Ein Neuköllner Schulprojekt nutzt die dürftigen öffentlichen Mittel für musikalische Bildung: Singen im Problemkiez

Letzten Donnerstagnachmittag in der Aula der Otto-Hahn-Gesamtschule in Neukölln. Dreizehn Schüler, teils tief in der Pubertät oder noch davor, teils aus älteren Jahrgängen, sitzen nach sechs Stunden Unterricht auf dem Podium, abgespannt und neugierig zugleich. Vor ihnen zwei junge Frauen, die sichtbar nicht zum Lehrerkollegium gehören. Sarah Kisker, angehende Musiklehrerin, und Katharina Denninger, Sozialarbeit-Studentin, machen mit den Schülern Organisationskram. Am Wochenende soll der Schüler-Projektchor mit einem Sonderbus auf das Chor-Probenwochenende des Jungen Ensembles Berlin (JEB) fahren. Einen Tag lang werden sie mit dem JEB-Chor für die Uraufführung des Stückes "Images of Light" proben. "Es gibt auch was zu essen da, aber wenn ihr Chips wollt, müsst ihr sie euch selber mitbringen."Sarah Kisker und Katharina Denninger sind an der Schule nicht zuerst als Musik- oder Sozialpädagoginnen, sondern als Vertreterinnen des Jungen Ensembles, in dem sie beide selbst mitsingen. Vor mehreren Monaten kam der Chor erstmals geschlossen in die Schulaula und sang vor 80 bis 100 Schülern Gospels, aber auch das "Deutsche Magnifikat" von Heinrich Schütz - zur ersten Kontaktaufnahme und als Ermutigung, bei dem geplanten Projekt mitzumachen. Dazu meldeten sich daraufhin zwanzig Schüler an - eigentlich eine magere Ausbeute.Doch woher soll die Begeisterung für das Musizieren auch kommen? An der Otto-Hahn-Schule gibt es genau einen Musiklehrer für 800 Schüler. Denn Musikunterricht wird ohnehin erst ab der zehnten Klasse angeboten - wobei bereits in Grundschulen bis zu 80 Prozent des Musikunterrichts ausfallen.Mit den Ergebnissen werden die Mitglieder des JEB-Chors an der Otto-Hahn-Schule konfrontiert. Viele der Schüler im Projektchor wollen gerne Sänger werden, zum Beispiel Sebastian, ein vierzehnjähriger, scheu blickender Junge. Die Frau des schulischen Sozialarbeiters, selbst Stimmbildnerin, hat ihm einige Stunden gegeben und ihm dann, damit er die Töne treffen lernt, den Projektchor des JEB empfohlen. Sebastian kommt eher unregelmäßig zu den Proben, er will eigentlich in die RTL-Show "Das Supertalent". Die Arbeit des JEB-Chors an der Otto-Hahn-Schule zeigt, dass das Bedürfnis der Schüler nach musikalischer Betätigung bisher selbst in Berlin nicht ausgeschaltet ist. Doch fehlt es an realistischen Vorstellungen vom Musikmachen. Die Berührung mit Musik, vor allem mit ihrem Aspekt des Handwerklichen, Selbstgemachten, erfolgt nicht nur in Neukölln vor allem über RTL und Dieter Bohlen.Natürlich gibt es seit zwei Jahren den Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung, der auf Antrag die pädagogische Arbeit freier Musiker an Berliner Schulen fördert - projektweise. Dies aber, so betont der Musik-Sachverständige der Projektfonds-Jury Matthias Goldbeck-Löwe, dürfe nur ein Zusatz zu einem regelmäßig stattfindenden Musikunterricht sein und nur in die Lücke springen, die dieser Unterricht beim praktischen Musizieren immer lassen wird.Auch der JEB-Chor erhält für sein Projekt mit den Otto-Hahn-Schülern Geld aus dem Fonds, das aber längst nicht reicht. Um die für die Schüler nicht unwichtige Attraktion des Projekts zu finanzieren - eine gemeinsame Reise nach Istanbul, wo zu Ostern das zweite "Images-of-Light"-Konzert der Schüler mit dem JEB stattfinden soll -, dazu war jedoch ein noch weit höherer Betrag nötig. Diesen hat der JEB-Chor vom Goethe-Institut und vom Auswärtigen Amt bekommen.Die Istanbul-Reise des JEB-Chors ist kein bloßes Lockmittel für die Schüler, sondern erhält einen künstlerischen Sinn durch das Stück von Jeremias Schwarzer. Er hat in "Images of Light" Lieder ausnotiert und verarbeitet, die die Schüler den Mitgliedern des JEB-Chors vorgesungen haben. Am Ende werden die Texte der Lieder auf Türkisch, Arabisch und Englisch gesungen. Oft bringen Migrantenkinder aus ihren Familien ein reicheres musikalisches Repertoire in die Schule mit als ihre deutschen Altersgenossen.Der 13-jährige Abbas blickt noch etwas misstrauisch. "Weshalb kannst du eigentlich so hoch singen?" Katharina