Eine Frage des Ernstes

Iván Fischer dirigierte im Konzerthaus Mahlers Auferstehungssinfonie

Clemens Haustein
3 Min
Blick ins Konzerthaus

Blick ins Konzerthaus

© dpa/Britta Pedersen

Vielleicht hilft uns ja das Internet dabei, die Furcht vor dem Tod zu mildern. Irgendwie leben wir ja alle weiter – in Form unserer Facebook-Einträge, in den Digitalfotos, die unsere Aktivitäten bezeugen, in den Sprüchen, die sie präsentieren. Jeder Internetnutzer schreibt fortwährend an der Dokumentation seines Lebens, und wenn es nur die E-Mails sind, die gespeichert bleiben. Möglich, dass so etwas Beruhigung verschafft im Hinblick auf letzte Dinge. Vielleicht sind dadurch auch nur die Wege vielfältiger geworden, auf denen sich dem Gedanken an den Tod ausweichen lässt.

Gustav Mahler hatte so etwas noch nicht. „O glaube, mein Herz, o glaube: Es geht dir nichts verloren!“, musste er noch dichten in seiner 2. Sinfonie, der „Auferstehungssinfonie“. Dass nichts mehr übrig bleiben würde, musste ein quälender Gedanke sein für den aufstiegswilligen Mann aus der Provinz, einen Workoholic, der zielstrebig die Karriereleiter als Opernkapellmeister emporklomm. „O glaube: Du warst nicht umsonst geboren! Hast nicht umsonst geliebt, gelitten“, dichtete Mahler weiter für die Gesangseinlagen im Schlusssatz der Sinfonie; Zeilen, die von der Sorge zeugen, am Ende der Tage auch etwas zu bekommen für das, was man aufgewendet hat. Ob wir ihm da noch folgen können?

Am Freitagabend wurde die 2. Sinfonie vom Konzerthausorchester unter Iván Fischer gespielt, es schien, als könnten sich Orchester und Dirigent nicht recht einigen, wie ernst sie Mahler nun nehmen wollten. Fischer, so weiß man und so sieht man, fühlt sich Mahler so nah wie kaum einem anderen Komponisten. Mit Leichenbittermiene kommt er zum ersten Satz, der sogenannten Totenfeier, aufs Podium des Konzerthauses; vielleicht ist es auch nur die Vorahnung, dass er mit seinem Orchester zu kämpfen haben wird. Denn seine Musiker bleiben an diesem Abend eigenartig verdruckst. Abgesehen von der Flöte kaum ein Bläser, dessen beherztes Solo bezeugen würde, dass Mahlers Anliegen auch das seine wäre; Streichergruppen wirken verschlafen-uneinheitlich, im Blech hat man an den anspruchsvollen Partien zu knabbern. Iván Fischer wiederum hat gerade dann seine Stärken, wenn er vermittelnd zusammenführen darf, was ein aufgewecktes Orchester ihm anbietet. Was aber, wenn keiner die lange Leine nutzen möchte? Eine Mahler-Sinfonie lässt sich damit schwer bestreiten. So bleibt es bei wundervollen Stellen, an denen Fischer sein sehr innerliches, mitfühlendes Mahler-Verständnis deutlich macht: im ersten Satz etwa, wenn immer wieder tröstend idyllische Momente sich auftun. Wie die ersten Geigen diesen Atmosphärenwechsel mit himmlischer Verzögerung einleiten ist unnachahmlich – nur dass sich die Hörner in der Fortführung wenig darum kümmern und ihren eigenen Stiefel blasen.

Und dann ist am Ende doch wieder alles sehr schön. Elisabeth Kulman singt mit tröstend raunender Stimme das „Urlicht“, der Philharmonische Chor aus Brünn schmettert die Glaubensgewissheit vom ewigen Leben – und das Orchester lässt im Schlussfortissimo endlich auch seine Verzagtheit hinter sich.

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