Die SMS, die Rudolf Petroll am 28. September 2001 von seinem Sohn erhält, klingt beruhigend: "Mir geht es gut, es ist alles okay. Lars." Einen Tag später ist der 32-jährige Lars Oliver Petroll tot. Ein Pilzsammler findet ihn morgens kurz nach neun erhängt an einer Eiche im Grunewald. Der Fundort liegt an einem Waldweg im Jagen 59. Wer der Tote ist, weiß die Polizei zunächst nicht. Der Mann hat keine Papiere bei sich. Für die Beamten sieht alles nach einem Selbstmord aus. Kampfspuren sind nicht zu finden. Besonders gründlich suchen die Polizisten den Fundort aber nicht ab. Erst am nächsten Tag stoßen die Ermittler bei einer erneuten Begehung auf drei durchtrennte Reste des Kunststoffseils in der Nähe der Eiche. Aber Werkzeug, mit dem das Seil hätte durchschnitten werden können, entdecken sie nicht. Stutzig macht das offenbar niemanden. Bei einer Obduktion des Toten am 4. Oktober stellt der Rechtsmediziner Volkmar Schneider fest, dass es keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden gibt. Das Ermittlungsverfahren wird am 15. Oktober eingestellt.Dass es sich bei dem Erhängten um den vielleicht wichtigsten Zeugen im Bankenskandal handelt, um den ehemaligen EDV-Chef der Unternehmensgruppe Aubis, erfahren die Ermittler erst Ende November - als sie endlich einer Vermisstenanzeige des Vaters nachgehen. Daraufhin nimmt eine Mordkommission die Ermittlungen wieder auf.Mit dem Namen Aubis verbindet sich der Beginn des Bankenskandals. Im Februar 2001 wurde bekannt, dass die beiden Aubis-Chefs, die früheren CDU-Politiker Klaus-Hermann Wienhold und Christian Neuling, 1995 dem damaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden und Vorstandschef der Berlin Hyp, Klaus-Rüdiger Landowsky, 40 000 Mark bar übergeben hatten. Zeitnah zu dieser Spende an Landowsky, die nicht verbucht wurde, hatte Aubis Kreditzusagen von der Berlin Hyp erhalten - bis September 1999 beliefen sich diese auf 700 Millionen Mark. Aubis kaufte rund 14 000 Plattenbauwohnungen in den neuen Ländern und wollte sie sanieren. Die Rechnung ging aber nicht auf, Aubis geriet wirtschaftlich in Bedrängnis. Die Bank ließ Aubis jedoch nicht in die Insolvenz gehen, sondern übernahm die Bewirtschaftung der Plattenbauten durch eigene Tochterunternehmen. Dieses Immobiliengeschäft trug zur Schieflage der Bankgesellschaft bei. Lars Oliver Petroll war seit Frühjahr 1998 bei Aubis. Er nutzte seine Position offenbar, um heimlich Kopien bedeutsamer, möglicherweise belastender Daten zu machen. Als die Bankenaffäre im Frühjahr 2001 Stadtgespräch in Berlin ist, sind Informationen über Aubis von besonderem Interesse. Lars Oliver Petroll fühlt sich zunehmend bedroht, berichtet sein Vater. Irgendwann im Juni erscheint der 32-Jährige nicht mehr zur Arbeit. Er will sich mit einem Internetcafé selbstständig machen und nimmt dafür einen Kredit in Höhe von rund 50 000 Mark auf. Wenig später versucht er, aus seinem gesammelten Aubis-Material Kapital zu schlagen. Unter dem Pseudonym Schmidtmeyer bietet Petroll einem Rechtsanwalt, der für die Berlin Hyp die Übernahme der Aubis-Wohnungen begleitet hat, Informationen an. Der Anwalt vertröstet Petroll. Zwei Tage später gehen auf Petrolls Konto 10 000 Mark von Wienhold und Neuling ein. Möglicherweise hat Petroll Wienhold und Neuling erpresst. Einen Beweis dafür gibt es nicht. Nach Darstellung von Wienhold kann von einer Erpressung keine Rede sein. In einem Schreiben auf Aubis-Briefpapier an die Staatsanwaltschaft teilt Wienhold im Dezember 2001 mit, das Verhältnis zwischen Herrn Petroll sowie den Aubis-Verantwortlichen und Aubis-Mitarbeitern sei bis zum 9. Juli, als sich Petroll für einen Urlaub abmeldete, "völlig ungetrübt" gewesen. Von Juni bis zum 9. Juli habe das Unternehmen mit Petroll über die Fortdauer der Zusammenarbeit verhandelt. Ein neuer Arbeitsvertrag habe unterschriftsreif vorgelegen. "Bedauerlicherweise" habe es seit dem 9. Juli keinen Kontakt mehr zu Petroll gegeben, so Wienhold. "Von daher ergibt sich logisch, dass wir Herrn Petroll auch nicht bedroht haben