Nachruf

Einfühlsam und atonal: Das Jazz-Genie Carla Bley ist tot

Carla Bley hinterließ seit den 1960er-Jahren tiefe Spuren in der New Yorker Jazz-Szene. Nun ist die auffällige Komponistin im Alter von 87 Jahren gestorben.

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Die Jazz-Pianistin und Komponistin Carla Bley (1936–2023)

Die Jazz-Pianistin und Komponistin Carla Bley (1936–2023)

© Bernd Thissen/dpa

Ihre Erscheinung signalisierte ein unbedingtes Kunstwollen, das in jeder ihrer oft wirr herunterhängenden Haarsträhnen enthalten zu sein schien. Improvisation – mal musisch einfühlsam, mal herausfordernd atonal. Dabei widersprach fast alles, was Carla Bleys Wirken ausmachte, den Attributen einer auf Show ausgerichteten Zeremonien-Meisterin. Vielmehr changierte die Umsetzung ihrer kompositorischen Ideen zwischen hohem Ernst und ironischer Leichtigkeit. Sehr treffend hat es vor einigen Jahren der Musikkritiker Wolfgang Sandner auf den Punkt gebracht, als er schrieb, man müsse schon mitdenken mit der unorthodoxen Tochter eines Kirchenmusikers. Es gehe darum, ihrer Ironie standzuhalten und gleichwohl ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie sie Konventionen bricht, indem sie scheinbar adaptiert.

„Escalator Over The Hill“ – eine Art Pop-Olymp

Ihre ersten tiefen Spuren hinterließ die 1936 in Oakland, Kalifornien geborene Carla Bley mit der oft als Jazz-Oper bezeichneten Komposition „Escalator Over The Hill“, die zwischen 1968 und 1971 entstand und schließlich als Dreifachalbum erschien. In dem Werk wird keine stringente Handlung verfolgt, vielmehr handelt es sich um die Umsetzung poetischer Texte von Paul Haines, in denen mehrere Charaktere einander immer wieder begegnen. „Escalator Over The Hill“ war zugleich die avantgardistische Manifestation einer popmusikalischen Szene, die längst aufgebrochen war, enge Genregrenzen hinter sich zu lassen.

Zu den Mitwirkenden gehörte Jack Bruce von der als Supergroup verehrten Band Cream, der Gitarrist und später als König der Fusion-Bewegung gefeierte John McLaughlin sowie neben vielen anderen der Bassist und Komponist Ron McClure. Die Country-Sängerin Linda Ronstadt gab der Figur Ginger ihre hinreißend vielseitige Stimme und machte sehr früh deutlich, dass sie nicht gewillt war, sich auf das niedliche Country-Girl festlegen zu lassen, als das sie irrtümlicherweise lange betrachtet worden war.

Bereits in den frühen 60er-Jahren war Carla Bley in der New Yorker Jazz-Szene eine weithin akzeptierte Größe. Sie spielte mit dem Saxofonisten Pharoah Sanders, und ab 1964 leitete sie zusammen mit Michael Mantler das Jazz Composer’s Orchestra. Kurz darauf spielte sie auch mit dem liebenswerten, kürzlich verstorbenen Formen-Zertrümmerer Peter Brötzmann.

Zu Beginn der 80er-Jahre arbeitete Carla Bley auch am Album des Pink-Floyd-Schlagzeugers Nick Mason mit, das unter dem Titel „Nick Mason’s Fictitious Sports“ erschien. Für Kenner der Jazzszene war es ein exquisiter Höhepunkt einer fast vergessenen Berliner Jazzkultur, als Carla Bley im November 2017 im Friedenauer Zig Zag Jazz Club in der Hauptstraße zusammen mit Dave Douglas, Jim Doxas und ihrem langjährigen Partner Steve Swallow auftrat. Am Dienstag ist Carla Bley im Alter von 87 Jahren an den Folgen eines Hirntumors gestorben.

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