Ein steinerner Mann, würdestarr, verwittert und ritterlich ausgestattet mit langem Schwert, kurzer Stichwaffe und leichter Rüstung steht rechts am Eingang zum Märkischen Museum. Er sieht alt aus, mittelalterlich. Eine Bronzetafel informiert: „Der Roland von Brandenburg 1474, Kopie 1905, hergestellt für das Märkische Museum“. Er kommt also als Vertreter alter Zeiten daher und ist doch erst 113 Jahre alt.
Wer ist das und was verschafft ihm den Ehrenplatz?
Im Mittelalter stellten die Bürger vieler Städte Rolandstatuen auf und nannten ihr Gemeinwesen stolz „Rolandstadt“. Die Figur postierten sie meist an prominenter Stelle in der Nähe des Rathauses oder Marktplatzes – als Sinnbild ihrer städtischen Freiheit mit Marktrecht und eigener Gerichtsbarkeit. Das bedeutete auch weitgehende Unabhängigkeit vom hochadeligen Landesherrn. In der Regel handelte es sich um wohlhabende, prosperierende, Handel treibende Kommunen mit selbstbewusster Bürgerschaft.
Vorbild aus Brandenburg
Die Doppelstadt Berlin/Cölln gehörte im 14. und 15. Jahrhundert zu diesem Kreis. Seit 1307 trat man nach außen hin gemeinsam auf, auch um die Rechte gegenüber dem Landesherrn zu sichern. Im Rat saßen zwölf Ratsmannen aus Berlin und sechs aus Cölln. 1360 trat man dem größten Handelsverbund der Zeit bei, der Hanse. Das gemeinsame Rathaus lag an der Kreuzung Spandauer Straße/Oderberger (heute Rathaus-) Straße. Der Molkenmarkt, der größte der Stadt, befand sich in Sichtweite.
In jener Zeit tauchten die ersten Rolande auf. 1402 erwähnte die Brandenburger Stadtchronik einen hölzernen, der im Jahre 1474 durch den heute noch existierenden steinernen Roland ersetzt wurde. Berlin/Cölln hatte die Art des Stadtrechts von Brandenburg übernommen und damit wohl auch den Roland. Dass man als Hansestadt einen hatte, liegt nahe. Die Historikerin Martina Weinland, Beauftragte für kulturelles Erbe der Stiftung Stadtmuseum, vermutet, dass es zumindest einen hölzernen gab. Wie er aussah, welche Rolle er spielte, das weiß man nicht – wie man überhaupt nur wenige schriftliche Quellen aus der Frühgeschichte der Stadt hat. Waren die Stadtschreiber faul? Jedenfalls gab es etliche Brände. Man kann nur mutmaßen.
Die Sage vom Christenkrieger
Immerhin hat man Kunde von den Patriziern aus dominanten Händlerfamilien sowie den angesehenen Viergewerken – Bäcker, Tuchschneider, Fleischhauer und Schuhmacher. Beiden Gruppen war die Mitgliedschaft im Rat vorbehalten. Dass sie immer wieder um Positionen und Macht rangen, lehrt das Leben. Martina Weinland vermutet, dass das Rathaus als Fachwerkbau errichtet war. Der Berliner Roland hat wahrscheinlich dort – nahe dem Rathaus und dem Molkenmarkt gestanden.
Die Sage vom Helden Roland rührt aus der Zeit Karls des Großen. Der Frankenkönig hatte sich 778 mit seinem Heer über die Pyrenäen hinweg auf die maurisch-islamisch beherrschte Iberische Halbinsel begeben – bis vor die Mauern der Stadt Saragossa. Deren maurischer Herrscher hatte gehofft, ihn mit einem taktischen Winkelzug als Bündnisgenossen gegen seine Glaubensbrüder im Süden zu gewinnen. Karl sah eine Chance, sich auf der Halbinsel festzusetzen. Das misslang.
Auf dem Heimweg zerstörte sein Heer Pamplona, damit diese Stadt sich nicht gegen ihn erheben konnte. So erzürnte Karl die bereits christianisierten Basken dermaßen, dass sie Karls Haufen in einer engen Pyrenäenpassage überfielen und in der Schlacht bei Roncesvalles die Nachhut vernichteten. Unter den Toten war deren Befehlshaber, Karls Statthalter in der bretonischen Mark, Graf Roland (Hruotland). In der Folge stieg dieser zum Helden auf, um 1100 entstand das Rolandslied als Versepos, das ihn zum Christen-Heros verklärte und Karls Kriegszüge gegen die Heiden geschichtsfern verherrlichte.