Denninger vom JEB ist auf die Frage gut vorbereitet. "Ich mache eben die Einsingübungen, zu denen du ja keine Lust hast." Vom Einsingen ist Abbas trotzdem nicht so recht zu überzeugen. "Mir wird Allah beim Singen helfen." - "Ja, aber mit meinen Übungen werde ich Allah ein bisschen unterstützen."Die Euphorisierung durch Musik lässt bei den Schülern höchstens bis zur ersten Gesamtprobe auf sich warten - das haben öffentlichkeitswirksam die Education-Projekte der Berliner Philharmoniker gezeigt. Doch in der konkreten Arbeit an der Schule - da geht es den Profimusikern nicht anders als dem engagierten Laienchor - treffen zunächst einmal Akademikerkinder auf bildungsfernen Nachwuchs.Solche Begegnungen sind für den Chorleiter Frank Markowitsch der Hauptzweck des Projekts, für die Chormitglieder sind sie nicht weniger interessant als für die Schüler. "Im Chor gibt es viele Multiplikatoren, auch angehende Politiker. Wenn die einmal die Erfahrung gemacht haben, dass man mit so einem Musikprojekt der Gettoisierung der Gesellschaft entgegenwirken kann, werden sie sich später für musikalische Bildung einsetzen." Eine solche Haltung wäre der entscheidende Unterschied zur jetzigen Situation.------------------------------Mehr als ein TrostpflasterVor zwei Wochen forderten die Berliner Chefdirigenten in einem Offenen Brief an den Bildungssenator mehr Musikunterricht an Berliner Schulen. Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrats, legte nach und nannte Berlin "in Bezug auf musikalische Bildung einen einzigen Problemkiez".Der Berliner Projektfonds für Kulturelle Bildung wird von vielen Seiten als Trostpflaster für die Musikerziehung in Berlin gesehen.Mit dem engagierten Chor des Jungen Ensembles Berlin nutzt nun erstmals ein Laienchor Mittel aus dem FondsKonzerte am 27. März, 19 Uhr, 28. März, 17 Uhr: Uraufführung von "Images of Light" von Jeremias Schwarze,in der St.-Elisabeth-Kirche, Invalidenstraße 3.------------------------------Foto: Nicht Zieren, sondern musizieren! Die Euphorisierung durch Singen lässt höchstens bis zur ersten Gesamtprobe auf sich ...

BLZ
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Letzten Donnerstagnachmittag in der Aula der Otto-Hahn-Gesamtschule in Neukölln. Dreizehn Schüler, teils tief in der Pubertät oder noch davor, teils aus älteren Jahrgängen, sitzen nach sechs Stunden Unterricht auf dem Podium, abgespannt und neugierig zugleich. Vor ihnen zwei junge Frauen, die sichtbar nicht zum Lehrerkollegium gehören. Sarah Kisker, angehende Musiklehrerin, und Katharina Denninger, Sozialarbeit-Studentin, machen mit den Schülern Organisationskram. Am Wochenende soll der Schüler-Projektchor mit einem Sonderbus auf das Chor-Probenwochenende des Jungen Ensembles Berlin (JEB) fahren. Einen Tag lang werden sie mit dem JEB-Chor für die Uraufführung des Stückes "Images of Light" proben. "Es gibt auch was zu essen da, aber wenn ihr Chips wollt, müsst ihr sie euch selber mitbringen."Sarah Kisker und Katharina Denninger sind an der Schule nicht zuerst als Musik- oder Sozialpädagoginnen, sondern als Vertreterinnen des Jungen Ensembles, in dem sie beide selbst mitsingen. Vor mehreren Monaten kam der Chor erstmals geschlossen in die Schulaula und sang vor 80 bis 100 Schülern Gospels, aber auch das "Deutsche Magnifikat" von Heinrich Schütz - zur ersten Kontaktaufnahme und als Ermutigung, bei dem geplanten Projekt mitzumachen. Dazu meldeten sich daraufhin zwanzig Schüler an - eigentlich eine magere Ausbeute.Doch woher soll die Begeisterung für das Musizieren auch kommen? An der Otto-Hahn-Schule gibt es genau einen Musiklehrer für 800 Schüler. Denn Musikunterricht wird ohnehin erst ab der zehnten Klasse angeboten - wobei bereits in Grundschulen bis zu 80 Prozent des Musikunterrichts ausfallen.Mit den Ergebnissen werden die Mitglieder des JEB-Chors an der Otto-Hahn-Schule konfrontiert. Viele der Schüler im Projektchor wollen gerne Sänger werden, zum Beispiel Sebastian, ein vierzehnjähriger, scheu blickender Junge. Die Frau des schulischen Sozialarbeiters, selbst Stimmbildnerin, hat ihm einige Stunden gegeben und ihm dann, damit er die Töne treffen lernt, den Projektchor des JEB empfohlen. Sebastian