanz sinnlos hin und her zwischen der Milieugeschichte aus den 70ern und einem Manifest für Flüchtlingsrechte, das direkt vom Camp auf dem Oranienplatz herüber geweht sein könnte. Wie wichtig wäre etwas Intelligentes dazu auf dem Theater! Hier aber müssen die armen (Selbst)Darsteller den Migranten-Asylanten-Brei allein auslöffeln.
Tee im Harem... 12., 24.2.; 11., 25.3. DT-Kammerspiele, Tel.: 28441225
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