Ein Muslim für Calgary

Jörg Michel
2 Min

Multikulti gehört in Kanada zum Alltag. Im traditionellen Einwanderungsland leben mehr als 200 Volksgruppen, jeder fünfte Kanadier gehört einer farbigen Minderheit an. Immigranten haben es in Kanada bis an die Spitze des Staates gebracht, sie sitzen als Abgeordnete im Parlament oder in den Chefetagen der Wirtschaft.Naheed Nenshi, 38, hat den Minoritäten nun eine weitere Erfolgsstory beschert: In dieser Woche wurde Nenshi zum ersten muslimischen Bürgermeister einer kanadischen Großstadt gewählt. Und das ausgerechnet in Calgary, der Stadt der Cowboys und der Ölbarone. Seine Wahl ist eine Sensation. Denn die Präriemetropole gilt als eine der konservativsten Städte in Kanada. Viele Bewohner zählen sich stolz zu den "Rednecks", was man mit Bauerntrampel übersetzen kann. Nirgendwo in Kanada sind die Kirchen so einflussreich wie hier.Der charismatische Harvard-Absolvent und politische Außenseiter Nenshi hat von der verbreiteten Unzufriedenheit mit der politischen Klasse profitiert. Vor allem aber hat er sich wie kein kanadischer Politiker vor ihm der neuen Medien wie Twitter, Facebook oder Youtube bedient und damit junge Leute in Scharen zur Stimmabgabe animiert. Die Wahlbeteiligung war so hoch wie nie. Nenshis Heer von lila bekleideten studentischen Wahlhelfern hat in der Stadt eine sprichwörtliche "lila Revolution" ausgelöst.Kanadische Medien nennen Nenshi wegen seines Wahlkampfstils bereits den "Obama Kanadas". Dabei hat der Junggeselle, der noch immer zu Hause mit seiner Mutter lebt, darauf geachtet, die weiße Mittelschicht nicht zu verprellen. Er trat für niedrige Steuern und für mehr Transparenz ein und hat auf seine achtjährige Erfahrung als Unternehmensberater hingewiesen.Sein Glaube hat im Wahlkampf praktisch keine Rolle gespielt. Der Sohn tansanischer Einwanderer hat ihn nie zum Thema gemacht und ist auch nur selten danach gefragt worden. Wenn doch, hat er mit einem Lächeln geantwortet. Auch seine Gegenkandidaten haben der Versuchung widerstanden, seine Religion zum Thema zu machen.Allerdings hat Nenshi gezielt um die Stimmen der Zuwanderer geworben. Mit Sätzen wie diesen: "Ich weiß wenigstens, wie man sich mit dem Automechaniker von nebenan unterhält. Er ist mein Cousin." Das Bürgermeisteramt dürfte nicht die Endstation von Nenshis Karriere sein.------------------------------Foto: Naheed Nenshi, erster muslimischer Bürgermeister Kanadas

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