können." Aus Sicht von Lars Oliver Petroll stellte sich dies anders dar, wie sich anhand der Akten rekonstruieren lässt. Aus Angst vor den Aubis-Leuten benutzte er im Sommer 2001 seine Wohnung in der Osnabrücker Straße nicht mehr, sondern übernachtete an wechselnden Orten bei Freunden. Die Pläne für sein Internet-Projekt verfolgte er nicht weiter. Das Material über Aubis versteckte Petroll an verschiedenen Stellen - unter anderem bei der Gepäckaufbewahrung am Flughafen Tegel.Aus dem geplanten Verkauf der Informationen an die Berlin Hyp wird nichts. Die Bank ermittelt indes auf eigene Initiative, wer hinter dem Pseudonym Schmidtmeyer stecken könnte und kommt zu dem Schluss, dass es sich nur um Lars Oliver Petroll handeln kann. Dies teilt sie der Staatsanwaltschaft schriftlich mit. Die Staatsanwaltschaft nimmt das Schreiben zu den Akten, mitsamt Petrolls Namen.Am 19. September erhalten die Anwälte von Wienhold und Neuling im Rahmen eines Strafverfahrens gegen die Aubis-Chefs Akteneinsicht. Dabei können sie lesen, dass Petroll mit der Gegenseite über den Verkauf seines Wissens verhandelt hat. Mehr noch: Nachdem Petroll die Reisetasche vom Flughafen Tegel nicht abholt, gelangt das Gepäckstück nach Ablauf der Aufbewahrungsfrist am 26. September über das Zentrale Fundbüro zu Aubis. Inhalt: Sicherungsbänder mit der Aufschrift Aubis und Briefe. Nun gibt es nicht nur den Beweis, dass Petroll der Gegenseite Material angeboten hat, jetzt gibt es den Beweis, dass er das Material bereits beiseite geschafft hat. Drei Tage später wird Petroll tot gefunden.Zwar übernimmt Ende November 2001 eine Mordkommission die Ermittlungen. Doch bereits Mitte Dezember legen sich die Beamten fest: "Die bisherigen Ermittlungen sprechen eindeutig für eine Selbsttötung", heißt es. Für die Staatsanwaltschaft ist der Fall am 23. Mai 2002 abgeschlossen. Sie geht von Selbstmord aus. Das Verfahren wird eingestellt.Deutliche Kritik an den Ermittlungen übt ein Strafrichter, der für den Bankgesellschafts-Untersuchungsausschuss den Fall untersucht. In einem Bericht schreibt er: Dass Teile des Seiles erst am Tag nach dem Auffinden der Leiche sichergestellt wurden, zeuge von "einer nur als schlampig zu bezeichnenden Tatortarbeit". Wenig besser sei der Umstand, dass dieser Fund nicht dazu gedient habe, die Selbsttötungstheorie in Frage zu stellen und nach DNA-Spuren an den vier Seilstücken zu suchen. Stattdessen sei zugelassen worden, dass das längste - zur Strangulation verwendete - Seilstück vernichtet wurde und somit als Beweisstück nicht mehr zur Verfügung stehe. "Tatsächlich bieten die Umstände des Leichenfundes sowohl Anhaltspunkte für eine Selbsttötung als auch für einen Mord", resümiert der Richter. Insbesondere das offenbar zerschnittene Seil spreche "für die Anwesenheit mindestens einer weiteren Person. Das zertrennte Seil zwinge dazu, das Ermittlungsverfahren wieder aufzunehmen. Der Bankgesellschafts-Untersuchungsausschuss sieht dies ähnlich. Nur die Staatsanwaltschaft nicht.Im nächsten Teil lesen Sie über den tödlichen Konkurrenzkampf der vietnamesischen Zigarettenmafia.------------------------------Die neue Serie // Alle 55,9 Sekunden wird in Berlin eine Straftat begangen. Täglich werden - statistisch gesehen - zwei Frauen vergewaltigt und alle sechs Tage ein Mensch getötet.Die spektakulärsten Verbrechen der vergangenen Jahre haben Reporter der Berliner Zeitung nachrecherchiert.Die Reportagen erscheinen gekürzt in der Serie "Verbrecher, Opfer, Tatorte - Kriminelles aus Berlin" in der Berliner Zeitung und am 1. November unter gleichem Titel als Buch im Jaron Verlag. Das Buch kostet zehn Euro.Am Freitag, 29. Oktober, um 20 Uhr stellen Autoren das Buch in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung an der Turmstraße 5 in Moabit vor. Der Eintritt ist frei.------------------------------Foto: Ein Pilzsammler findet am 29. September 2001 Lars Oliver Petroll erhängt an dieser Eiche im Grunewald. Die hier gezeigte Szene ist nachgestellt.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de