„Lots of Pictures – Lots of Fun“

Die sensationell dynamische Aura Paolozzis

Die Austellung des Pop-Art-Begründers überzeugt in der Berlinischen Galerie.

Irmgard Berner
5 Min
Pop Art Redefined (1971).

Pop Art Redefined (1971).

© Paolozzi Foundation/VG Bild-Kunst

Der Ausruf „Bunk!“ steht schwarz und dynamisch auf dottergelbem Grund. Den Schriftzug kann nur der Ellenbogen eines Muskelmannes aufhalten. Im Leopardenhöschen und mit Six-Pack-Bauch schwingt der einen Ami-Schlitten in der Luft, während in der Bildmitte ein Phallus aus einer uterusförmigen Sprechblase ragt, in der sich ein Pin-up-Girl räkelt. Am unteren Bildrand wogt eine blaugetupfte Welle auf dem Papiergrund der Collage aus Comic und Werbung.

Bunk! wurde so zum Ausruf der Stunde, als nämlich der britische Bildhauer und Grafiker Eduardo Paolozzi in London gleichsam die Pop Art aus der Taufe hob. Bei einer Vortragsreihe, die, so ist überliefert, die Independent Group im Frühjahr 1952 organisierte. Das war eine Vereinigung junger Künstler wie Richard Hamilton oder Nigel Henderson, die Paolozzi mitbegründet hatte. Er war auch der erste Redner.

Ausstellungsstücke entfalten sensationelle Aura 

Viel geredet wurde zwar nicht, nur wenige Gäste waren anwesend. Der Abend jedoch ging in die Annalen der Kunstgeschichte als Bunk!-Vortrag ein. Paolozzi hatte ein Epidiaskop herangeschleppt und warf damit Collagen und Skizzen an die Wand: Autowerbungen, billige Science-Fiction-Titel verschnitten mit Pin-up-Girls, Coca-Cola, Robotern. In schneller Abfolge tauchten laut Augenzeugen knallige Farben und Bilder auf, „peng, peng, peng – ohne erkennbare Ordnung oder logische Verbindung“, begleitet von Paolozzis Grunzen, Seufzen, schwerem Atmen.

Der 1924 in Leith (Edinburgh) geborene schottische Grafiker und Bildhauer Eduardo Paolozzi prägte und überwand die britische Pop Art. Das Foto ist von 1962.

Der 1924 in Leith (Edinburgh) geborene schottische Grafiker und Bildhauer Eduardo Paolozzi prägte und überwand die britische Pop Art. Das Foto ist von 1962.

© ©Ulrich Mack

Nun hängt die komplette Bunk!-Serie in der großen Eduardo-Paolozzi-Ausstellung in der Berlinischen Galerie. Sensationell, welche Aura diese kleinen Originale heute noch entfalten mit ihren Rissen, Flecken und Fingerabdrücken. Der „Ausstieg aus dem Bild“ war vollzogen, die größte Grenzüberschreitung und Errungenschaft der Pop Art. Die Serie charakterisiert zugleich die Spielfreude dieses respektlosen Kunst-Experimentierers, dessen Künstlerleben auf den Trümmern der grauen Kriegsjahre begann.

Unersättlicher Appetit auf experimentelle Formen

Als Kind italienischer Einwanderer 1924 in Schottland geboren, sammelte Paolozzi früh alles an Bildchen, was er aus den kargen Konsumgütern der elterlichen Eisdiele ergattern konnte. Die politischen Ereignisse führten jedoch zu Gefangennahme und Tod des Vaters, auch die eigene Inhaftierung war prägend.

Auf all dem gründete Eduardo Paolozzi das Fundament eines neuen Lebens, mit unersättlichem Appetit auf experimentelle Formen, Verfahren und Bildfindungen. Er studiert Kunst, nutzt die Codes der Massenkultur und Industriegesellschaft. Skulpturen und Grafiken entwickelt er an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Bald bringt ihn sein Ruf als einer der ideenreichsten und überraschendsten Künstler Großbritanniens zur Venedig Biennale, zur Documenta und auch nach Berlin.

