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Der Wehrmachtsoffiziersdolch in meiner Schublade und allerlei dringliche Fragen

Nur ein Witz? Alles bloß unbewusst eingeübt? Oder Ausdruck des Widerstands? Ein Selbsterfahrungsbericht über rechte Tendenzen und Traditionen in Sachsen.

9 Min
Geschenk des Vaters: ein Wehrmachtsoffiziersdolch

Geschenk des Vaters: ein Wehrmachtsoffiziersdolch

© Philipp Hageni

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Ich wurde 1976 in der DDR geboren. Mein Vater war ein Dorfpfarrer mit vier Dörfern in der Gegend zwischen Karl-Marx-Stadt und Dresden. Freiberg war die nächstgrößere Stadt. Meine Kindheit war sehr DDR-dörflich geprägt.

Wenn ich heute in die bestürzten Gesichter meiner oft westdeutschen Mitmenschen schaue, die den Rechtsruck im Osten nicht verstehen können, sage ich immer: Bei uns früher auf dem Dorf in der südlichen DDR, im jetzigen Raum Sachsen, gab es schon immer unterschwellig mal mehr oder mal weniger starke rechte Tendenzen. Es war unbewusst eingeübt und normal.

Mir ist noch sehr bewusst, wie ich als etwa Zehnjähriger mit meinem 13-jährigen Bruder in die örtliche Schankstube in unserem Dorf trat und der Stammtisch laut aufschrie, lachte und grölte: „Hageni, du Judennase!“ Hageni ist unser Nachname, und mein Bruder hat eine etwas von der Norm abweichende große Nase.

Unter der Hand von Mund zu Mund weitergegeben

Schon damals als Kind Ende der 80er-Jahre hat mich dieser Ausruf sehr verwundert. Denn es wurde in der DDR eigentlich nie über Juden oder die Judenverfolgung im Dritten Reich gesprochen. Es ging immer nur um kommunistischen Widerstand im NS-Staat. Aber scheinbar hatte da trotzdem etwas zwischen den Zeilen überlebt. Unter der Hand von Generationen von Mund zu Mund weitergegeben.

Auf unserem Dorffriedhof gab es ein Grab für die Opfer der NS-Todesmärsche von Auschwitz Richtung Westen. Neun jüdische KZ-Häftlinge wurden dort begraben, nachdem sie von der SS einfach am Wegesrand ermordet und liegen gelassen worden waren. Unter der Dorfbevölkerung war es immer: das Judengrab.

Jeder im Dorf kannte das Grab und das Schicksal der Toten sehr genau. Es wurde von allen Dorfbewohnern übereinstimmend als grausam empfunden, was die SS dort gemacht hatte. Und trotz dieses dörflichen Bezugs zu jüdischen Opfern des NS-Regimes dieser ganz sicher irgendwie lustig gemeinte Spruch: Du Judennase!

Mit dem Älterwerden wird mir außerdem immer mehr bewusst, wie sehr das DDR-Regime über die Nazivergangenheit der eigenen Bürger, bewusst oder unbewusst, eine Decke warf, unter der man sich nach Belieben einrichten konnte. Öffentlich wurde immer mit viel Tamtam der Antifaschismus dick aufgetragen. Es gab verschiedenste Ehrungen für vor allem kommunistische Widerstandskämpfer in der DDR, die nach offiziellem Sprech den Faschismus bekämpft hatten. Es war nicht das NSDAP-Regime. Es war nicht das Dritte Reich. Es waren immer die Faschisten.

In unserem Geschichts- und Staatsbürgerkundeunterricht in den 80er-Jahren in der sozialistischen DDR-Schule waren die Nazis also immer die Faschisten. Wenn ich aber am Nachmittag meine Schulkameraden in ihren Bauernhäusern besuchte, hingen da die Großväter auf gestochen scharfen Fotos im vollen Ornat ihrer Wehrmachtsuniformen. Oder ihre gefallenen Brüder.

Gulaschkanone à la Wehrmacht als Attraktion auf dem Volksfest

Gulaschkanone à la Wehrmacht als Attraktion auf dem Volksfest

© Philipp Hageni

Mein Vater war der heimliche Held

Dass diese Menschen an den Wänden die eigentlichen Faschisten waren, wurde vom Staat dezent umgangen. Im Schulunterricht wurde in meiner Erinnerung nie ein Zusammenhang zwischen den eigenen Opas und den Faschisten hergestellt. Man musste sich nicht damit auseinandersetzen.

