Eine Potsdamer Ausstellung zeigt Frauenbilder aus Brandenburg-Preußen

Die Politik der schönen Schulter

Nikolaus Bernau
5 Min

Preußen sei ein harter Männerstaat gewesen, hieß es lange. Spätestens in der Kaiserzeit wurde dieses reaktionäre und gewaltverherrlichende Bild populär gemacht, etwa in dem 1916 erschienenen, unerhört erfolgreichen Buch Moeller van den Brucks "Der preußische Stil". Bis in die heutigen Aufzüge von "Langen Kerls" und die immer noch wirksame Verherrlichung von König Friedrich II. als einem herausragenden Militärbefehlshaber und gerechten Fürsten - beides war er nur sehr bedingt - wirkt es sich aus. Wie sehr jedoch dieses Preußenbild eine allenfalls grobe Stilisierung ist, ist als Hintergrundrauschen der Geschichte oft gesagt worden. Doch wohl noch nie hat man es so schön erleben können wie derzeit in einer feinen Ausstellung im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam.42 Porträts von Frauen, die für Preußen bedeutsam waren, sind hier auf Zeit zu sehen: beginnend beim Staatsporträt der Königin Sophie Charlotte über das biedermeierliche Bildnis der Opernsängerin Henriette Sontag, das romantische Porträt Fanny Hensels (geborene Mendelssohn Bartholdy), den Fien de Siecle-Rausch Kronprinzessin Cecilies bis hin zur Strenge Marlene Dietrichs und mondänen Dekadenz von Brigitte Gräfin Bismarck. Die Bildnisse sprechen von Anpassung und sogar Unterwerfung, aber auch von Selbstbewusstsein und kraftvoller Emanzipation aus gesellschaftlich vorgegebenen Rollen. Antoine Pesnes Porträt der Tänzerin Barbara Campanini, der "Barbarina", etwa lässt ahnen, warum sich Friedrich II. so anstrengte, den Star unter Einsatz gewaltiger Finanzmittel und schließlich rabiaten politischen Drucks an seine neue Oper zu holen - man ahnt, wie unerhört kapriziös diese später so sittsame Stiftsdame war. Pesnes Bild der Wilhelmine von Bayreuth zeigt eine kluge, belesene Frau, die mit ihrem berühmten Bruder, Friedrich II., intellektuell konkurrierte. Anna Elisabeth, Gräfin Raczynska wurde von Carl Wilhelm Wach in altmeisterlicher Präzision gezeigt: mit zierlichen Broschen, Blumen und in schweren Stoffen, was im frühen 19. Jahrhundert als Ideal der bürgerlichen Raffael-Renaissance galt - während Kronprinzessin Victoria, die nur kurz Kaiserin sein durfte, von Heinrich von Angeli in der Künstlerpose van Dycks und Rembrandts gemalt wurde. Das andere Ende der Selbstdarstellung markiert Lotte Jacobis Fotografie von Käthe Kollwitz: Diese erscheint streng und durchaus kämpferisch, aber auch verhärmt und traurig.So exquisit die meisten Gemälde auch sind, einen guten Teil ihres Reizes bezieht diese Ausstellung aus den Geschichten und Geschichtchen, die mit den dargestellten Frauen verbunden sind. Zwar muss man den in jeder Hinsicht hervorragenden Katalog zur Hand nehmen, um mehr als die in einem kleinen, kostenlos mit dem Ticket ausgegebenen Führungsheftchen stehenden biografischen Daten zu erfahren. Doch auch die Inszenierung der Werke im schwer zu bespielenden oberen Saal des einstigen Kutsch-stalls verrät die Spannung zwischen den Menschen, Epochen, Geschichten. Die Kuratoren Sven Kuhrau und Isabelle von Marschall sowie der Ausstellungsarchitekt Christian Papst haben sich entschlossen, den Saal mit kraftvoll farbigen Stellwänden zu