kommt eher unregelmäßig zu den Proben, er will eigentlich in die RTL-Show "Das Supertalent". Die Arbeit des JEB-Chors an der Otto-Hahn-Schule zeigt, dass das Bedürfnis der Schüler nach musikalischer Betätigung bisher selbst in Berlin nicht ausgeschaltet ist. Doch fehlt es an realistischen Vorstellungen vom Musikmachen. Die Berührung mit Musik, vor allem mit ihrem Aspekt des Handwerklichen, Selbstgemachten, erfolgt nicht nur in Neukölln vor allem über RTL und Dieter Bohlen.Natürlich gibt es seit zwei Jahren den Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung, der auf Antrag die pädagogische Arbeit freier Musiker an Berliner Schulen fördert - projektweise. Dies aber, so betont der Musik-Sachverständige der Projektfonds-Jury Matthias Goldbeck-Löwe, dürfe nur ein Zusatz zu einem regelmäßig stattfindenden Musikunterricht sein und nur in die Lücke springen, die dieser Unterricht beim praktischen Musizieren immer lassen wird.Auch der JEB-Chor erhält für sein Projekt mit den Otto-Hahn-Schülern Geld aus dem Fonds, das aber längst nicht reicht. Um die für die Schüler nicht unwichtige Attraktion des Projekts zu finanzieren - eine gemeinsame Reise nach Istanbul, wo zu Ostern das zweite "Images-of-Light"-Konzert der Schüler mit dem JEB stattfinden soll -, dazu war jedoch ein noch weit höherer Betrag nötig. Diesen hat der JEB-Chor vom Goethe-Institut und vom Auswärtigen Amt bekommen.Die Istanbul-Reise des JEB-Chors ist kein bloßes Lockmittel für die Schüler, sondern erhält einen künstlerischen Sinn durch das Stück von Jeremias Schwarzer. Er hat in "Images of Light" Lieder ausnotiert und verarbeitet, die die Schüler den Mitgliedern des JEB-Chors vorgesungen haben. Am Ende werden die Texte der Lieder auf Türkisch, Arabisch und Englisch gesungen. Oft bringen Migrantenkinder aus ihren Familien ein reicheres musikalisches Repertoire in die Schule mit als ihre deutschen Altersgenossen.Der 13-jährige Abbas blickt noch etwas misstrauisch. "Weshalb kannst du eigentlich so hoch singen?" Katharina Denninger vom JEB ist auf die Frage gut vorbereitet. "Ich mache eben die Einsingübungen, zu denen du ja keine Lust hast." Vom Einsingen ist Abbas trotzdem nicht so recht zu überzeugen. "Mir wird Allah beim Singen helfen." - "Ja, aber mit meinen Übungen werde ich Allah ein bisschen unterstützen."Die Euphorisierung durch Musik lässt bei den Schülern höchstens bis zur ersten Gesamtprobe auf sich warten - das haben öffentlichkeitswirksam die Education-Projekte der Berliner Philharmoniker gezeigt. Doch in der konkreten Arbeit an der Schule - da geht es den Profimusikern nicht anders als dem engagierten Laienchor - treffen zunächst einmal Akademikerkinder auf bildungsfernen Nachwuchs.Solche Begegnungen sind für den Chorleiter Frank Markowitsch der Hauptzweck des Projekts, für die Chormitglieder sind sie nicht weniger interessant als für die Schüler. "Im Chor gibt es viele Multiplikatoren, auch angehende Politiker. Wenn die einmal die Erfahrung gemacht haben, dass man mit so einem Musikprojekt der Gettoisierung der Gesellschaft entgegenwirken kann, werden sie sich später für musikalische Bildung einsetzen." Eine solche Haltung wäre der entscheidende Unterschied zur jetzigen Situation.------------------------------Mehr als ein TrostpflasterVor zwei Wochen forderten die Berliner Chefdirigenten in einem Offenen Brief an den Bildungssenator mehr Musikunterricht an Berliner Schulen. Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrats, legte nach und nannte Berlin "in Bezug auf musikalische Bildung einen einzigen Problemkiez".Der Berliner Projektfonds für Kulturelle Bildung wird von vielen Seiten als Trostpflaster für die Musikerziehung in Berlin gesehen.Mit dem engagierten Chor des Jungen Ensembles Berlin nutzt nun erstmals ein Laienchor Mittel aus dem FondsKonzerte am 27. März, 19 Uhr, 28. März, 17 Uhr: Uraufführung von "Images of Light" von Jeremias Schwarze,in der St.-Elisabeth-Kirche, Invalidenstraße 3.------------------------------Foto: Nicht Zieren, sondern musizieren! Die Euphorisierung durch Singen lässt höchstens bis zur ersten Gesamtprobe auf sich warten

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