In den spärlichen Erzählungen der Opas aus dem Krieg wurde auch immer betont, dass sie dort nichts Schlimmes gemacht, sondern nur Schlimmes erlebt hatten. Die gefallenen Soldaten der deutschen Wehrmacht wurden in der DDR, in meinem Erleben, nicht erwähnt. In den Kirchen und im Privaten wurde aber sehr wohl dieser Opfer gedacht.

Mein Vater war bei den örtlichen Mitgliedern der Kirchengemeinde äußerst beliebt. Als Pfarrer verstand er es außerordentlich gut, über das Nichtaussprechbare zu sprechen. Offiziell durfte natürlich nicht über die Wehrmachtsvergangenheit gesprochen werden – das war tabu. Aber da mein Vater als Pfarrer dem System sehr bewusst im Widerstand gegenüberstand, bediente er aktiv diese Bedürfnisse seiner Zuhörer. Bei Trauerfeiern, in den Beerdigungspredigten, besprach er immer ausführlich und vor allem die Leistungen der männlichen Toten in der Wehrmacht.

Da das sonst nicht gemacht werden durfte, war der Herr Pfarrer natürlich bei der dörflichen Bevölkerung der heimliche Held. Es war offen gezeigter Widerstand gegen das System. Jeder wusste es. Aber verhindert wurde das nicht vom Regime. Es wurde geduldet.

Mir ist das zuletzt so richtig aufgefallen, als mein Vater in den 2010er-Jahren den über 90-jährigen Bruder meines Opas beerdigte. Den Großteil der Predigt über das Leben des Verstorbenen nahm das detaillierte Herbeten der Leistungen in der Wehrmacht ein – viel mehr als das eigentliche, über 90 Jahre dauernde Leben selbst.

Ich fragte nach: „Hast du das immer so bei Beerdigungen gemacht, auch in der DDR?“ Natürlich hatte er das immer so gemacht. War und ist mein Vater deshalb ein Nazi? Nein, ist er nicht. Er hat seit 1990 immer die Grünen gewählt und war und ist ein glühender Befürworter der Demokratie. Er wollte eher auf den Missstand im DDR-System hinweisen – das Fehlen der Ehrung der Toten und Verwundeten des Zweiten Weltkriegs.

Und ja, er hat auch ein Faible für skurrile Antiquitäten. Er sammelt leidenschaftlich alte Gegenstände und ist sehr geschichtsinteressiert. Ich bekam mit etwa elf Jahren von ihm einen Wehrmachtsoffiziersdolch geschenkt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie er ihn mir mit einem speziellen Augenzwinkern gab. Ich wusste schon als Elfjähriger sehr genau, wie ich das zu nehmen hatte. Das war nicht als Ehrung oder Gedenken an die Nazis gemeint. Nein. Dieses Weitergeben von verbotenen Nazi-Devotionalien war in gewisser Weise heimlicher und vor allem augenzwinkernder Widerstand gegen das DDR-Regime, das mein Vater leidenschaftlich bekämpfte.

Nimm es ernst oder mit Humor ...

Nimm es ernst oder mit Humor ...

© Philipp Hageni

Fotos vom falschen Hitler

Als Ergebnis dieser verschiedenen Welten aus offizieller Faschistenverurteilung und privater Totenehrung konnte in meinem Erleben im dörflichen Raum eine gewisse Verklärung des NS-Staates wachsen. Man machte nämlich permanent wohlmeinende Witze über die Nazivergangenheit, so wie man auch Witze über den Staatsratsvorsitzenden Honecker machte. Das war „cool“, weil es gleichzeitig auch Widerstand gegen das System war. Und Mitte der 80er-Jahre traute man sich auch immer mehr, das offen auszusprechen – oder entschärft in humoristischer Form über das Nichtaussprechbare zu witzeln.

Der 20. April, Führers Geburtstag, wurde und wird in meinem Erleben hinter vorgehaltener Hand auf dem Gebiet der ehemaligen DDR im dörflichen Raum gern humoristisch ausgeschmückt. Es ist für mich beispielsweise völlig normal, dass irgendjemand am 20. April einen „Führerspruch“ macht und alle darüber lachen.

In diesem Zusammenhang sehe ich auch den unterschwelligen allgemeinen Umgang mit der Nazivergangenheit im Raum Sachsen. Als zuletzt 2020 beim Motorrad-Wintertreffen auf der Augustusburg in einer auf Wehrmacht getrimmten historischen sowjetischen Beiwagenmaschine – nebst Fahrer in Wehrmachtsuniform – ein kostümierter Hitler saß, johlte und lachte die Menge. Sogar die sächsischen Polizisten machten grinsend Fotos vom falschen Hitler. Niemand der Anwesenden fand etwas falsch oder anstößig daran. Es wird als witzig empfunden – und unterschwellig natürlich auch als „gegen das System“. Es ist eingeübt. Seit Jahrzehnten.

