Eine neue Art „Endspiel“

Jan Bosses Inszenierung „Don Quijote“ von Jakob Nolte nach Cervantes kommt von Bregenz ans DT

Doris Meierhenrich
4 Min

In der Pause dieses sicher kürzesten Zweieinhalbstünders in der jüngeren Geschichte des DT lohnt es sich, einen Blick ins Programmheft zu werfen. Da erzählt Regisseur Jan Bosse plötzlich etwas von den Schwierigkeiten, Miguel de Cervantes’ Jahrtausend-Roman „Don Quijote“ auf die Bühne zu bringen. Dinge, an die man beim Betrachten des so leicht wirkenden Ergebnisses keinen Moment mehr dachte. Aber es stimmt ja, was Bosse da sagt, dass nämlich jeder glaubt, den Don Quijote gut zu kennen, den edelmütigen „Ritter von der traurigen Gestalt“, den Schwärmer für Recht und Ehre und furchtlosen Kämpfer gegen eine stete Übermacht eingebildeter Feinde, und neben ihm den kleinen, dicken, Knappen Sancho Panza. Dabei hat kaum jemand den 1 200-Seiten-Roman aus den ersten Tagen des 17. Jahrhunderts je gelesen. Zumindest nicht mehr als ein paar Hundert Seiten.

Die Hauptfiguren sind also längst eingenäht in feste Bilder, die man „kulturelles Gedächtnis“ nennt, ihre Windmühlen-Abenteuer sind sprichwörtlich, aber niemand kennt sie wirklich aus erster Hand. So viel jedenfalls scheint klar: Jedes Quijote-Abenteuer beginnt mit einer Verwechslung, mündet in eine derbe Prügelei und endet mit seiner Niederlage. Keine schlechten Voraussetzungen eigentlich für eine gründliche Neusichtung des Textes. Doch ganz so neu wird es im DT dann auch wieder nicht, wo Bosses Inszenierung nun angekommen ist, nachdem sie im Juli bereits bei den Bregenzer Festspielen Premiere feierte. Und trotzdem ist aus der produktiven kleinen Verschwörung, die hier Kern der Sache ist, zwischen Bosse und den zwei Ausnahmeschauspielern Ulrich Matthes und Wolfram Koch, die schon 2007 Becketts „Endspiel“ zum Erfolg schmiedeten, ein selten frischer, spielerisch gedankenreicher Abend geworden. Maßgeblichen Anteil daran hat diesmal aber auch ein vierter im Bunde: Autor Jakob Nolte. Dass der 31-Jährige ein besonderes Talent zum grotesken Realismus besitzt, darin Cervantes nicht fern, hat er schon in etlichen Stücken bewiesen, zuletzt bei den Autorentheatertagen 2016 mit dem Zwei-Frauen-Dialog „Gespräch wegen der Kürbisse“. Sein „Don Quijote“ nun bleibt inhaltlich nah am Roman, macht formal aber gleich mehrere Salti, indem er Sancho Panza diskret zum eigentlichen Chronisten und Arrangeur des Spiels adelt. Zusammen kondensieren Nolte und Bosse Cervantes' ausgreifende Ritterparodie in eine neue Art „Endspiel“, indem sie die beiden Abenteurer nun als Beckettsche Gestrandete im Irgendwo zeigen, die die heldenhaften Geschichten von einst – ob wahr, angelesen oder ausgedacht – immer wieder von neuem durchspielen (dabei auch aktualisieren und hinterfragen), um die trübe, von Lüge und Kriegsqualm dampfende Gegenwart um sie herum mit höherem Sinn zu füllen.

Ja, dichter Rauch spielt keine geringe Rolle an diesem nüchternen, trotzdem nie unpoetischen Schauspielerabend, der die stete Gewalt, die wolkige Sehnsucht und die heiße Luft der Quijote’schen Gedanken und Rhetorik gleichermaßen ins Bild setzt. Dass ein alter Container reicht, um das ewig Gestrige sowie verheißungsvoll Zukünftige des sonderbaren Paares – Träumer und Realist – ins Heute zu transportieren, ist eine der Wunderbarkeiten dieses Abends. Wenn Wolfram Koch ihn wie ein Kahnschlepper über die Bühne zieht oder Ulrich Matthes als Triumphator auf seinem Dach zum Angriff bläst, ist er klägliche Behausung, kulturelle und soziale Last, gedankliche Wunderkiste und großspurige Weltbühne zugleich. Auf ihm wirkt Matthes mit seiner schmächtigen, fast ausgezehrten Gestalt und dem gebrochenen Blick, in grauer Sporthose und mit einem flatterigen Helm aus Alufolie auf dem Kopf noch ein bisschen entrückter. Auch trauriger. Zwischen Dünkel und Verletzlichkeit gibt Matthes ein fast durchsichtiges Wolkenwesen. Und dass Wolfram Koch, dessen grotesker Schaumstoffunterleib die Stretchjeans darüber spannt wie ein Geschoss, mit seinem schneidend-bösen Komikertalent den Sancho zum eigentlichen Herrn des Abends macht, war fast erwartbar. Nur ist es ein sorgender, sozial aufmüpfiger, geradezu hegelianisch durchkreuzter Herr, der seinen Mündel gewordenen Meister nie übervorteilt. Auch wenn man sich am Ende etwas die Augen reibt, wie glatt alles ineinanderfließt, wie sich Spiel- und Wirklichkeitsebenen hier unbeirrt Raum geben – Cervantes' Zeit, Quijotes Buchheldentum und das Bühnen-Ping-Pong der Stars –, dann ist doch keineswegs ein Selbstläufer daraus geworden. Quijote und Sancho werden sich langsam fremd und im besten Sinne uns.

Don Quijote 14., 20.10., 19.30 Uhr, Deutsches Theater, Kartentel: 28441225

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