versehen, welche die Grundfarben der einzelnen Gemälde aufnehmen - mit denen ihrer Nachbarn werden sie zu einem regelrechten Farbrausch zusammengeführt. Selten hat man in der jüngeren Zeit alte Kunstwerke in jeder Hinsicht so frisch, so lebendig erlebt wie hier.Die Ausstellungsmacher haben die Gemälde und Fotografien aber auch mit unterschwelliger Skandallust arrangiert, selbst wenn jedes Exponat seinen eigenen Entfaltungsraum, seine eigene Wand hat. Königin Friederike Luise von Preußen blickt im Rahmen ihrer physischen Möglichkeiten lockend, aber letztlich doch verzweifelt auf ihre ewige Konkurrentin, die Geliebte und spätere Freundin des Königs Wilhelmine Enke, die sich im Gegensatz dazu streng bürgerlich malen ließ: hochgeschlossen und vornehm. Eiskalt zeigt Hedwig Weißbach ihre bemerkenswert schönen Schultern der erst hoch angesehenen und dann gesellschaftlich geächteten Therese Ravenne, deren Scheidungsprozess die frühe Kaiserzeit derartig erregte, dass ihr Porträt noch nachträglich so beschnitten wurde, dass es dem eines venezianischen Hurenbilds entsprach.Abgeschlossen in einem eigenen Kabinett sind die erotischen Lithografien zu sehen, die Charlotte Berend von der Tänzerin Anita Berber machte; Berends' von Lovis Corinth gemaltes Bildnis ist direkt davor zu bewundern. Selbstbewusst sieht Marianne Hoppe in den Raum, mit Hut und Pelzkragen im Jahr 1926 gemalt von Werner Fechner, der ein Jahrzehnt später seiner jüdischen Vorfahren wegen diskriminiert wurde - während die Hoppe zum Star wurde. Nur im Rückblick ahnen wir das kommende Unglück, dass sich in Lotte Lasersteins letztlich hochpolitischem Selbstporträt als Polly, neben Mackie Messer, in der linken "Dreigroschenoper" andeutet. Es ist ein malerisches Bravourstück von 1932, voller Melancholie und wütend-kalter Distanz zur Welt. Fünf Jahre später flüchtete die Künstlerin aus Deutschland nach Schweden; dort starb sie 1993 und wird erst jetzt nach und nach wieder entdeckt.In Potsdam spannen sich mit dieser Ausstellung zweieinhalb Jahrhunderte preußischer und deutscher Kunstgeschichte auf, die zugleich europäische Gesellschaftsgeschichte ist. Nichts spürt man da von der Heroisierung der Königin Luise zur vaterlandsrächenden Supermutter oder ihrer noch peinlicheren Stilisierung zu einer Lady Di of Prussia. Präsentiert werden hier Frauen, die sich künstlerisch erstklassig überliefern lassen wollten und für einen anderen Staat standen als jenen, dessen Ideal der Gardeoffizier war. Sicherlich ist diese Ausstellung der Höhepunkt des brandenburgischen Kulturlebens in diesem Jahr. In ihrer Inszenierung ist sie jedenfalls eine der gewagtesten Schauen, die in diesem Jahr in Deutschland zu sehen sind.-----------------------Preußens Eros - Preußens Musen:Frauenbilder aus Brandenburg-PreußenAusstellung bis 2. Januar 2011 im Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Kutschstall, Am Neuen Markt 9. Geöffnet Dienstag bis Freitag10 bis 17 Uhr, Sonnabend/Sonntag 10 bis 18 Uhr, Montag geschlossen.Katalog 247 Seiten, Broschur, 28 Euro.------------------------------Foto: Cecilie, Kornprinzessin von Preußen, 1908 gemalt von Philip Alexios de LßszloFoto: Wilhelmine, Markgräfin von Bayreuth, Porträt von Antoine Pesne, gemalt um 1750

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