Das Horst-Wessel-Lied im Chor

Oder: Auf einem Dresdner Oldtimermarkt gibt es seit vielen Jahren einen Imbissstand, den eine Wehrmachtstraditionsgruppe betreibt. Wehrmachtssoldaten in voller Uniform geben neben originalen Wehrmachtsfahrzeugen mit „88“ auf den Kennzeichen Bockwürste aus. Das alles natürlich unter dem Vorwand, es sei Traditionspflege. Ich war dort und habe darüber im Sat.1-„Frühstücksfernsehen“ selbst berichtet. Niemand stört sich daran. Im Gegenteil: Die Besucher lachen, wenn dort ihre Bockwürste aus Wehrmachtsgulaschkanonen gereicht werden.

Auf sächsischen Heimatfesten ist die gleiche Traditionstruppe mit den NS-Militärfahrzeugen eine gern gesehene Attraktion. Die Zuschauer stoßen sich lachend an, wenn die grausige Kolonne vorüberzieht. Fragt man sie, ob sie das denn nicht seltsam finden, starrt man in Gesichter voller Entrüstung, die einem entgegenhalten: „Du verstehst keinen Spaß!“ „Das ist doch gar nicht so gemeint!“ „Das ist ganz spezielle sächsische Traditionspflege.“ Ich sage es noch einmal: Es ist eingeübt. Seit Jahrzehnten.

Dazu kommt aus meiner Sicht in den letzten Jahren, dass durch die sozialen Medien auch im öffentlichen Raum viele Hemmschwellen gefallen sind. Noch in den 90er-Jahren war es vielfach undenkbar, offen Reichskriegsflaggen an seinem Haus zu hissen – jetzt macht man es. Denn warum nicht in aller Öffentlichkeit zeigen, was bei Facebook und Co. kein Problem ist? Was einstmals im Privaten lachend gemacht wurde, erreicht jetzt massiv den öffentlichen Raum. Man findet nichts dabei. Es ist normal. Es ist eingeübt.

Zuletzt hatte ich noch ein anderes Erlebnis mit dieser Art von DDR-Vergangenheit. Meine Freundin kommt aus einer sehr dörflichen Gegend im Fläming, irgendwo hinter Jüterbog – ähnlich wie die dörfliche Heimat meiner Kindheit, aber in Brandenburg. Bei einer Familienfeier unterhalte ich mich mit einem netten älteren Familienmitglied über die Stasi – wie gut oder schlecht sie im dörflichen Raum gearbeitet hat. Er erzählt mir, dass in den 80er-Jahren auf einem dieser Dörfer im Gasthaus alle Anwesenden immer gemeinsam laut im Chor im Schankraum das Horst-Wessel-Lied gesungen haben. Jede Woche freitags. Das ganze Lied. Und alle Anwesenden konnten alle Strophen. Ihn wundert, dass die Stasi das nie unterbunden hat. Es war wohl freitags immer Tradition, dort in der Gastwirtschaft das Horst-Wessel-Lied anzustimmen.

Eine dringliche Empfehlung

Wie bitte? Die Stasi hat das nicht unterbunden? Alle Anwesenden konnten alle Strophen des Horst-Wessel-Lieds? Niemand hat laut gesagt: „Hört auf mit dem Scheiß!“ Es war und ist Tradition. Es war und ist eingeübt.

Ich habe immer noch den Wehrmachtsdolch von meinem Vater in einer Schublade liegen. Macht mich das zu einem Nazi? Ich kann es nicht genau sagen. Denn auch ich ertappe mich dabei, wie ich in lustigen Runden einen nicht immer korrekten Spruch mache. Was ich aber jedem aus eigener Erfahrung empfehlen kann: Setzen Sie sich kritisch mit diesen erlernten und vererbten Ansichten auseinander. Angesichts der Grausamkeit des NS-Regimes bleibt das eine sehr wichtige Sache.

Philipp Hageni ist ein 50 Jahre alter Pfarrerssohn aus dem Umland von Freiberg in Sachsen. Er macht seit 1999 Boulevardfernsehen, vor allem für die ProSieben/Sat.1-Gruppe. Seit zwölf Jahren ist er ein Gesicht des Sat.1-„Frühstücksfernsehens“ und dort als On-Air-Reporter unterwegs.

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