Junger Roland stark verwittert
Rolands Karriere ging weiter: Als Mann aus der Provinz taugte er auch zum Sinnbild freier Städte gegenüber fernen Fürsten. Bekanntes frühes Beispiel ist der Bremer Roland, 1404 errichtet – die größte frei stehende Statue des deutschen Mittelalters, heute Unesco-Weltkulturerbe.
Diesen Status kann der Berliner Roland nicht erreichen. Die Muschelkalk-Kopie des alten Brandenburgers wurde 1905 gemeißelt, wahrscheinlich nicht einmal von einem Meister. Nach Martina Weinlands Einschätzung könnte das auch das Werk eines einfachen Steinmetzen sein, der am Brandenburger Modell Maß nahm und es übertrug. Dass der jüngere Berliner stärker verwittert ist als der alte Brandenburger liegt wahrscheinlich an den aggressiven Bestandteilen der Berliner Luft des Industrialisierungszeitalters.
Der Hohenzoller kommt
In Auftrag gegeben wurde die Figur im Zusammenhang mit dem Bau des Märkischen Museums. Dieses öffnete 1908 – unter dem Namen Provinzialmuseum. Seither steht der steife Kerl dort, selbst den Zweiten Weltkrieg überlebte er ungerührt, obwohl um ihn herum Bomben fielen.
Von einem historischen Vorgänger in Stein gibt es keinerlei Funde. Eine schöne Geschichte erzählt, dieser sei Opfer des Machtkampfes zwischen den Berlin/Cöllner Bürgern und ihrem Landesherrn Friedrich II. geworden. Demnach legte es der märkische Kurfürst, wegen seiner Härte Eisenzahn genannt, ab 1440 darauf an, seine Macht in Berlin zu festigen und eine Residenz zu errichten. Die Bürger sträubten sich, waren jedoch zerstritten.
Der Hohenzoller setzte sich durch, baute das erste Berliner Schloss und verlegte 1451 seinen Hauptsitz an die Spree. Die Bürger verloren weitgehend ihre Autonomie und viele ihrer Handelsprivilegien. Der Legende nach ließ Eisenzahn den Roland von der Langen Brücke (heute Rathausbrücke) in die Spree stürzen – symbolischer Vollzug der Bürger-Entmachtung.
Steinsuche in der Spree
So die Geschichte nicht die Wahrheit ist, so ist sie gut gelogen. Sie passt jedenfalls zu den Ereignissen. Zweimal hat man nach steinernen Roland-Resten gesucht. Zum ersten Mal 1887, als die Spree auf Veranlassung des Stadtarztes Rudolf Virchow ausgebaggert wurde – die Bürger hatten so viel Unrat in ihren Fluss entsorgt, dass sein Wasser die Volksgesundheit massiv gefährdete. Im Schlick lag vieles – alte Keramik, Gegenstände aus früheren Jahrhunderten, aber kein Stück Roland. So ging es auch 1937 beim Umbau der Mühlendamm-Schleuse im Rahmen der Großplanungen Albert Speers aus. Kein Stadt-Held nirgends.
So muss das Original als verloren gelten – so es je existiert hat. Präsent bleibt die Symbolik: Roland, Hüter der Freiheit, hält in der rechten Hand das erhobene Schwert, nicht drohend, aber wehrhaft – bereit die Rechte der Stadt zu verteidigen. Die kurze Waffe liegt in der gesenkten Linken, Loyalität mit dem Landesherrn bezeugend. Was der Betrachter nicht sieht, ist die Mulde oben im Haupt, den Platz für die Magie.
Dort pflanzten die Altvorderen Donnerkraut ein, auch als Hauswurz bekannt. Der lateinische Name deutet auf die Funktion: Sempervivum tectorum, „immerlebend auf dem Dach“ – als Schutz vor Blitz und sonstigem Unheil. Was bäuerlichen Hausdächern guttut, kann auch dem Städter nicht schaden.
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