Ertappt! Der Kollege hat es zugegeben, von sich aus, ohne Hemmung, ja, sogar mit einer spürbaren Erleichterung. Er sagt, ihm gehe es ebenso wie dem anonymen Einsender dieses Spleens: „Beim Einkaufen greife ich nie nach der ersten Verpackung im Regal. Es muss mindestens die Zweite sein. Ich mag den Gedanken nicht, dass jemand anderes bereits an meinem Duschgel gerochen hat.“
Dieses harmlose Bekenntnis ist die aktuelle Ober-Macke auf der Internetseite Spleen 24. Über tausend Personen bekennen sich zu diesem Spleen, sie haben den Button „Ich auch!“ geklickt. Die Internetseite existiert noch nicht mal einen Monat und schon schauen sie täglich etwa 2000 Menschen an. Und etwa 50 schildern dort täglich ihre merkwürdigen Verhaltensweisen, all die kleinen Marotten und schrulligen Alltagsmacken, von denen man sich bekanntlich nur schwer lösen kann. „Ich war total überrascht, dass die Leute die Seite ernst nehmen“ sagt Christian Brandes.
Vorsätze zum Jahreswechsel
Der 31-jährige Blogger aus Prenzlauer Berg hat ein Gespür für Skurrilitäten. Vor vier Jahren schuf er das Internetportal Spiegel offline, das heute Schlecky Silberstein heißt. Dort präsentiert Brandes jeden Tag die absonderlichsten Botschaften, Videos und den bizarrsten Unsinn, der im Internet auftaucht. Brandes sagt, er bekomme immer wieder Mails von Leuten, denen ein kleiner Beitrag auf seiner Seite den Tag gerettet habe. Ganz ähnlich ist es auch bei Spleen 24.
Zu Silvester, erzählt Brandes, habe er sich mal wieder mit all den guten Vorsätzen beschäftigt, die man sich so vornimmt im neuen Jahr – und dann doch nicht einhält. „Diesmal sollten es keine großen Vorsätze sein“, sagt er. „Ich wollte eher nur kleine Dinge ändern.“ Etwa ein paar Spleens ablegen. Denn auch Brandes, der bis vor kurzem noch als Werbetexter einer Berliner Agentur arbeitete, hat Spleens. „Wenn ich nervös bin, zupfe ich mir Haare aus der Nase“, sagt er. Und er bleibe auf öffentlichen Toiletten so lange in der Kabine, bis keiner mehr im Raum sei. „Ich will nicht, dass mich jemand sieht“, sagt er.
Mit Freunden entwickelte er die Idee, dass jeder seine Spleens veröffentlichen könne, ohne seinen Namen zu nennen. „Ohne Anonymität funktioniert sowas nicht, denn es sind doch sehr intime Dinge, die man nicht mal seinen Vertrautesten erzählt.“
Seit Mitte Januar ist Brandes Blog online. Man liest von Menschen, denen schlecht wird, wenn sie kleine Löffel sehen, oder die darauf achten, dass die Kordeln im Kapuzenpulli immer gleich lang sind. Jemand muss Kugelschreiber immer zumachen, es mache ihn verrückt, wenn ein ungebrauchter Stift offen herumliegt. Ein anderer kann nur auf dem Bauch einschlafen, mit der rechten Hand unter dem Kissen, zur linken Seite gedreht und der Decke bis zum Hals gezogen.
Wenige Zwangsneurosen, viele sanfte Eigenarten
Brandes sagt, es gebe ein breites Spektrum an Spleens. „Meist sind es kleine sympathische Dinge und sanfte Eigenarten.“ Es gebe aber auch extreme Besonderheiten. Jemand schreibt, er müsse immer ein körperlicher Gleichgewicht herstellen. Verletze er sich an der einen Hand, müsse er sich auch an der anderen verletzen. Es melden sich aber nur wenige Menschen mit Zwangsneurosen. Diese leiden erheblich unter ihrem Zwang und können kein normales Leben führen. Hingegen beeinträchtigen kleine Macken nicht den Alltag.
Jeden zugesandten Eintrag liest Brandes, bevor er ihn veröffentlicht. In vielen Beschreibungen geht es um Körperhygiene und Gewohnheiten auf der Toilette. Jemand schreibt: „Die Klopapier-Rolle muss immer so hängen, dass man das Papier nach vorne hin abrollen kann. Finde ich irgendwo ein ,falsche’ Rolle, drehe ich sie um. Hier bei uns im Büro-Klo bin ich ständig am korrigieren… wahrscheinlich gibt es hier jemanden mit einem ,Klorolle-nach-hinten-abrollen’-Spleen.“
Viele haben einen Tick mit Zahlen, meist mit ungeraden, manche hören Radio nur auf geraden Frequenzen. Einer verrät, er müsse immer husten, wenn er sich ein Wattestäbchen ins Ohr stecke, das passiere aber nur beim rechten Ohr.
Bei all dem Spaß, den das Lesen der spleenigen Bekenntnisse bereitet, wirken die anonymen Geständnisse gleichzeitig enttabuisierend. „Man kriegt ein Gefühl, dass man normal ist“, sagt Christian Brandes. Denn wenn jetzt schon über tausend Menschen zugeben, beim Einkaufen nie die erste Packung aus dem Regal zu nehmen, dann wird aus einem schönen Spleen doch schon fast schon eine schnöde Tat.
Alle Macken im Internet unter spleen24.tumblr.com
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