Inspiration von Picasso

Die Collage bleibt sein modus operandi: „Modern experience is one big collage“, fand er, die moderne Erfahrung sei eine einzige große Collage. Sich auf einen Stil festlegen zu lassen, lehnte er indes vehement ab. Schon im ersten Raum der chronologisch eingerichteten Schau zeigt sich die Gleichzeitigkeit seiner divergenten Arbeitsweisen: die Bunk!-Collagen zum einen, von den Surrealisten beeinflusste Zeichnungen gegenüber sowie Skulpturen aus Gips und Beton.

Auswahl von Paolozzis Werken

Bunk: Evadne in Green (1951 - 1972)

Bunk: Evadne in Green (1951 - 1972)

© Paolozzi Foundation/VG Bild-Kunst

His Majesty the Wheel (1958–1959).

His Majesty the Wheel (1958–1959).

© Trustees of the Paolozzi Founda

As is When: Wittgenstein in New York (1965).

As is When: Wittgenstein in New York (1965).

© Paolozzi Foundation/VG Bild-Kunst

Parrot (1964).

Parrot (1964).

© Trustees of the Paolozzi Founda

Pop Art Redefined (1971).

Pop Art Redefined (1971).

© Paolozzi Foundation/VG Bild-Kunst

Bei einem Paris-Aufenthalt 1947-49 war er Tristan Tzara, Giacometti, Hans Arp begegnet, einige Zeichnungen sind von Picasso inspiriert. Zurück in London gründete Paolozzi bald die Firma Hammer Prints Ltd mit Nigel Henderson, für Tapeten- und Dekordrucke.

Image als Massenmedium für die Kunst

Kommerziell wenig erfolgreich, erlaubt sie ihm jedoch, mit industriellen Prozessen für seine Druckgrafiken zu experimentieren. Wie radikal er auch in der Skulptur mit Traditionen brach, zeigt sich an den Köpfen und brutalistischen Bronzeplastiken, die Paolozzi ab den 50er-Jahren entwickelt. Die Oberflächen sind anfangs verschmort, erodiert, wie kriegsversehrt. Später verwendet er industriell vorgefertigte Elemente, die Hüllen sind glatt, teils verchromt. Der Avantgardist Paolozzi galt als der Antipode von Henry Moore, dem Klassiker der Moderne.

Auch in der Druckgrafik ging Paolozzi neue Wege. Ähnlich wie Andy Warhol ist er fasziniert vom Siebdruck und von der Idee, das Image als Massenmedium für die Kunst zu nutzen. 1972 bringt er auch die Bunk!-Serie als Siebdrucke heraus, die hier wie Wimmelbilder wirken.

Bunte Ausstellungshallen geben adäquaten Rahmen

Gegenüber hängt das Bild „Pop Art Redefined“, comic-haft mit grinsendem rosa Elefanten und einer Dose Campbell-Soup. Es ist das sarkastische, titelgebende „Lots of Pictures – Lots of Fun“, mit dem Paolozzi 1971 die Pop Art für sich zu Grabe befördert. Hätte er, der 2005 in London starb, Zugang zu Live-Ticker und Youtube gehabt, er hätte sie wohl begeistert genutzt. Das lässt ein Film vermuten, der in einer weiteren Halle läuft: Technische Objekte und Grafiken sind akribisch montiert und mit Klangcollagen unterlegt.

Der Tatsache, dass Eduardo Paolozzi auch in Berlin seine Spuren hinterlassen hat, widmet die Berlinische Galerie einen ganzen Raum. Als DAAD-Stipendiat hatte er 1974/75 ein Atelier am Kottbusser Damm bezogen. Diese Zeit nannte der Künstler die fruchtbarste seines Lebens. Optisch verbunden wird diese Schau durch Farbbalken in Pink, Orange und Himmelblau. Sie ziehen sich wie Rallye-Streifen über die weißen Wände der Ausstellungshallen und geben diesem so überbordenden Werk den adäquaten dynamisch frischen Rahmen.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128. Mi–Mo 10–18 Uhr. Bis 25. Mai

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